Interview

„Ich freute mich wie ein Kind“ – Bassbariton Mertens bekommt Leipziger Bach-Medaille

Ruth Zechlin hat eigens für seine Stimme (und Streichquartett) die „Hamlet-Fragmente“ komponiert: Bassbariton Klaus Mertens (70).

Ruth Zechlin hat eigens für seine Stimme (und Streichquartett) die „Hamlet-Fragmente“ komponiert: Bassbariton Klaus Mertens (70).

Leipzig. Er ist Teil der Erfolgsgeschichte des Leipziger Bachfestes wie kaum ein anderer Sänger. Für den Bassbariton Klaus Mertens (70), der als einziger Interpret in einer Einspielung von Bachs Gesamtwerk alle Partien seiner Stimmlage aufgenommen hat, in Sinzig (Rheinland-Pfalz) lebt und seit 1992 regelmäßig in Leipzig auftritt, steht Bach im Zentrum eines Repertoires. Dieses Repertoire reicht von der Renaissance über Barock, Klassik, romantisches Kunstlied und Oratorium bis zur Neuen Musik. Mit Ton Koopman, Präsident des Bach-Archivs Leipzig, und dessen Frau Tini Mathot verbindet ihn seit Jahrzehnten eine intensive künstlerische Zusammenarbeit. Oberbürgermeister Burkhard Jung überreicht Klaus Mertens am 15. Juni im Paulinum die Bach-Medaille, höchste Auszeichnung der Musikstadt.

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Was war Ihre Reaktion, als Sie erfuhren, dass Sie mit der Bach-Medaille ausgezeichnet werden?

Als ich den Brief von Oberbürgermeister Burkhard Jung las, konnte ich es erst überhaupt nicht fassen. Danach freute ich mich wie ein Kind über das Ansinnen und war zutiefst gerührt.

Welche Bedeutung hat die Stadt Leipzig für Ihre künstlerische Entwicklung?

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Wie für viele Westeuropäer meiner Generation war es eine bewegende Erfahrung, nach der Wende eine der wichtigsten Musikstädte erstmals besuchen zu können. Zum Debüt als Sänger hatte mich Thomaskantor Georg Christoph Biller eingeladen. Es folgte dann jährlich mindestens eine Einladung nach Leipzig. Es gab erfüllende Momente wie Messen Anton Bruckners mit Herbert Blomstedt im Gewandhaus, auch Konzerte im Sommersaal des Bosehauses. Später saß ich mit meinem Lehrer Jakob Stämpfli in der Jury des Bach-Wettbewerbs und werde jetzt zum Beobachter der Entwicklung junger Künstler wie Patrick Grahl, Wolfram Lattke und vieler anderer.

Bach spielte in Ihrem musikalischen Lebens eine zentrale Rolle. Sie sind der einzige Sänger, der alle Partien Ihrer Stimmlage von Bach und Dietrich Buxtehude in Konzerten sang und auf Tonträgern eingespielte.

Ja. Ich hatte keinen Ehrgeiz für komplette Editionen, aber unbekanntes Repertoire hat mich immer besonders gereizt. Gute Bedingungen dafür waren, dass ich nie eine Agentur hatte, parallel mit verschiedenen Labels zusammenarbeitete und mich nie Promotion-Strategien unterwerfen musste, die es auch im Klassik-Bereich gibt. Das Gelingen solcher Projekte ist immer von vielen Faktoren abhängig. Zum Beispiel verdanken die Sopranistin Barbara Schlick und ich die Einspielung des Schemelli-Liederbuches vor allem der WDR-Produzentin Barbara Schwendowius, die meinen Vorschlag sofort aufgriff.

Ihr Entdecker-Radius blieb aber nicht auf den mitteldeutschen Raum begrenzt.

