Konzertkritik

Panische Stunden in der Leipzig-Arena: Udo Lindenberg feiert mit 10.000 Fans

Mit über 30 Liedern sorgte Udo Lindenberg in Leipzig für eine Achterbahn der Stimmungen.

Mit über 30 Liedern sorgte Udo Lindenberg in Leipzig für eine Achterbahn der Stimmungen.

Leipzig. Die bunten, chaotischen Wirbelbilder auf der Bühne gibt es immer mal wieder, wenn die Panik-Familie auf Party macht. Bei „König von Scheißegalien“ wächst ein prächtig colorierter, bewegter Wald, in dem Flamingos Riesentüten verteilen. Zu „Alles was sie anhat, ist ihr Radio“ wird in knallengen, hautfarbenen Trikots getanzt, bevor ein Gitarrengewitter alles beendet. Wenn bei „Cello“ (mit Clueso als Gast) vier Cellistinnen und eine Göttin aus dem Himmel herab schweben, ist das allemal ein so überwältigendes Bild wie bei „Du heißt jetzt Jeremias“ mit viel Halleluja, Kirchenoberen, Glocke, Kirchenillustration in Cinemascope und Kathedralenlicht. Szenische Fantasien im Sarkastic-Sound gegen Zölibat und für gleichgeschlechtliche Ehe. Die stiftet Udo dann auch sofort auf der Bühne zum Heinz-Rühmann-Klassiker „Ich brech´ die Herzen der stolzesten Frau´n“. So viel  spontan verwirklichte Utopie muss  sein.

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Neben diesen karnevalesken Szenen immer wieder der andere Udo. Der Leise. Der Nachdenkliche. Der Empfindsame. Der Zurückgenommene. Jener Udo Lindenberg, der aus der in heutiger Zeit gern belächelten Tradition der still-zornigen Protestsongs kommt. „Wozu sind Kriege da?“ mit einem Kinderchor – und im Saal leuchten die Handys. „Wir ziehen in den Frieden“ – und rot glüht zu Artikel 3 und 1 Grundgesetz eine Sonne im Hintergrund. Udo ist überzeugend. Udo scheint weiter daran zu glauben, dass auch Lieder die Welt verändern können. Wenigstens ein bisschen. Auch wenn er sich wie ein Rufer in der Wüste vorkommen muss. Immerhin ist die Öko-Anklage„Ratten“ 37 Jahre alt. Die Bilder auf der Wand (Smog, Müll, tote Fische, Ölpumpen, Autos, dreckiges Wasser) sind wie Zeichen an der Wand.

"Hinterm Horizont" vorm Brandenburger Tor

Dazwischen der private Udo. Liebeslieder und Erinnerungen, die, mal leiser, mal lauter, von erfahrenen Gefühlen in einem Alltagssprech singen, der weitab, fernweg und jenseits aller hohen Minne liegt. Das sehnsüchtige „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen“ im Maritim-Sound, „Hinterm Horizont“ vor dem rot leuchtenden Brandenburger Tor, „Du knallst in mein Leben“ mit flammenden Tattoo-Herzen und Pin-ups auf der Wand –  und im Duett mit der fantastischen Ina Bredehorn. Überhaupt hat Udo Lindenberg  in der Blondine mit der Marie-Fredriksson-Frisur und in der schwarzhaarigen, souligen Nathalie Dorra wunderbare Partnerinnen, mit denen er  tanzen, singen, spielen kann. „Das Leben“ jedenfalls kostet er mit Nathalie ganz tief aus, bevor er sich auf eine himmlische „Sternenreise“ macht, die die Arena in samtenene Stimmung versetzt. Ein Handyteppich leuchtet den kosmischen Trip aus.

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Medley der Gassenhauer

Bald danach zieht das Tempo wieder auf Fete an. Im rasanten Medley gibt es „Johnny Controlletti“, „Sonderzug nach Pankow“, vor Onkel Pös Kneipen-Fassade „Alles klar auf der Andrea Doria“ (mit einem Knall regnet es Goldfäden) und in einem Karnevals-Tohuwabohu „Candy Jane“ mit Stelzengängern, Tänzerinnen, Drummer-Solo, Alte am Stock und Junge als Engel. Udo, der immer mal wieder die Jacke wechselt, mal Kapitän ist,  schwarz, blau, rot trägt, steckt im Streifen-Dress, zieht die Schuhe aus und läuft in grünen Socken über die Bühne. Inzwischen liegt der Auftritt von Sebastian Krumbiegel gut zwei Stunden zurück. Er saß am Klavier, als Udo, der 1990 in der alten Messehalle erstmals in Leipzig war (Live-Album), von der „Rock`n`Roll-Arena in Jena“ träumte.

Nach „Reeperbahn“ und „Eldorado“ wird es melancholisch: „Good bye Sailor“ mit Meer, Leuchtturm, Möwen, Akkordeon. Udo geht auf „Odyssee“ – und ein Gewitter mit Sturmwellen, Blitzen, Donner und Tornado bricht auf der Leinwand aus. Draußen, vor der Halle, ist es auch heftig. Reicht  für satte Durchnässung.

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Von Norbert Wehrstedt

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