Klassiker in neuem Sound

Der schärfste Schuss der Beatles – das Album „Revolver“ wird spät mit einer Ehrenbox gewürdigt

Collage: Klaus Voorman, ein Freund der Beatles aus Hamburger Tagen, schuf das ikonische Cover von „Revolver“.

Collage: Klaus Voorman, ein Freund der Beatles aus Hamburger Tagen, schuf das ikonische Cover von „Revolver“.

„Alles in allem kein schlechtes Album“, so drückt es Paul McCartney aus. Britische Bescheidenheit. Denn das, wovon er da spricht, ist eine Beatles-Platte und eins der Meisterwerke der Popmusik. Nein, nicht von „Sergeant Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“ ist die Rede, sondern von dem Album davor: „Revolver“ erschien am 5. August 1966 (in Deutschland eine Woche früher) und aus den lustigen Beatles, den lauthals bekreischten Idolen der ganzen globalen Teenagerheit, waren plötzlich hörbar andere Wunderwesen geworden. Heute erscheint ein neuer Mix des Albums in einer Luxusbox, zu dem McCartney in einem 100-Seiten-Begleitbuch unter anderem das genannte Understatement liefert.

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Die Veränderung der Fab Four war schon offen sichtbar: Gut, die Frisuren erinnerten noch an die alten Pilzköpfe der „She Loves You“-Tage, auf der Bravo-Blitztournee durch Deutschland, zu der sie direkt nach den „Revolver“-Sessions antraten, trugen sie auch noch einmal den uniformen Anzuglook der Pop-Nettlinge. Aber das war nur noch Nostalgiegarderobe: Auf der Coverrückseite von „Revolver“ (die Vorderseite hatte Klaus Voorman, Beatles-Freund aus Hamburger Tagen, collagiert) einte John, Paul, George and Ringo modisch nur noch der Hang zur Sonnenbrille. Mit „Revolver“ endete die Beatlemania, begann die Zeit der Beatles als Individualisten. Sie wurden jetzt Forscher, Spieler, wagemutige Abenteurer der Musik – Leute, die höher hinaus wollten als nur auf den Gipfel der Singlecharts.

Wie fremd klang „Love You To“ wohl in den Ohren von 1966

Denn allenfalls „Dr. Robert“ und „And Your Bird Can Sing“ erinnerten noch an die Beatjahre der Liverpooler. Mit „Taxman“, dem bockig-rockigen Mittelfinger gegen die neue Reichensteuer der Labour-Regierung, begann ein Beatles-Album erstmals mit einem Song aus der Feder von George Harrison statt aus denen von John Lennon und Paul McCartney. Und Harrison hatte mit „Love You To“ die erste von drei sitardominierten „indischen“ Beatles-Tracks (es folgten noch „Within You, Without You“ und „The Inner Light“) in der „Revolver“-Trommel. Wie fremd klang das wohl in den Ohren von 1966?

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Für „Yellow Submarine“ ließ ein Rolling Stone die Gläser klirren

„Got to Get You into My Life“ wurde, dank der spät hinzugefügten Bläser, die funkigste Nummer der Band. Bei „Eleanor Rigby“, der Geschichte der vielen einsamen und unbemerkt ihrem Ende entgegenlebenden Menschen, gesellten sich acht Streicher zu Paul McCartney, John Lennon und George Harrison (es gab kein Schlagzeug), um das Stück kammermusikalisch mit Traurigkeit zu fluten. Die kühnen Tonartwechsel von „Good Day Sunshine“ rangen Leonard Bernstein Bewunderung ab.

Und für den kinderliedhaften Jux „Yellow Submarine“, auf dem Tröten, Pfeifen, Ketten und sogar eine alte Zinkbadewanne zu hören waren, ließ Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones Gläser klirren. Heute lässt sich die Verwunderung und Verzauberung durch dieses Album nur erahnen. „Revolver“ war der Quantensprung.