Nein, obwohl er in den letzten Jahrzehnten immer ein Schwerpunkt war. So spielte ich zum Beispiel zwei CDs mit sogenannten Kleinmeistern dieser Region ein. Die Bibliothek des ehemaligen Bischofssitzes Mügeln ist für mich ein Faszinosum, weil dort im 18. Jahrhundert alle Neueditionen der Kirchenmusik gesammelt wurden. Besonders interessiert mich ferner das Kunstlied mit Begleitung durch Kammerensemble. Nach einem Konzert unter dem viel zu früh verstorbenen Enoch zu Guttenberg bei den Passauer Festwochen sprach mich Ruth Zechlin an: „Auf diese Stimme habe ich gewartet. Für Sie möchte ich etwas schreiben.“ So entstanden Zechlins „Hamlet-Fragmente“ mit Streichquartett, die wir später mit dem „Notturno“ von Othmar Schoeck einspielten.

Haben Sie schon etwas von der in diesem Jahr in Leipzig gefeierten Jubilarin Clara Schumann gesungen?

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Bisher noch nicht, doch feiern wir sie im September bei den Merseburger Orgeltagen mit ihrem Klavierkonzert; zusätzlich stehen Robert Schumanns Oratorien „Das Paradies und die Peri“ und „Der Rose Pilgerfahrt“ auf dem Programm. Vielleicht für Leipzig auch interessant: Die Mendelssohn-Tage in Koblenz sind an Mendelssohns „Vergessene Lieder“ interessiert, die erst zum Mendelssohn-Jubiläum in zwei Bänden als Neuausgabe herauskamen.

Was tun Sie für Ihre erstaunliche sängerische und physische Kondition?

Ich achte auf Erhalt und Pflege meiner Stimme und hatte von Anfang an Glück mit meinen Lehrern. Wahrscheinlich verdanke ich die Qualität meiner Stimme bis heute in erster Linie meiner ersten Lehrerin Else Bischoff-Bornes, deren letzter Schüler ich war und die mir erst einmal eine gründliche Sprecherziehung bei einem Schauspieler verordnete.

Mehr zum Leipziger Bachfest

Das Leipziger Bachfest beginnt am 14. Juni und dauert bis 23. Juni. Das Festkonzert zur Verleihung der Bach-Medaille der Stadt Leipzig an Klaus Mertens findet am 15. Juni, 14.30 Uhr, im Paulinum statt. Auf dem Programm stehen J. S. Bach: Amore traditore, BWV 203, Lieder von J. S. Bach und C. P. E. Bach aus den Sammlungen „Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach“, „Schemellis Gesangbuch“ und „Sturms geistliche Gesänge“ , mit Klaus Mertens (Bass) mit Ton Koopman (Cembalo, Orgel) Karten (21 bis 37 Euro) gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de

Dann führten Sie die ersten Karrierejahre über ein berufliches Doppelleben.

Ja, für meinen Vater war es unvorstellbar, dass sein ältester Sohn sich den Risiken eines künstlerischen Lebensunterhalts aussetzen sollte. Ich absolvierte also zwei verschiedene Studiengänge: Gesang/Musik an der Musikhochschule und Lehramt mit den Fächern Deutsch, Religion und Musik an der Universität. Bis kurz vor meinem 40. Geburtstag war ich dann Lehrer, später auch Leiter einer staatlichen Schule in Köln. Schließlich musste ich mich entscheiden und gab meinen Beamten-Status auf. Dennoch denke ich gerne auch an die 13 wertvollen Jahre im Schuldienst zurück.

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Wie gestalten Sie das Festprogramm zur Bach-Medaillenverleihung?

Leider treten Ton Koopman und ich jetzt alleine auf, weil Tini Mathot, die mit mir regelmäßig Liedprogramme am Cembalo und am Hammerklavier gestaltet, aus gesundheitlichen Gründen nicht mitwirken kann. Das Konzert soll zugleich unsere nun schon 40 Jahre währende künstlerische und menschliche Verbundenheit zum Ausdruck bringen. Eine eigens zu diesem Anlass produzierte CD vermag hoffentlich zusätzlich einen Eindruck hiervon zu vermitteln.

Von Roland H. Dippel

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