Herbert Blomstedt im Interview

„Es ist wichtig, dass wir Farbe bekennen“

Dirigiert die Großen Concerte dieser Woche: Herbert Blomstedt (91) im Gewandhaus in Leipzig.

Dirigiert die Großen Concerte dieser Woche: Herbert Blomstedt (91) im Gewandhaus in Leipzig.

Leipzig. Ein Jahr nach den Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag kehrt Ehrendirigent Herbert Blomstedt für drei Große Concerte zum Gewandhausorchester nach Leipzig zurück und dirigiert unter anderem Franz Berwalds Sinfonie C-Dur. Im Interview spricht er über unterschätzte Komponisten, seinen Förderer Leonard Bernstein und darüber, was ihn mit dem Filmemacher Ingmar Bergman verbindet.

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Sie sind Ehrendirigent des Gewandhausorchesters, der Sächsischen Staatskapelle und noch fünf weiterer Spitzenklangkörper. Haben Sie in Ihrem Herzen überhaupt Platz für all diese Orchester?

Ich habe kaum Platz für noch mehr Orchester. Jedes Jahr sind es dieselben zehn bis zwölf, mit denen ich zusammenarbeite, meine engsten Freunde. Neue hinzuzunehmen, ist leider nicht möglich.

Sorgt das für Eifersüchteleien?

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Ich glaube nicht, aber das ist die Sache eines guten Managers, die Balance zu halten. Eine seiner wichtigsten Aufgaben ist es, Nein zu sagen.

Angesichts der besorgniserregenden gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland soll das Große Concert am Samstag ein Zeichen für ein friedvolles und tolerantes Miteinander setzen. Sie werden eine Ansprache halten. Glauben Sie, dass Musiker sich ausreichend Gehör verschaffen können in einer politischen Debatte, die immer hitziger und respektloser geführt wird?

Wir als Musiker erreichen nur eine begrenzte Anzahl an Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass wir schweigen dürfen und damit den Schreihälsen das Feld überlassen. Im Gegenteil, es ist wichtig, dass wir Farbe bekennen. Das machen das Gewandhausorchester und die Sächsische Staatskapelle mit ihren Konzerten am Samstag hier und am 12. November in der Dresdner Semperoper. Ich glaube schon, dass dieses Zeichen wahrgenommen wird. Musik hat eine verbindende Kraft.

In der Musikgeschichte gibt es immer wieder Komponisten, die ihre Stimme für Toleranz und Frieden erheben. Edvard Grieg, dessen 175. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, ist dafür ein Paradebeispiel. Sie machen sich besonders für skandinavische Komponisten stark. Warum werden Franz Berwald oder Wilhelm Stenhammar hierzulande fast nicht gespielt?

Es gibt so viele gute Komponisten. Man kann sowieso nicht alle spielen. Eine gesunde Neugierde sollte aber jeder Musiker haben. Die führt dann oft zu interessanten Entdeckungen. Franz Berwald hat deutsche Wurzeln, er kommt aus einer weitverzweigten Musikerfamilie, ähnlich den Bachs. Im Gewandhausorchester saß übrigens bis zum Jahr 2000 etwa ein Geiger mit dem Namen Berwald. Der konnte exakt nachweisen, wie er mit dem schwedischen Komponisten verwandt ist!

Über eine Berwald-Tradition verfügt das Gewandhausorchester trotzdem nicht.

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Nein, das tut kein Orchester. Als Komponist war Berwald zu Lebzeiten nur mäßig erfolgreich. Sein wichtigstes Werk, die Sinfonie singulière, wurde erst 40 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt. Berwald konnte von der Musik allein nicht leben. Er verdiente sein Geld als Leiter einer Sägemühle und eines Glaswerks. In Berlin gründete er ein Institut für Orthopädie und entwickelte dort Behandlungsmethoden gegen Rückenschmerzen, die zum Teil heute noch angewendet werden – unglaublich, nicht?

