Interview

Lachmesse-Chef Frank Berger über Politisierung in der Kultur und das Leipziger Kabarett

Lachmesse-Chef Frank Berger (54).

Lachmesse-Chef Frank Berger (54).

Leipzig. Vom 20. bis 27. Oktober findet die 29. Leipziger Lachmesse statt. Eröffnet wird sie mit der Verleihung des „Löwenzahns“ an Philipp Weber. Seit 2016 leitet Frank Berger das Satire-Festival. Der 54-Jährige arbeitet auch als Musiker und war einer der Kuratoren der Leipziger Jahresausstellung. Im Interview spricht er über Neuerungen und politische Polarisierung.

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Leipzig ist inzwischen ganzjährig eine Gastspielstadt für Kabarettisten und Comedians, die auch Hallen füllen. Bleibt da noch Publikum übrig für ein achttägiges Satire-Festival wie die Lachmesse? 

Die Gastspielflut in Leipzig ist tatsächlich enorm und hat auch Auswirkungen auf die Lachmesse. Dagegen wollen wir ankommen mit Qualität, also hochwertigen Gastspielen, die so eben nicht in den großen Häusern zu erleben sind. Auch neu zu entdeckende Namen spielen eine Rolle, und letztendlich ist es dieser Mix, der die Attraktivität des Festivals ausmacht.

Wenn Sie dafür ein paar Beispiele hätten.

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Dazu gehört das Duo Waghubinger & Köbernick in der Pfeffermühle, im Central Kabarett spielt das Musikkabarett-Duo Simon & Jan, das sind die diesjährigen Preisträger des Salzburger Stiers für Deutschland. Michael Feindler steht im Academixer-Keller auf er Bühne, Der Tod in der Moritzbastei, die Newcomer-Show Jugend forsch! ist im Kabarett SanftWut.

Und die Geheimtipps?

Bei den Nachwuchskünstlern sind es die Beteiligten am Kupferpfennig-Wettstreit im Academixer-Keller, Suchtpotenzial im Kupfersaal und in der Funzel Maxi Gstettenbauer aus dem Comedian-Bereich.

„Es sind immer gute Zeiten für Kabarett. Weil immer Auseinandersetzung stattfindet in der Gesellschaft“

Apropos Comedian: Gibt es eine programmatische Verschiebung in der Gewichtung Comedy – Kabarett?

Der erste Blick geht auf das politisch-satirische Kabarett und das, was die Lachmesse auszeichnet im Vergleich zu anderen Festivals: die Ensemble-Kabarettszene insbesondere aus Ostdeutschland.  Aber wir verschließen uns natürlich nicht der Comedy und der Clownerie.

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Kabarett hatte in der DDR goldene Zeiten – auch wegen des zwischen den Zeilen Gesagtem. Danach wurde es schwerer, an Tabus zu kratzen. Da gibt es nun Bewegung, weil die Zeiten politischer werden, komplizierter. Also besser fürs Kabarett?

Kabarettisten machen ja nichts anderes als eine Zustandsbeschreibung dessen, was sie in der Gesellschaft vorfinden. Das tragen sie dann natürlich in der entsprechend pointierten Art vor. Insofern sind immer gute Zeiten für Kabarett. Weil immer Auseinandersetzung stattfindet in der Gesellschaft.

Eine Polarisierung ist auch im Publikum spürbar. Es gibt Unmutsäußerungen, Zwischenrufe, es ändert sich also auch die Stimmung im Saal.

Man kann konstatieren, dass die Politisierung in der Gesellschaft sich auch im Publikum wiederfindet. Das heißt, man kann mit einer prononcierten Äußerung für oder gegen eine bestimmte Partei oder Bewegung Unmutsbekundungen provozieren. Auf der anderen Seite erleben wir aber auch Kabarettisten, die gezielt dort grasen, wo sie Zustimmung vermuten.

Sie denken an Uwe Steimle und seine „Nickis“, auf denen „Kraft durch Freunde“ steht oder „Volk ohne Traum“.?

Der ja seine Programme nicht geändert hat, er macht nicht viel anderes als vorher, nur, dass es heute sehr viel stärker als polarisierend wahrgenommen wird.

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Muss man das voneinander trennen: den Steimle der provokanten Sprüche in sozialen Medien von dem, der auf der Bühne steht?

Das ist gerade eine sehr handfeste Diskussion: Muss man den Künstler von seiner Kunst trennen? Wir haben sie mit Blick auf Schriftsteller erlebt, im Kabarett mit Uwe Steimle, und wir haben sie aktuell auch in der Bildenden Kunst mit Axel Krause. Es ist wichtig, diese Diskussion zu führen.

