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Konzertbericht

Herz, Schmerz, Haltung: Grönemeyer beseelt die Arena Leipzig

In der ausverkauften Leipziger Arena spielte Grönemeyer vor begeisterten Fans.

In der ausverkauften Leipziger Arena spielte Grönemeyer vor begeisterten Fans.

Leipzig.Das Glück – dieser Anarchist, diese Zufallsbekanntschaft, die an der nächsten Station aussteigt – wie kann man es wenigstens eine Weile mitnehmen? Man müsste Herbert Grönemeyer sein! Kurz nach acht ist er Montagabend auf die Bühne gekommen und hat sein Konzert mit „Sekundenglück“ eröffnet, ein Lied vom neuen Album, dessen Titel auch über der Tour steht und die Stimmung beschreibt, die der im Ruhrpott aufgewachsene Wahlberliner in den Arenen und Stadien der Republik auslöst: „Tumult“.

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„Es schiebt dich an, ganz leicht“, singt er und dehnt den „tausendstel Moment“ für sich und die jubelnde Menge zum Minutenglück. Jubel. „Oh, das ist aber lieb“, sagt er und erinnert sich an das erste Konzert in Leipzig vor 29 Jahren „hier vorne auf der Wiese“.

Da ist er wieder, der erfolgreichste Sänger Deutschlands, dieser zappelige Herzmensch, der wie kein anderer die Menschen im Land berührt, ohne ihnen nach dem Mund zu singen. Ganz in Schwarz steht der 62-Jährige vorne auf dem Steg, nah bei seinem Publikum, begossen von Glück und Seligkeit.

Grönemeyer ist alles, nur nicht cool

Und weil Grönemeyer neben all dem Lieben und Leiden, dem Genießen und Verzagen nie die politische Gesamtsituation aus den Augen verliert, pumpt er mit seiner achtköpfigen Band sogleich „Bist du da“ in die Halle, den nächsten „Tumult“-Titel. Eine Frage, so ernst gemeint wie rhetorisch, angesichts neuer alter Bedrohungen von rechts auf der einen und riskanter Gleichgültigkeit auf der anderen Seite. „Bist du da, wenn Seelen verwaisen?/ Bist du da, wenn zu viel Gestern droht?/ Wenn wir verrohen, weil alte Geister kreisen? Bist du da?“

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Dass Grönemeyer da ist, aber sowas von, versteht sich von selbst: „Und immer“, heißt das erste Liebeslied an diesem Abend, bei dem das Publikum früh zum Chor werden soll, mit eingeblendetem Text auf der Leinwand. Klappt natürlich. „Immer wenn dich der Kummer bricht/ Leg’ ich beide Arme stark um Dich“, verspricht er. Eine klassische Ballade, mit selbst für Grönemeyer ungewöhnlichem Metaphern-Rodeo: Da steht das Karmakonto in den Miesen, ist das Hoffnungszimmer nicht gefegt. „Und immer, wenn die Karawane zieht/ Und dich nicht mitnimmt, mach’ ich den Unterschied.“

Du bist toll, ich bin da. Das behaupten viele Sänger auf Bühnen. Dass dieser tatsächlich den Unterschied macht, liegt vielleicht daran, dass er alles ist, nur nicht cool. An dem Sänger und seinen Liedern kann man sich eher nicht reiben, dafür aber seiner selbst vergewissern. Das ist nicht wenig.

Auch nicht, als wandelndes Deutschrockmuseum einen Saal gleich zu Beginn mit drei neuen Songs zum Kochen zu bringen. Zum Ausgleich gibt es fast en bloc die Hymnen und Rocknummern aus der Klassiker-Schublade, unter anderem „Bochum“, „Männer“, „Was soll das?, „Vollmond“ und „Mensch“, „Alkohol“ wird aus rauer Kehle gereicht. Dazu läuft er, umarmt er, breitet er die Arme aus oder tanzt, wie nur einer tanzt: er.

„Nicht einen Millimeter nach rechts rücken“

Grönemeyer hat sich musikalisch immer aktualisiert, ohne peinlich zeitzugeisteln oder sich berufsjugendlich zu verheben. Seine Band zieht seit den 80ern mit ihm durchs Land, spielt soliden Stadionrock inklusive fetter Saxofonsoli, aber kann auch mal leise Saiten aufziehen oder ihn mit dem Klavier allein lassen wie bei „Lebensstrahlen oder „Halt mich“.

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Zwischendrin holt sich Grönemeyer den Berliner Rapper BRKN zum deutsch-türkischen "Doppelherz/Iki Gönlum" auf die Bühne – mit nettem Orient-Groove für eine offene Gesellschaft. Vor seinem "Fall der Fälle" ("Es bräunt die Wut, es dünkelt/ der kleine Mob macht rein"), gibt es eine weitere Dosis Aufklärung: Nachdenken solle man immer über seine eigenen Positionen, "aber nicht einen Millimeter nach rechts rücken". Es gehe darum, mit Ruhe, Freude und Lust Haltung zu zeigen. (Mehr zum Thema: Grönemeyer: "In Deutschland herrscht kein rechter Geist")

So viel Glück ist kaum auszuhalten

Nach „Morgen“ beginnt ein lustvolles Spiel mit dem Ende, den Zugaben und dem Publikum – ein ganz eigenes Kunstwerk erlebt seine Premiere in Leipzig. Blumen fliegen. Der Mann auf dem Laufsteg singt „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Und meint beim Aufheben: „Meine Hose ist so eng.“ Es folgen drei Zugabeblöcke – mit dem ergreifenden „Der Weg“ für seine 1998 gestorbene Frau Anna, „Flugzeuge im Bauch“ in einer Jazzversion mit einem Chor der 11 000, der „Gib mir mein Herz zurück“ singt.

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Bei „Zeit, dass sich was dreht“, war der Konfettiregen vermutlich eingeplant, nicht aber dass die Fans einfach weitersingen“, nachdem sich der Sänger verabschiedet hat. „Oh, wie ist das schön“, schwelgt jetzt die ganze Halle und Herbert übernimmt am Klavier, singt „Warum“ und „Lebe mit mir los“. Der Saal tanzt Mambo und Herbert spielt Tambourin. Der Song „Verwandt“ vom neuen Album erlebt seine öffentliche Erstaufführung. Das habe sich der Bodyguard gewünscht. Und als ob dieser große Konzertabend nie zu Ende gehen soll, heißt es am Ende „Immerfort“. So viel Glück. Das ist ja kaum auszuhalten.

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Von Jürgen Kleindienst

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