Bislang ungeschriebenes Kapitel

Kaskadeure: Leipziger Autor schreibt Buch über Stuntmen in der DDR

Machte als trainierter Sportstudent alles selbst: Defa-Chefindianer Gojko Mitic. Doch wer mit ihm ritt, der gehörte meist zur Defa-Kaskadeurtruppe.

Machte als trainierter Sportstudent alles selbst: Defa-Chefindianer Gojko Mitic. Doch wer mit ihm ritt, der gehörte meist zur Defa-Kaskadeurtruppe.

Leipzig. Sie stürzten aus großer Höhe. Sie ließen Reifen quietschen und bauten (im wahrsten Sinne des Wortes) Unfälle. Sie prügelten sich durch Saloons, ritten durch Defa-Western, wurden aus dem Sattel geschossen oder fochten auf Bühnen. Nur: Wer hinter all den halsbrecherischen Aktionen stand, das wussten nur die Besetzungsbüros. Schließlich gab es viele Kinojahre in Abspännen keinen Platz für Stuntmacher.

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Was auch heißt: Die Geschichte jener Männer, die in der DDR ihre Knochen für Spannung in Kino, Fernsehen und auf Bühnen riskierten, war ein ungeschriebenes Kapitel. Das hat jetzt ein Leipziger geändert. Jens Rübner ist auf die Suche nach jenen Unbekannten gegangen, die einst Kaskadeure hießen und meist Seiteneinsteiger waren, sich also all das, was sie so drauf hatten, mit Energie selbst beibrachten. Von Axel Dzierske, dem Karate-Pionier, über Gerd Grzesczak, der erst Bildhauerei studierte, dann erster freiberuflicher Kaskadeur in der DDR wurde (von 25 bis 30 in den 80ern), bis zu Frank Haberland und Wolfgang Lindner, die sich als Erste Stuntman nennen durften und mit Hartnäckigkeit für eine eigene Sektion im Filmverband sorgten. Natürlich fehlt auch nicht Peter Hick, der als Bohrturm-Arbeiter über „Zeit der Störche“ Kaskadeur wurde und nicht der einzige Stuntman blieb, der die DDR verließ, Pierre Brice nach Bad Segeberg holte und nach der Wende die Ralswieker Störtebeker-Festspiele neu begründete. Dass Gojko Mitic sein Kapitel bekommt, versteht sich, immerhin machte er alles selber. Aber die Pferdeflüsterer bei seinen Indianerabenteuern, das waren ganz andere.

Die Angst des Stuntman vor dem Sprung

So hat Jens Rübner für „Die Unsichtbaren“ eine Menge Fakten und Filme, Biografien und Anekdoten zusammengetragen. Von der Angst des Stuntman, der vor einem Sprung zittert (und aufhören muss) bis zum Tod beim Dreh durch Leichtsinn anderer, von „Verkehrskompass“-Unfällen, der Geschichte des Pferds Kalif und einem spektakulären Sprung durch eine reale Glasscheibe für „Zum Beispiel Josef“ bis zu den mühseligen Wegen, in der DDR den Beruf zu betreiben, der pro Stunt 300 bis 400 Mark einbrachte, drei Stürze also bis zu 1200 Mark. Allerdings hätte man sich gewünscht, dass Jens Rübner, vielleicht als Einstieg, auch auf filmhistorischen Wegen gegangen wäre und es nicht nur bei Schlenkern zu Yakima Canutt und Arnim Dahl belassen hätte.

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Die Abschweifungen zum Potsdamer Café Heider, zum Kunstraub in Schloss Friedenstein 1979, dunkles Geraune um Stasi und eine griechische Verbindung, die gar nicht zum Thema gehören, oder der gedoppelte Text zum Staatszirkus, wären leicht entbehrlich gewesen. Ohnehin hätte man dem durchaus interessanten Text eine bessere, schlüssigere Dramaturgie gewünscht. Beim Text zu Peter Hick, der nicht zum Dreh nach Skandinavien mitfahren durfte, stolpert man über einen Herrn Eggermann. Ist damit Regisseur Martin Eckermann („Wege übers Land“) gemeint? Aber was hat der im Norden (West) gedreht? Keine Ahnung.

Wenn es die Absicht von Jens Rübner war, die Unbekannten hinter der Action zu ehren, so ist ihm das im Faktischen gelungen. Auch, wenn andere manchen Lebensweg sicher farbiger gemalt hätten. Jedenfalls sieht man bei der neuen Staffel „Babylon Berlin“ genauer hin: Leibwächter Johnny ist Wolfgang Lindner, mit 63 ältester aktiver Stuntman (640 Produktionen seit 1984), der auch in „Homeland“ oder „Die Tribute von Panem“ hinlangte.

Von Norber Wehrstedt

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