„Live & Deutlich“-Tour

Niedeckens BAP in Leipzigs Haus Auensee

Rockte wunderbar mit der Tour „Live & Deutlich“ (Live-Album erscheint am 2. November) über drei Stunden im Haus Auensee: Wolfgang Niedecken (r.) mit BAP, hier mit Ulrich Rode und Axel Müller (v.l.)

Rockte wunderbar mit der Tour „Live & Deutlich“ (Live-Album erscheint am 2. November) über drei Stunden im Haus Auensee: Wolfgang Niedecken (r.) mit BAP, hier mit Ulrich Rode und Axel Müller (v.l.)

Leipzig. Erst mal klingt alles ganz anders. Glocken läuten, dann donnert Hollywood in Technicolor. Das Tara-Thema, Max Steiners berühmter „Vom Winde verweht“-Track, legt sich über die Kulisse aus Südstaaten-Herrenhaus, Showtreppe und Plaste-Palmen. Wolfgang Niedeckens Verbeugung vor jenem Ort, an dem er letztes Jahr sein Solo-Familienalbum „Reinrassije Stroßekööter“ aufgenommen hat: New Orleans.

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Dort war er noch einmal für eine fünfteilige Arte-Doku auf den Spuren von Bob Dylan („Oh, Mercy“-Aufnahmeort) und sang sein garantiert bestes Dylan-Cover „The man in the long black coat“. Den Song gab es Sonntagabend „Live & Deutlich“ im Haus Auensee – leider – nicht. Obwohl ein flirrender Mardi-Grass-Sound immer wieder durch die 220 BAP-Minuten wehte.

Was mit den drei Bläsern der Sing-meinen-Song-Band zu tun hatte, die als Marching Band schon mal fröhlich zur „Ruut-wieß-blau querjestrieften Frau“ über die Bühne zogen. Oder mit dem Akkordeon von Michael Nass. Oder mit Waschbrett und Mandoline von Multi-Instrumentalistin Anne de Wolff. Beim quick-übermütigen „Jebootsdaachspogo“ kam alles perfekt zusammen. Es roch verdammt echt nach Cajun, Schwüle, New Orleans-Fete.

Das tat auch vielen anderen Songs aus der großen, tiefen BAP-Kiste ziemlich gut. Wolfgang Niedecken blickte entspannt zurück auf Familie, Kindheit, Bandhistorie, Hits und vergessene Lieder, rockte elektrisch und machte immer mal wieder akustisch Zwischenstopps in Romantik. Eine gelöste Achterbahn-Tour, intelligent kartographiert und mit Lust gefahren.

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Schwere Drama-Zeit

Mit Rasanz und Tempo „Drei Wünsch frei“, „Waschsalon“ (Michael Nass aus Borna macht den Boogie-Mann am Keyboard), „Psycho-Radio“ zum Einspielen, dann kam zu Nachtstraßenbildern auf der Rückfront das grandiose Großstadt-Roadmovie „Diss Naach ess alles drin“, erst ein bisschen jazzig (auch durch die Trompete von Christoph Moschberger), dann straff durchgezogen. Der erste Jubel.

Ein Blick zurück auf die abgebrochene 84er-DDR-Tour (WDR dreht gerade eine Doku darüber) mit „Deshalv spill mer he“. Wunderbar – mit traumhaft aufklingender Geige (Anne de Wolff) und begleitender Posaune (Franz Johannes Goltz) – der autobiografische „Chippendale Desch“. Soulig-südlich „Et ess, wie’t ess“ mit Akkordeon, Stehbass (Marius Goldhammer), Conga.

Wenn schwebend das Keyboard einsetzt, das Licht auf Wolfgang Niedecken von schräg oben fällt, ist schwere Drama-Zeit in Alptraum-Cinemascope: „Bahnhofskino“. Das geht fliegend mit Ulrich Rodes sanfter Gitarre und dem Cello von Anne de Wolff zu „Jupp“ über. Ein Höhepunkt unter den 28 Songs des Konzerts.

Fotos aus der Familienschachtel

Wie das berauschend schöne„Weiste noch“, Niedeckens Kindheits-Erinnerung mit Zither-Klang, oder die Anrufung einer Welt-Harmonie mit„Wie schön det wöhr“, die durch „Imagine“-Nähe nichts an akustischem Wunder verliert. Jubel bei den ersten Akkorden zum Liebeslied „Du kanns zaubere“, nach dem BAP bruchlos mit „Nemm mich met“ in Rock umschaltet.

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Natürlich fehlen auch ein paar jener Besorgnislieder nicht, die man früher Protestsongs nannte: „Absurdistan“ (mit flackernden Suchscheinwerfern), „Vision vun Europa“, „Kristallnaach“ (verspielter, nicht weniger gelungen) und „Arsch huh – Zäng ussenander“ als Losgeh-Mitsingrock. Auf der Hinterwand Bilder von Stelzenhäusern, Meer, Fotos aus Niedeckens Familienschachtel (das Feinkostgeschäft der Niedeckens zu „Verdamp lang her“).

Traumhaft verwandelt klingt mit Geige „Nix wie bessher“. Der Saal jubelt. Zwei mal geht BAP ab und kehrt zurück, auch für die entfesselte Reggae-Nummer „Aff un zo“ und – als Rausschmeißer – „Jraadus“ mit glasklarem Pianoeinstieg.

Von Norbert Wehrstedt

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