Weihnachtsmärchen

„Nicoboninus oder die verwegene Reise ins ferne Land der Drachen“ im TdJW

Eigentlich ist es Liebe: Nicobobinus (Kevin Körber) und Rosi  (Eva Löser) auf Reisen.

Eigentlich ist es Liebe: Nicobobinus (Kevin Körber) und Rosi (Eva Löser) auf Reisen.

Leipzig. Das Theater ist ein Ort, an dem man der Wahrheit noch zujubelt. Zumindest im Kinder-und Jugendtheater. Reizend, mit welch lautstarker Zustimmung hier das junge Publikum auf eine Ansage wie „Nicht alle Menschen sind Drachentöter!“ reagiert. Ein Satz, der freilich einfach mal gesagt werden muss. Auch weil Drachen ja ganz anders sind, als man gemeinhin glaubt, was das Theater der Jungen Welt mit seinem diesjährigen Weihnachtsstück beweist. Am Samstag hatte im großen Saal des Hauses „Nicobobinus oder die verwegene Reise ins ferne Land der Drachen“ Premiere.

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In dieses Land macht sich der Titelheld Nicobobinus auf. Wenn auch nicht freiwillig. Der freundliche Tagträumer hat nämlich ein echtes Problem Ein mit Zauberkräften bewehrter Fiesling hat dem Jungen eine Hand und einen Fuß in Gold verwandelt, was Nicobobinus so gar nicht abkann. Allein, weil man derart veredelt nur noch hinkend vorankommt und auf keinen Baum mehr rauf. Und man außerdem sofort irgendwelche Raffkes an der Backe hat.

Diese Piratentruppe beispielsweise, die als Piratentruppe gottlob noch ganz am Anfang ihrer Profession steht. Dass unter der depperten Bande ein gescheiterter Mediziner mit Säge sich dennoch frohgemut ans Amputieren machen will, zwingt Nicobobinus zum Handeln. Drachenblut, so hört er, helfe bei der Zurückverwandlung seiner Goldgliedmaßen in Fleisch und Blut. Nur leben Drachen eben im Drachenland – und das ist weit weg und der Weg dahin gefährlich. Aber zum Glück hat der Junge ja in Rosi eine toughe Gefährtin, die mit ihm durch Dick und Dünn geht.

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Schräges Märchen

Die Geschichte von Nicobobinus, sie verdankt sich dem britischen Autor Terry Jones. Ein Mann, der vor allem als Mitglied der legendären, genial schrägen Monty-Python-Truppe bekannt ist und auf dessen Kreativkonto unter anderem auch noch ein paar ähnlich genial schräge Kinderbücher gehen. Was allein Titel wie „Seltsame Flecken und befremdliche Düfte“ oder „Wie der Knappe Tom einen Handstand machte, sein Herz verlor und dabei beinahe die Wasserspülung erfand“ erahnen lassen.

Es sind Kobolz schießende Phantastereien, bestückt mit allerlei schrullig bizarrem Personal. Erzähllandschaften, durch die bunte Seifenblasen schönster Absurditäten treiben – und das gern vor dem Hintergrund einer gewissen Dunkelheit. Eine sehr englische Neigung zu gelegentlich recht schwarzen Humor inklusive.

All das gilt auch für „Nicobobinus“. Und all das findet sich jetzt beglückenderweise auch in der TdJW-Adaption des Stoffes durch Regisseur Boris von Poser. Auf eine sonst leere Bühne hat der einen großen Würfel gestellt, der in 90 Handlungsminuten dank weniger Handgriffe alles werden kann, was die Geschichte erfordert: in Fantasie-Venedig, in dem Nicobobinus und Rosi leben, Berge oder ein Schloss. Die bedrückend gruselige H.-G.-Wells-hafte „Stadt der Schreie“, oder eine chillige Lounge für gesangsfreudige Drachen.

Die nüchterne Praktikabilität dieses Kubus’ hebt sich auf durch das, was auf, in, um ihn herum geschieht, und durch die quietschbunten Kostüme, die wunderbar passend das Überkandidelte bebildern, zu dem diese Story einlädt (Bühne, Kostüme: Sebastian Ellrich). Dazu bringt der Musiker Jörg Leistner mit Kompositionen Sebastian Herzfelds immer wieder mal die sHandlung zum Swingen und ihr Personal zum Singen. Live am E-Piano und an Weingläsern, denen er per Stick-Slip-Effekt jenes seltsam anrührende Heulen und Wimmern entlockt, das seinerseits atmosphärisch perfekt zu Story und Setting passt.

Ein beim Varieté mopsender Effekt, zu dem sich, wenn man schon dabei ist, auch noch eine recht beeindruckende Vertikaltuchakrobatik gesellt, mit der einmal Nicobobinus und Rosi im wahrsten Sinne zum Fliegen gebracht werden. Gute Voraussetzungen und Zutaten also für das, was ein anständiges Theatermärchenabenteuer braucht.

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Ziemlich gut

Das Darstellerensemble weiß es zu nutzen. Kevin Körber balanciert seinen Nicobobinus sympathisch lässig zwischen Ich-will-meine-Ruhe-Träumerle und abenteuerlustigem Huckleberry-Finn-Typ, mit dem Eva Löser als Rosi souverän mithält. Kein Sidekick, sondern emanzipierte Partnerin. Wenn nötig darf die ihrem Freund auch mal in den Hintern treten, Paroli bieten, sagen, wo es langgeht. Was sie, bei allem mädchenhaften Charme, ziemlich gut hinkriegt.

Das macht Spaß auch als kleine Kabbelein zweier sich Zugeneigter, die lediglich (noch) zu jung dafür sind, das als Liebe zu erkennen. Ganz davon abgesehen, dass sie ja auch gerade andere Sorgen haben. Freud und Leid und Freund und Feind begegnen. Wofür die restlichen fünf Darsteller (Martin Klemm, Sven Reese, Philipp Zemmerich, Sonia Abril Romero, Philipp Oehme) in einer mitunter schon aberwitzigen Rotation die Rollen zu wechseln haben: Ob als bräsige Piraten oder exaltierter Apfel, ob als dandyhafte Hypnos-Schnarchnase oder als Monarchen-Unsympath (Rede ans Zuschauervolk: „Wir sind die, die dann zurückgeschossen haben werden! Ist das klar?“) – es ist immer eine Gaudi.

Bis hin zu den Drachen. Ganz anderen, als den sonst gewohnten, die aber ihrerseits von den Menschen eher Schlechtes gewohnt sind. Was ja nicht so bleiben muss. Wie einem diese bestens gelungene Inszenierung noch mit auf den Weg gibt.

Vorstellungen: Noch 30 Mal bis zu, 28. Dezember im Theater der Jungen Welt, Karten erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 auf www.tdjw.deunter Tel. 0341 4866016

Von Steffen Georgi

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