Schiller-Gymnasium

„Den Arsch hochkriegen“: Diskussion mit Robert Habeck in Leipzig

Robert Habeck (rechts), Bundesvorsitzender der Grünen, mit Lehrer Jens-Uwe Jopp vor der Diskussion im Leipziger Schiller-Gymnasium

Robert Habeck (rechts), Bundesvorsitzender der Grünen, mit Lehrer Jens-Uwe Jopp vor der Diskussion im Leipziger Schiller-Gymnasium

Leipzig. Robert Habeck kann derzeit übers Wasser gehen. Der beliebteste Politiker Deutschlands ist ein Phänomen, das Kommentatoren landauf-landab zu knacken versuchen. Warum eigentlich? Gestern war der 49-Jährige, neben Annalena Baerbock Bundesvorsitzender der Grünen, im Leipziger Schiller-Gymnasium zu Gast. „Schiller-Akademie“ heißt das Format, das Deutsch- und Geschichtslehrer Jens-Uwe Jopp initiiert hat. Bisher waren der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer und Linken-Politiker Gregor Gysi da, am Dienstagabend kam RB-Trainer Ralf Rangnick und am Mittwochvormittag dann Robert Habeck. Überschrift: „Macht unser Bildungssystem noch demokratisch gebildet?“

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Bis auf den letzten Platz gefüllt ist die Aula. Links sitzt Jopp, in der Mitte Habeck, von rechts oben blickt Schiller auf das, was da in seinem Namen veranstaltet wird. Jopp kratzt erstmal ein bisschen im politischen Tagesgeschäft und fragt nach Kevin Kühnert und seinen das Land so eigenartig erschütternden „Sozialismus-Thesen“. Habeck ist sofort auf Betriebstemperatur, kommentiert locker: „Dusselig, übers Ziel hinausgeschossen“ seien die Vorschläge etwa einer Kollektivierung großer Unternehmen. Allerdings sei die darauf folgende Empörungswelle unangemessen. Kühnert sei doch nicht die SPD. Das Thema habe die Politik über Tage beschäftigt. Da habe er das Spiel Liverpool gegen Barcelona weitaus spannender gefunden.

Damals im Leiteinunterricht

Schnell geht es um Schule und eigene Bildungserlebnisse, die sich nicht planen lassen. So habe er zwar das Große Latinum, aber das sei alles weg. Nicht vergessen habe er allerdings, was ihm seine Lehrerin damals beibrachte: dass es hinter den Wolken unserer Kommunikation eine logische Struktur gibt, die uns auch lenke, so wie es eine Grammatik der Liebe gebe. Später habe er bei der Interpretation von Gedichten Paul Celans verstanden, wie dieser durch die Sprache wie auf einer Leiter ins Nicht-Sagbare vordringe und wie wichtig es sei, permanent weiterzureden, gerade weil da so viel Unsagbares, Unverstehbares zwischen den Menschen sei.

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Habeck spricht die Sprache der Schüler, ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Sie spüren: hier denkt, spricht, reflektiert und zweifelt ein Literat und Philosoph – gewissermaßen die Antithese eines Politikers der gerade dabei ist, die politische Landschaft zu verändern. Es gibt nicht viele Kollegen, bei deren Name Google als zweiten Begriff „Buch“ ausspuckt.

„Schulen nicht auf Inhalts-Vermittlungs-Anstalten reduzieren“

Schulen, meint der gebürtige Lübecker, sollten sich „nicht auf Inhalts-Vermittlungs-Anstalten reduzieren“ lassen. Wichtig seien Räume, in denen sich Schüler einbringen können. Und dann müsse eine Gesellschaft hinnehmen, dass sie wie in der „Fridays for Future“-Bewegung ihr Wissen auch anwendeten. „Weil sie im Unterricht aufgepasst haben, sind sie jetzt auf der Straße. Eine Generation erkämpft sich politisches Gehör, das ist doch großartig.“

Leidenschaftlich verteidigt Habeck dieses fragile, von Streit und Engagement lebende System Demokratie – mit Gewaltenteilung und Gewaltmonopol des Staates. Den Kapitalismus will er zähmen, nicht abschaffen. Warum man einen Staat unterstützen solle, der den Widerstand gegen seine Feinde sanktioniere, fragt eine Schülerin. „Unzufriedenheit ist das Argument dafür, seinen Arsch hochzukriegen und Dinge zu verändern“, sagt Habeck. Die Schüler machen es vor, nicht zuletzt den Grünen. Die Demos seien auch seiner Partei ein Stachel im Fleisch. „Wir müssen uns überlegen, ob wir zu lau geworden sind.“

„Lest Schiller“

„Lest Schiller“ ruft er den Schülern nach über zwei Stunden konzentrierter Diskussion und lang anhaltendem Applaus zu. Ein Sonnenstrahl kitzelt die Schillerbüste. Fast könnte man meinen, er habe kurz gelächelt, der Meister.

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Von Jürgen Kleindienst

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