Konferenz

Medientage Mitteldeutschland widmen sich in Leipzig Digitalisierung, Journalismus und Demokratie

Michael Wulf, Isabelle Klein, Lorenz Meyer und Klaus Unterberger (v. l.) gehörten zu den Rednern auf der Bühne in Halle 14. Sie diskutierten die Glaubwürdigkeit deutschsprachiger Medien. Foto: André Kempner

Michael Wulf, Isabelle Klein, Lorenz Meyer und Klaus Unterberger (v. l.) gehörten zu den Rednern auf der Bühne in Halle 14. Sie diskutierten die Glaubwürdigkeit deutschsprachiger Medien. Foto: André Kempner

Leipzig. Könnte die Digitalisierung dazu führen, dass in Nachrichtenredaktionen in Zukunft alles durch intelligente Programme übernommen wird? "Ja, ich halte nichts von Menschen", scherzte Sascha Lobo zum Auftakt auf diese Frage. Alte Stahlträger trugen die Leinwand für die Live-Bilder von ihm. Statt wie im vergangenen Jahr in der Leipziger Media City haben die Medientage Mitteldeutschland am Dienstag an einem neuen Ort begonnen: in der Halle 14 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei.

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Wo sonst zeitgenössische Kunst zu sehen ist, treffen an zwei Tagen Journalisten, Chefredakteure, Intendanten, aber auch Werber, Internetaktivisten und Blogger sowie Entwickler und Digitalunternehmer zum Gedankenaustausch.

Wie gehen Medien mit dem digitalen Wandel um?

Ein alte Industriehalle als Kulisse, um vor allem über den digitalen Wandel im Journalismus zu sprechen. Der birgt Chancen, aber auch Gefahren – für Medienmacher, Mediennutzer und die Demokratie.

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Beide Tendenzen waren am ersten Tagungstag auf den vier Bühnen Diskussionsstoff. Publizist, Internet-Unternehmer und „Spiegel online“-Kolumnist Sascha Lobo gab dafür erste Impulse, die digitale Beziehung zum Publikum sei zu erkämpfen.

Seine Keynote-Rede gab den Startschuss für die Konferenz

Seine Keynote-Rede gab den Startschuss für die Konferenz: Publizist, Internet-Unternehmer und Kolumnist Sascha Lobo.

Technik verändert Berufsbild des Journalisten

„Ich erwarte, dass diese Beziehungen extrem intensiviert werden“, sagte er, wobei er ein Medien-Problem berührte: Die mangelnde Bereitschaft, im Internet für Inhalte zu zahlen bei zugleich sinkenden Auflagenzahlen und Werbeeinnahmen. Der Abschluss eines Abos könne nicht das Ziel dieser Beziehung sein, so Lobo, sondern deren Anfang.

Wobei noch offen sei, wie die fortschreitende Technik das Berufsfeld von Journalisten verändere. Er glaube, dass sich Funktionen sehr stark verschieben werden, Berufsfelder wegfallen und andere – etwa im Bereich der Datenaufbereitung – entstehen. Die Automatisierung werde folglich nicht so weit gehen, Menschen zu ersetzen, sie schütze auch nicht vor Fehlern. Dabei kritisierte er, dass die Fehlerkultur in Redaktionen noch so aussehe, meist so zu tun, als sei nichts passiert.

Gelassenheit statt Krisenkommunikation

Die Maschine ersetzt den Menschen nicht. Neben dieser guten Nachricht hatte Oliver Quiring in der sich anschließenden Diskussionsrunde eine weitere für die Medienschaffenden: Der Kommunikationswissenschaftler, Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, untersucht seit 2008 das Vertrauen in die Medien, er riet Journalisten zu mehr Gelassenheit.

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Denn entgegen der Wahrnehmung habe das Vertrauen „gar nicht so stark“ abgenommen, sondern die „skeptische Mitte“ habe sich verändert. Zu beobachten sei eine Polarisierung: Die Menschen positionierten sich deutlicher als zuvor, dass sie Medien vertrauen oder diese strikt als „Lügen-“, „System-“, oder „Relotius-Presse“ ablehnen.

Qualität statt Populismus

Wie lässt sich Glaubwürdigkeit (wieder) herstellen und populistischen Angriffen auf die Medienfreiheit begegnen? Gleich zwei lösungsorientierte Talkrunden widmeten sich diesen Problemen.

Klaus Unterberger, zuständig beim ORF für Qualitätssicherung und Public Value, plädierte dafür, „Empörungsdynamiken“, wie sie Rechtspopulisten nutzten, nicht zu folgen. Stattdessen versuche der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Österreich klaren und seriösen Qualitätsjournalismus entgegenzusetzen.

Sparzwang bedroht umfassende Berichterstattung

Dass dies Geld koste, bemerkten in beiden Gesprächsrunden Journalisten, die für nicht-gebühren finanzierte Sender und Magazine arbeiten: Michael Wulf, RTL-Chefredakteur, und „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann. Letztere formulierte das aktuelle Dilemma für den Journalismus so: „Wir müssen jeden Cent verdienen.“ Wenn Einnahmen sinken, werde gekürzt und würden Lokalredaktionen eingespart.

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Vor Ort und nah bei den Menschen zu sein, wie Wulf es empfahl, wird da schwer. Eine journalistische Haltung lasse sich nur dann entwickeln, wenn man entsprechend Zeit für die Recherche vor Ort habe, fügte Amann hinzu. Das heißt, dass auch darin wieder investiert werden müsse.

Fehlende Trennung von Nachricht und Werbung kritisiert

Lorenz Meyer, der für den medienkritischen „BILDblog“ schreibt, kritisierte in der Runde zuvor, dass, um mit Journalismus Geld zu verdienen, die Grenze zur Werbung immer mehr verschwimme.

Die ausufernden Werbeanzeigen unter Online-Artikeln oder „Die Welt“, die VW-Vorstand Herbert Diess eine ganze Ausgabe gestalten ließ, nannte er als Negativ-Beispiele: „Das ist ein Fronatalangriff auf die Glaubwürdigkeit!“

Von Manuel Niemann

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