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Lesung

Prinzessin auf dem Eis: Benjamin von Stuckrad-Barre dreht Pirouetten in Leipzig

Autor und Entertainer: Lesung mit Benjamin von Stuckrad-Barre im Täubchenthal in Leipzig.

Autor und Entertainer: Lesung mit Benjamin von Stuckrad-Barre im Täubchenthal in Leipzig.

Leipzig.Wenn wir Pop in Abgrenzung zur Hochkultur als das Feiern der Oberflächlichkeit verstehen, dann ist Benjamin von Stuckrad-Barre die Eisprinzessin, die auf dieser Oberfläche ihre Pirouetten und doppelten Rittberger dreht. Sehnig, mit strengem Gesicht und hübschem Trikot, wahrscheinlich gedopt. Man weiß nicht so recht, ob sie sich mehr am Glitzern der Eisfläche erfreut oder daran, dass sie ihr eigenes Spiegelbild darin so schön bewundern kann. Am Sonntagabend im Täubchenthal ließ sich das mal wieder ganz wunderbar beobachten.

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Denn dort steht, nein: sitzt größtenteils, jener Schriftsteller, der wie kaum ein anderer gleich doppelt Popliterat ist. Denn Stuckrad-Barre schreibt nicht nur im weiten Feld der Popkultur, er möchte auch Popstar sein, in Applaus baden, jubelnde, Feuerzeug-schwenkende Massen unterhalten. Die Schreibtischlampe zuhause genügt ihm nicht als Bühnenlicht. Und so dauert es auch erstmal eine ganze Weile, bis er das erste Buch zu seiner Lesung aufschlägt.

Zu dicken HipHop-Bässen ist er auf die Bühne gesprungen, zaubert wie Mary Poppins allerhand aus seiner Tasche – und fängt an zu quatschen. Der ehemalige Harald-Schmidt-Gagschreiber gibt auch hier eine Latenight-Show, kalauert sich ein bisschen durch die Fernsehwelt, mit Imitationen von Norbert Blüm und Markus Lanz (beide gut) und herablassenden Worten über ein paar deutsche Comedians (geschenkt).

Und so manövriert er sich von Anfang an in einen Widerspruch hinein, sehenden Auges und später super selbstironisch ironisierend, als er „In 80 Fragen um die Welt“ liest. Nach kurzem Abschweifen blickt er da suchend zurück ins Buch und fragt: „Äh, wo war ich stehen geblieben?“, um sich selbst zu antworten: „Jaja, schon klar, in den 90ern.“ Die Musik, das Fernsehen, seine Jugend, die Räusche, selbst sein Debüt „Soloalbum“ ist 20 Jahre her.

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Nähe zu Prominenten gesucht

Wenn das Fernsehen heute noch eine Bezugsquelle für sein Publikum wäre, hätte er die Heidi-Klum-Michael-Michalsky-Tokio-Hotel-Geschichte ja gar nicht mehr erzählen können, die er neulich schon genauso bei Klaas Heufer-Umlauf zum besten gab. Die Story legt zudem einen zweiten Widerspruch frei, den Stuck­rad-Barre entweder übersieht oder ignoriert: über Ruth Moschner und Luke Mockridge macht er sich lustig, über Michael Michalsky und Heidi Klum aber nicht. Wenn Sie sich jetzt fragen, was die „qualitativ“ voneinander unterscheidet: die einen laden Stuckrad-Barre zu ’ner Party in L.A. ein. Und darauf ist er angewiesen, denn er braucht nicht nur das Rampenlicht, sondern auch den Umgang mit den Stars zum Atmen. Wie der junge Oasis-Fan von damals, der Musik-„Journalist“ wird, um die Band zu treffen – weil sie seine Helden sind, aber auch, damit er erzählen kann, dass er sie getroffen hat – scheint Stuckrad-Barre noch heute die Nähe zu anderen Prominenten zu suchen. Seine Helden hat man dann irgendwann zusammen, dann tut’s auch Heidi Klum für ein bisschen Glitzer.

Als er „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“ liest, beschleicht einen das Gefühl, dieses kindische „Ich bin mit Udo Lindenberg befreundet! Und ich wohne in L.A.! In einem Hotel!“ könnte ein Ersatz sein für den Rauschexperten a.D., der eine wundervolle Ode an den Alkohol geschrieben hat, wie an die verstorbene Liebe seines nun abstinenten Lebens. Da ploppen die Flaschen und jemand sagt: „Sie spielen unser Lied“, da werden Gründe zum Trinken aufgezählt, die einer schöner als der andere sind.

Betteln um Hausverbot im Kakadu

In „Tattoos“ beschreibt er dagegen ein verliebtes Paar, das zugleich lacht und küsst, was ja gar nicht geht, aber eben doch, wenn man verliebt ist und es immerzu Sommer ist, egal in welcher Jahreszeit (bis es dann Herbst wird, und es wird immer Herbst). Seine großen Texte werden von ihrem Entertainer-Verfasser leider (nicht nur an diesem Abend) verdeckt, der schließlich noch mit inbrünstigem Gesang (Elton Johns „Your Song“ und Robbie Williams’ „Angels“, mit Noel-Gallagher-Fahne über den Schultern!) um lebenslanges Hausverbot im Kakadu bettelt.

Und so steht über diesem Abend dann doch jener Satz, mit dem Stuckrad-Barre sich im Täubchenthal von den richtigen Bestseller-Autoren abgrenzt (die mit den Hörbüchern in der Autobahnraststätte). „Die können vom Schreiben gut leben, ich kann vom Leben gut schreiben.“ Selbsterkenntnis? Kalauer? Hybris? Genaue, pointierte Beobachtung? Ja, ja, ja und ja.

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Von Benjamin Heine

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