„Die zweite Frau“

Günter Kunerts neuer Roman ist 45 Jahre alt

Der Schriftsteller Günter Kunert im Wohnzimmer seines Hauses in Kaisborstel in Schleswig-Holstein. Im März wird er 90.

Der Schriftsteller Günter Kunert im Wohnzimmer seines Hauses in Kaisborstel in Schleswig-Holstein. Im März wird er 90.

Leipzig. Er habe kein einziges Wort am Manuskript geändert, sagt Günter Kunert im Interview. Das wäre auch schwer vorstellbar, denn sein Roman "Die zweite Frau", geschrieben vor 45 Jahren, hat diesen typischen Sound guter DDR-Literatur: Es gibt ein Drinnen und ein Draußen, wer sich hineinbegibt in die Geschichte, lebt für die Dauer der Lektüre in intellektueller Geborgenheit, auf der anderen Seite der Umstände.

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Auch in diesem Zuhause muss nicht alles ausgesprochen werden. Das Einverständnis war ein schweigendes. Es ähnelten sich ja nicht nur die Couchgarnituren und Schrankwände. Die Genauigkeit auch des Romans von Günter Kunert liegt in der Übertreibung, die Dringlichkeit in einer Überhitzung. Das Manuskript hat er jetzt erst wieder gefunden, es war 1979 mit ihm aus der DDR ausgereist.

Traum und Alptraum

Darum kann es ein paar Seiten dauern, sich heute in Kunerts Roman einzulesen, in den dichten Sätzen ein Schlupfloch nach drinnen zu finden. Dann aber entfaltet die Geschichte ihre Kraft. Barthold, die Hauptfigur, erwacht aus einem Traum, in dem Bomben fallen und Walter Ulbricht ihm die Hand hinstreckt.

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Daraus entkommen, findet er sich in der Realität seines Gartens wieder, eine Zeitung auf dem Bauch. Auf deren Titelseite,„man muss nicht hinschauen, um es zu wissen, posiert heute wie gestern wie vorgestern wie morgen und übermorgen und bis zum bitteren Ende, seinem, vor meinem, wie ich hoffe“, Walter Ulbricht.

Herr „Müller“ und der Herr „Mohnteine“

Er sieht auch seine Frau, Margarete Helene, die gerade den Schuppen abreißt und einen Büstenhalter findet, zu dessen Herkunft Barthold nichts sagen kann. Wenig später entdeckt sie im Arbeitszimmer die Postkarte einer gewissen Elfi. Die stammt zwar aus dem „Prä-Margaretentum-Helenum“, doch ist Misstrauen erst einmal gesät, kann die Eifersucht reiche Ernte einfahren. Und wer weiß, wo einer, der „beruflich nach alten Scherben und Knochen“ wühlt, noch seine Finger hat.

Margarete Helene wird 40, was Barthold in den Intershop führt, ihre ein Schmuckstück zu kaufen. Das bleibt nicht ohne Folgen, da er in der Warteschlange ein paar Sätze seines geliebten Michel de Montaigne zitiert, was Herr „Müller“ von der Stasi („Also hieß er wahrscheinlich Schmidt.“) dann schon genauer wissen will: Wie sich das mit den Kontakten zu diesem „Ausländer Mohnteine“ verhält.

Günter Kunert

Günter Kunert: Die zweite Frau. Roman. Wallstein Verlag; 204 Seiten, 20 Euro

Es ist grotesk, es ist bitter, und es ist vertraut. „Das Schweigen ist der Klugheit bester Teil“, heißt es einmal, Schweigen kann aber auch Verrat sein. Und so wie Barthold sich in der Nicht-jetzt-Zeit vergräbt, in seinem Wortreich Distanz schafft zu allem, erkennt Margarete Helene, warum es kein Schicksal mehr gebe: „Weil wir alle zu vorsichtig sind! Vorsicht ist unsere zweite Natur geworden! Darum sind auch alle Bücher langweilig. Vorsicht und Literatur vertragen sich nicht, unsere Angst, anzuecken und Ärger zu kriegen, bringt uns um die Lebensintensität. Aus keinem anderen Grunde sind wir kaputt.“ Und zeitgemäß ist es auch.

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Günter Kunert: Die zweite Frau.Roman. Wallstein Verlag; 204 Seiten, 20 Euro

Von Janina Fleischer

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