Der Beatles-Pop hatte schon immer einen Schuss Extravaganz

Die Beatles hatten schon immer Extravaganz in ihren Beat fließen lassen. Mit Latinrhythmen („And I Love Her“), dem Einsatz von Flöten („You‘ve Got to Hide Your Love Away“) und Streichern („Yesterday“) und mit George Harrisons Sitar als Songschmuck („Norwegian Wood“) erweiterten sie die klassische Klangpalette der Popmusik der Sixties beständig. Sie verneigten sich vor dem französischen Chanson („Michelle“), vor dem Sirtaki eines Mikis Theodorakis („Girl“) und walzerten sogar („We Can Work It Out“). Das alles waren aber Petitessen gegenüber der Musik von „Revolver“, die niemals adäquat auf die Bühne zu bringen sein würde. Das wurde mit John Lennons Schlusstrack „Tomorrow Never Knows“ auch dem und der Letzten klar.

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Denn hier begann das Reich der psychedelischen Beatles, der Schöpfer späterer Songschönheiten wie „Lucy in the Sky with Diamonds“, „A Day in the Life“, „Strawberry Fields Forever“ und „I Am the Walrus“. „,Rubber Soul‘ war unser Marihuanaalbum, ‚Revolver‘ aber war Acid“, erklärte John Lennon 1971 in New York im Rückblick im St. Regis Hotel den Vorher-Nachher-Unterschied. LSD (auch Acid genannt) war damals über seine Verwissenschaftlichung durch die Harvard-Professoren Timothy Leary und Ram Dass (Richard Alpert) die Droge geworden, die das Versprechen einer perfekten Auslotung der Tiefen des Ichs gab.

John Lennon schrieb „Tomorrow Never Knows“ nach einem LSD-Trip

In den freien Monaten nach der Englandtour vom Dezember 1965, den ersten Ferien seit dem Start der Beatlemania, hatte John Lennon LSD ausprobiert. Was konnte durch diese Pforten alles kommen? Unglaubliche Songs wie das schlierige „Tomorrow Never Knows“, das Stück, das ursprünglich „The Void“ (die Leere) hieß und das Lennon direkt nach einem Selbstentdeckungstrip mit LSD in Angriff nahm. „Lege alle Gedanken ab“, sang er, „Gib dich der Leere hin – sie leuchtet, sie leuchtet.“ Und das fühlte sich an wie Kohlensäure, die durch die Ohren ins Gehirn drang – so als schwebe man acht Meilen hoch und seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

2022 - „Revolver“ muss sich seinen Jahrestag anderswo borgen

Am 28. Oktober bekommt nun „Revolver“, das im Liverpooler „The Beatles Story“-Museum ungerechterweise in einer kleinen Vitrine versteckt wird (nur ein Höfner-Violinbass ist da zu sehen – im Look von Voormans Albumcover), endlich den gebührenden Respekt. Sechs Jahre zu spät. Denn als in den Zehnerjahren die Zeit der dicken Halbes-Jahrhundert-Beatles-Jubiläumsboxen anhob, begann man 2017 mit „Sergeant Pepper“, es folgten Edelausgaben des „Weißen Albums“ aka „The Beatles“, von „Abbey Road“ und „Let It Be“.

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Nur „Revolver“ blieb ungewürdigt und muss sich heute, sechs Jahre nach seinem 50. Geburtstag, einen „runden“ Beatles-Jahrestag anderswo borgen. Was sich da anböte? Nun, es kommt halbwegs passgenau zum 60. Jubiläum der ersten Single der Beatles für das EMI-Label „Parlophone“. Am 17. Oktober 1962 sprang „Love Me Do“ in die britischen Hitparaden. Stoppte zwar noch früh auf Platz 17, stach aber mit seinem hüpfenden Rhythmus und der Mundharmonika aus dem Gros der Hitaspiranten heraus. Buchstäblich von Anfang an zeigten die Beatles ihr Genie.

