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Gala

„Overhead Project“ erhält 14. Leipziger Bewegungskunstpreis

Gruppenbild mit Preis-Chef, Moderator und Kulturbürgermeisterin: Ronald Schubert, das Ensemble „Overhead Project“, Stefan Ebeling und Skadi Jennicke.

Gruppenbild mit Preis-Chef, Moderator und Kulturbürgermeisterin: Ronald Schubert, das Ensemble „Overhead Project“, Stefan Ebeling und Skadi Jennicke.

Leipzig.Bewegungskunstpreis ist ein einfaches Spiel: 21 Gruppen bewerben sich, und am Ende gewinnt immer das Lofft. Zumindest statistisch trifft die Umwandlung des bekannten Fußballspruchs von Gary Lineker zu: Acht von vierzehn Preisen gingen an Produktionen des gerade vom Lindenauer Markt in die Spinnerei umgezogenen Theaters, das damit auch in diesem Jahr seine konkurrenzlose Stellung als Leipziger (Ko-)Produktionsstätte für überregional bedeutendes Theater, Tanz und Performance untermauert. Einerseits. Andererseits verlässt in dieser Konstellation der sich selbst als "Highlight der freien Theaterszene Leipzigs" stehende Preis und seine 5000 Euro schwere Dotierung zum wiederholten Mal die Stadt: Die hinter dem Gewinnerstück "Surround" stehende Company "Overhead Project" hat ihren Stammsitz in Köln.

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Bevor am Galasamstag jedoch der Umschlag Glück für die Gewinner verhieß und die anderen Nominierten mit diplomatischer Miene applaudierten, feierte sich die Leipziger freie Szene zwei Tage lang selbst. Zur Eröffnung des Bewegungskunst-Festivals gab es am Freitag zum dritten Mal Vielfalt-Overflow in Form einer Shortcuts-Revue. Als „Festival der Besten“ wurden danach bis Samstagabend die drei nominierten Inszenierungen gezeigt. Für die galt in diesem Jahr: Viel Bewegung, weniger Wort, große Virtuosität im jeweils ästhetischen Metier, maximale Unterschiede in Produktion und Produkt; minimalistisches Live-Hörspiel trifft Slapstick-Geräuschpantomime trifft auf Tanz-Zirkus-Performance, die ihrerseits aufs Publikum übergreift.

Am Gala-Abend verweilt die kollegial vernetzte Theaterszene zunächst beim Plausch in der naTo-Kneipe, bevor Moderator Stefan Ebeling energisch zum Eintritt in den Saal bittet. Wenig später eröffnet Pianistin Olga Reznichenko jazzig die Gala und sortiert diese fortan mit Zwischenspielen. Ebeling gibt sich, ganz Impro-Schauspieler, schelmisch. Süffisant stichelnd liefert er in einem Mix aus Statistik, Anekdoten und kulturpolitischer Polemik einen Rückblick auf 14 Jahre Bewegungskunstpreis.

Zusätzliches Geld für Leipzigs freie Szene

Kulturpolitisch tut sich gerade einiges, das geht auch an der Gala nicht vorbei. Zwischen kulturellem Reichtum, den die freie Szene der Stadt gibt, und ihren vielfach prekären Arbeitsbedingungen setzt sich die Initiative Kulturstark für die Erhöhung öffentlicher Förderung ein. Mit Erfolg: In den nächsten zwei Jahren wird Leipzig den „Freien“ 3,6 Millionen Euro zusätzlich bereit stellen.

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Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke lobt am Abend das Engagement der Szene und die Entscheidung des Stadtrats, fordert aber gleichzeitig Ehrlichkeit und Transparenz von den Künstlern: Anstelle permanenter Selbstausbeutung müsse man klar offenlegen, was Kulturarbeit kostet. Preis-Chef Ronald Schubert kündet Veränderungen an. Zur 15. Ausgabe 2020 soll sich der Preis zumindest partiell neu ausrichten. Im anschließenden Interview mit den Nominierten kann sich Ebeling zwischen Flachs und seriösem Fragen schwer entscheiden. Ist dies bei Impro-Kollege Larsen Sechert unterhaltsam, stockt es bei den anderen deutlich mehr.

Zwei Lieder vom Stargast, der „romantischen Anarchistin“ Bernadette La Hengst, gibt es noch, bevor das ersehnte Preis-Verleihungs-Tata einsetzt: Jurorin Franziska Reif reicht den Umschlag zur Bühne, La Hengst öffnet ihn und verliest feierlich: „Overhead Project und Surround!“ Applaus, Blumen, Preisfigur, Pressefoto und ab ans Buffet. Ach nein, beinahe hätte Ebeling die Laudatio übergangen: Diese, von Jurorin Franziska Reif verlesen, lobt, dass der artistische Tanz ums goldene Kalb beziehungsweise lederne Pauschenpferd vor dem Publikum nicht halt macht. Somit stellt die wortlose Performance erlebbar Fragen an Gruppendynamik als menschliche Grundkonstante.

Gefühlter Widerspruch

Ästhetisch zweifellos herausragend, bleibt zwischen aktueller Diskussion und Laufrichtung des Preisgeldes ein zumindest gefühlter Widerspruch: Denn die kulturpolitischen Stimmen des Abends führt die Preisentscheidung nicht fort, die Verleihung verpasst die Chance, abseits des Bekenntnisses zu den Produktionsformen des Lofft ein Statement zu liefern. Wo Leipziger Akteure wie Sechert über Jahre mit Low- und No-Budget Projekten Jung und Alt verzaubern, reiht sich für die Gewinnercompany der Preis ein in eine lange Aufzählung an bundesweiter Förderung und internationalen Auszeichnungen. Den in den Preis-Statuten geforderten Leipzig-Bezug erfüllt das Stück nur wegen des Zusatzes, dass es „hinreichend“ sei, wenn eine Leipziger Einrichtung koproduziere.

Ob mit oder ohne Preis, in erster Linie feiert der Abend die Kunst und die wird mehr als vom Geld von der Leidenschaft ihrer Macher angetrieben. La Hengst singt: „Es muss wehtun – wir bleiben in Bewegung!“ Ebeling betont: „Gönnt es ihnen, verdammt noch mal.“ Egal, wer gewinnt.

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Von Karsten Kriesel

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