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„Die Nerven“ im Conne Island

Die Kraft der Negation

Gut gemachte schlechte Laune: „Die Nerven" im Conne Island.

Gut gemachte schlechte Laune: „Die Nerven" im Conne Island.

Leipzig.In melancholischem Weltschmerz genießerisch zu schwelgen, lehrten uns bereits Cohen, Waits und Joy Division. Schlingensief impfte uns ein, Scheitern als Chance zu begreifen. Tocotronic schließlich huldigen umfassend Kapitulation und Absage. Die Kraft der Negation fällt also auf kulturell gut gepflügten Boden, keimt dort aus und lässt neue Bands wachsen: So zum Beispiel „Die Nerven“, die am Freitagabend im Conne Island zu einem ausgelassenen Fest der schlechten Laune luden und Kraft ihres aktuellen vierten Albums den umfassenden „Fake“ heutiger Zeiten besangen, beschriehen und beschrammelten.

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Dass das einst verliehene Presse-Prädikat „am miesesten gelaunte Rockband, die dieses Land zu bieten hat“ natürlich ironisch abgerundete Ecken hat und beim Konzert eher ‚sophisticated’ wirkt, liegt weniger am Post-, Indie- und Noise-Punk der jungen Stuttgarter, als an der Dauerironie der Hipsterkultur, die vor allem das Publikum befällt. Aber der Reihe nach.

Den Abend eröffnet zunächst die Musik gewordene Dystopie des Leipziger Duos Warm Graves, die mit ihren düster getragenen Klängen den Saal für das Folgende in Hypnose versetzen.

Derart vorbereitet haben „Die Nerven“ schließlich keine Mühen, ihre Fans in den Bann zu ziehen. Das Setting ist dabei mit voller Absicht pur auf die Musik reduziert: Ein Bandaufbau, bei dem selbst die Clubbühne des Eiskellers für das Trio überdimensioniert wirkt, keine Bebilderung, kaum Ansagen und vor allem: Keine verkrampft gut gelaunten Konzertspielchen, außer einem von vornherein zum Scheitern angelegter Rhythmusversuch.

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Aber die Musik und damit einhergehende Katharsis durch Negation wirkt: Spätestens zur aktuellen Single-Aufforderung „Lass alles los / Gib alles frei“ tut das Publikum selbiges und springt sich fortan ausgelassen die Semesterwoche vom Leib.

Bei den Nerven klingt der wütende „Gesang“ zwischen Basslines von Joy Division und Gitarrenriffs der frühen „Die Art“ so, als hätte die deutsche Indieevolution direkt nach dem zweiten Tocotronic-Album in den 1990ern aufgehört, nicht ohne vorher noch einmal einen tiefen Zug radioaktiv verseuchter 80er Dystopie einzuatmen. Punkige Wut und studentischer Weltzweifel mischen sich mit eskapistischen Melancholiebögen, tragen das Mantra ihrer ersten Single „Sommerzeit Traurigkeit“ zur aktuellen Feststellung „Nichts bleibt“.

Natürlich ist das ganze Lamento des Unbehagens ein westlich weich gepolstertes, somit auch zu gewissen Teilen „Fake“.

Diesen Eindruck verstärkt vor allem ein guter Anteil Hipster-Punk-Studentenpublikum, das wirkt, als sähe es, südwestdeutsch zugereist, der aktuellen Gentrifizierung finanziell eher entspannt gegenüber.

Obendrein nimmt man sich gut hörbar wichtiger als die Band auf der Bühne und illustriert dies durch zahlreiche vorschlaue, ja natürlich nur ironische, Zwischenrufe. Anlass immerhin für die Nerven, in bester Punkmanier ihren Hass aufs Publikum spielerisch zur Schau zu tragen. Man weiß ja, was man aneinander hat.

Von Karsten Kriesel

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