Und Ihre Meinung?

Ich habe als Kurator der Leipziger Jahresausstellung durchaus gelernt, dass man ohne Kontextualisierung kaum noch in die Öffentlichkeit gehen kann. Wenn man beispielsweise einen Axel Krause ausstellen will ...

.... der seine Nähe zur AfD auf Facebook thematisiert ...

... dann wird es entweder als Provokation aufgefasst oder als ein Sich-Gemeinmachen mit der Haltung des Künstlers. Die Kunst selbst kommt nicht zur Sprache. Wenn wir Uwe Steimle ins Programm nähmen, was nicht ungewöhnlich wäre, denn er war schon sehr oft bei der Lachmesse, dann würde das heute anders aufgefasst werden als noch vor fünf Jahren.

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Niemand bei der Lachmesse, der vergleichbare Diskussionen auslösen könnte?

Nun gut, es gab vor Jahren die Diskussionen um Andreas Thiel, die aber vor allem in der Schweiz geführt wurden, da ging es um seine Auseinandersetzung mit dem Koran und die Frage der Muslime in der Schweiz. Das hat ihm sehr viel Ärger eingebracht. Ich sehe ihn nicht als rechten Kabarettisten.

Worum geht es in seinem Programm?

Er beschäftigt sich in „Der Humor“ mit dem Humor an sich: wie er entsteht, wie in politischen Situationen Pointen entstehen.

Unterscheidet sich der Schweizer Humor vom deutschen?

Höchstens im Personal, wenn es um Politiker geht. Wir haben mit den Schweizer Gästen zum ersten Mal einen Länderschwerpunkt.  Ein Festival sollte Lichtpunkte setzen – in diesem Jahr ist es die Schweiz, die sich mit vielen einzelnen Künstlerinnen und Künstlern quer durch die Genres vorstellt. Das geht von Gardi Hutter mit Clownerie und Starbugs Comedy mit reinem Slapstick bis hin zu politisch-satirischen Leuten wie Lisa Catena oder Gabriel Vetter oder eben Andreas Thiel.

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„Die Kabaretthäuser der Stadt sind die Säulen des Festivals und schlagen ihre Favoriten vor“

Warum gerade die Schweiz?

Es gibt eine lange Freundschaft mit den Oltner Kabarett-Tagen, die unser Festival seit Jahrzehnten besuchen und ihrerseits von uns seit Jahrzehnten besucht werden. Das ganze findet einen Höhepunkt mit dem Schweizer-Satire-Abend im Kupfersaal, der uns das Theaterkabarett Strohmann-Kauz beschert, das hier in Deutschland vermutlich so gut wie niemand kennt und das sehr, sehr gut ist. Auch der Kabarettist Veri ist dabei – er gibt seine Abschiedstournee und ist im Ariowitsch-Haus zu erleben.

Woher kennen Sie die, die niemand kennt?

Zumeist von der Freiburger Kulturbörse.

Eine Art Live-Messe. Casten Sie dort Ihr Programm zusammen?

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Wir sind Vermittler für die Veranstaltungen. Die Kabaretthäuser der Stadt sind die Säulen des Festivals und schlagen ihre Favoriten vor. In Freiburg holen wir uns vor allem die Inspiration für den Nachwuchsbereich. Da kann ich in diesem Jahr auf Christoph Fritz aufmerksam machen, ein junger österreichischer Künstler. Manche sagen schon, ein neuer Josef Hader sei geboren.

Wo ist der neue Hader zu sehen?

Beim Kupferpfennig-Wettstreit. Hier haben wir auch ein Novum: Die drei Starter kommen aus den drei deutschsprachigen Kabarett-Ländern.

Wie sieht’s denn aus mit jungem Publikum?

Das ist meine vierte Lachmesse, und ich habe schon versucht, jüngeres Publikum direkt durch bestimmte Formate und bestimmte Orte zu erreichen. Zu einem Wilfried Schmickler werden kaum 18- oder 20-jährige Leute gehen. Aber die findet man bei „Slam vs. Kabarett“. Und oft genug werden aus Slammern dann Kabarettisten, Lisa Eckart ist da das beste Beispiel. In dem Maße, wie die einzelnen Kabaretts es verstehen, ihre Programme attraktiv zu machen für das junge Publikum, wächst eben auch dort wieder junges Publikum rein. Das halte ich für eine ganz organische Sache. Und die Leipziger Kabaretts sind erfolgreich dabei. Jedes auf seine Art und Weise.

29. Leipziger Lachmesse: 10. bis 27. Oktober, Karten gibt es unter anderem in den Kabaretthäusern, in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de; Programm und Infos: www.lachmesse.de

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Von Janina Fleischer

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