Ein vielseitig begabter Mensch ...

Und die allermeisten haben von ihm noch nie gehört! 2016 dirigierte ich Berwalds Sinfonie singulière bei den Berliner Philharmonikern. Das Konzert wurde eine Riesenerfolg für Berwald. „Und dieser Mann lebte in Berlin, bei uns? Warum wissen wir das nicht?“, hieß es danach.

Was macht seine Musik so besonders?

Sie ist sehr originell, sehr eigenständig, im Sinne von: unnachahmlich. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen hat Berwald auch nicht versucht, Mendelssohn oder Schumann nachzueifern. Seine Sinfonien und Kammermusikwerke sind kein billiger Abklatsch, sondern frei von Vorbildern und in einer unverwechselbaren Tonsprache geschrieben.

Glauben Sie an eine Berwald-Renaissance?

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Mein Ziel ist es, die Glanzlichter der schwedischen Orchestermusik bekannter zu machen. Und dazu zählt zweifellos auch Berwald. Die Sinfonie singulière spiele ich übrigens nächste Woche mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein und danach auf einer kleinen Tournee. Das wird das erste Mal seit den 1840er Jahren sein, dass dort Musik von Berwald erklingt. (lacht)

In diesem Jahr werden auch die Werke eines Mannes öfter gespielt, der zu Lebzeiten als Dirigent, weniger aber als Komponist gefeiert wurde: Leonard Bernstein. Wie haben Sie ihn in Erinnerung behalten?

Er war ja eine einmalige und eine typisch amerikanische Persönlichkeit. Ein Allround-Musiker von Gottes Gnaden, enorm begabt, aber ohne jede Selbstbeherrschung. Er konnte einfach alles. Dirigieren, Komponieren, ein fantastischer Jazz-Pianist war er außerdem. Ich glaube aber, die fehlende Anerkennung als Komponist hat ihn zeitlebens sehr geschmerzt.

Ist er für Sie ein künstlerisches Vorbild?

Ich hatte in meiner Laufbahn das Glück, viele der größten Dirigenten erleben zu dürfen. Toscanini, Furtwängler, Bruno Walter. Am meisten hat mich Bruno Walter beeindruckt. Nicht nur, weil er als Musiker und Dirigent auf Augenhöhe mit Toscanini oder Furtwängler war, sondern weil er sich total beherrschen konnte. Das war bei den anderen nicht der Fall. Die konnten andere beherrschen, aber sich selbst nicht. Bruno Walters Umgang mit seinen Musikern, auch mit Amateuren, hatte so etwas Warmes, Schönes und Natürliches. Das ist für mich ein Ideal. Wenn man ein großes Orchester beherrschen kann, dann sollte man sich auch selbst beherrschen können.

In diesem Jahr wäre noch ein anderer großer Künstler 100 Jahre alt geworden. Einer Ihrer Landsleute und wie Sie Sohn eines Pastors: Kannten Sie den Filmregisseur Ingmar Bergman?

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Ich habe ihn ein paar Mal getroffen, aber nur en passant. Er war oft in meinen Proben, saß mit Partitur in der letzten Reihe. Ich bewundere seine Filmkunst. Was er geschaffen hat, ist einmalig. Es gibt niemanden, der mich so berührt wie Ingmar Bergman. Äußere Effekte gibt es bei ihm praktisch nicht, aber noch die kleinste Nuance des menschlichen Seelenlebens registriert er – und zwar so stark, dass man sich durch ein einfaches Gespräch, das die Protagonisten im Film führen, wie zerrissen fühlt. Ich bin ansonsten an Filmen nicht besonders interessiert, aber Bergman ist da eine Ausnahme. Bei ihm interessiert mich alles, was er sagt und tut.

Für die drei Großen Concerte am Donnerstag, Freitag und Samstag (mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle) gibt es noch Restkarten unter Tel. 0341 1270280

Von Werner Kopfmüller

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