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Auf der Luxusbox ist „Yellow Submarine“ eine schwermütige Ballade

Zu Ehren von „Revolver“ werden gleich diverse neue „kleinere“ Editionen auf CD und Vinyl auf den Markt gebracht, darunter sogar eine aparte Picture-Disc. Das Juwel freilich ist die Limited-Super-Deluxe-Box mit fünf CDs (wahlweise Vierfachvinyl und eine 7-Inch-EP). Enthalten ist der bekannte Monomix, der auf den originalen Mastertapes von 1966 beruht.

Es werden ferner 28 Mitschnitte aus den „Revolver“-Sessions gereicht – frühe Versionen der bekannten Songs (indes kein einziger neuer Song). Dazu kommen drei zu Hause aufgenommene Demos – darunter eine Skizze von „Yellow Submarine“, als das Lied noch eine schwermütige Akustikballade war („In the place, where I was born, no one cares, no one cares“, singt John – nicht Ringo – zur Akustikgitarre. Auch „Paperback Writer“ und „Rain“, die Songs der Sessions, die außerhalb des Albums als Single veröffentlicht wurden, sind zu finden. Und zwar in der bekannten Monowariante und – wie auch das Album – im neuen Stereomix.

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„De mixing“-Technologie - nie klangen die Songs so crisp wie heute

Und der ist auch der Grund für die verspätete Ehrung von „Revolver“. 2016 war es unmöglich, einen Dolby-Atmos-Mix des Albums zu erstellen, wie Giles Martin, Sohn von Beatles-Produzent George Martin ihn den nachfolgenden Beatles-Werken angedeihen ließ. Mithilfe der „de mixing“-Technologie, die Peter Jacksons Team für dessen Beatles-Doku „Get Back“ entwickelt hatte, konnte er die Instrumente auch bei Monoaufnahmen auf Vierspurbändern herausheben.

Wie seine Herangehensweise bei den Beatles-Mixen funktioniert, erklärte Produzent und Remixer Martin in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Musik wird in vielen verschiedenen Stücken und Stückchen aufgenommen. Das ist, wie einen Kuchen zu machen mit all seinen Ingredienzen. Um den Sound zu verbessern oder die Hörer sich der Musik näher fühlen zu lassen, brechen wir den Kuchen in seine Ingredienzen auf und fügen sie wieder zusammen, sodass sie sich alle besser entfalten können. Das ist der Remix. Aber wir tauschen nichts an den Takes aus. Du hörst dir am Ende genau dieselbe Aufnahme an wie zuvor.“ Gerade das remixte „Revolver“ wird nun die verblüffendste Alt-Neu-Erfahrung für Beatles-Fans. Dieser Kuchen ist Kuchen geblieben und zugleich Torte geworden. Nie zuvor klang „Revolver“ so plastisch, nie war der Sound so hochauflösend, so crisp wie 2022.

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Paul McCartney war beim Erscheinen von „Revolver“ nicht ganz so bescheiden wie heute: „Wir wollen nicht zurückgehen und Ideen von vor zwanzig Jahren wiederbeleben“, kommentierte er den Aufbruch. Und John Lennon sagte, der Titel sei „nur ein Name für eine LP, und er hat keine Bedeutung. Warum wollen alle immer einen Grund haben, sobald du dich nur bewegst? Es bedeutet ‚Revolver‘.“ Tatsächlich aber war der Name Programm – eine Revolution.

Mit ihrem „Revolver“ nieteten die Revolverhelden Beatles die alte Popmusik um. Einfach so. Und aus ihrem Grab (man betrachte kurz das Cover von „Sergeant Pepper“) erstand eine neue.

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The Beatles – „Revolver“ (Parlophone/Universal) – als Ltd. Super Deluxe (5CDs) / Ltd. Super Deluxe (4LPs + 7″ EP) / Ltd. 1LP Picture Disc / Ltd. 2CDs Deluxe / 1LP Standard / 1CD Standard und digital. Die Deluxe-Ausgabe enthält das Album erstmals in neuem Stereo- und Dolby-Atmos-Mix, plus Original-Monomix, Session-Mitschnitte und Demotakes, „Paperback Writer“/„Rain“ als zusätzliche 4-Track-EP

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