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Schauspiel Premiere

Shakespeare-Komödie mit vertauschten Machtverhältnissen

Ron Helbig (l.) und Andreas Dyszewski in „Der Widerspenstigen Zähmung“ am Schauspiel Leipzig.

Ron Helbig (l.) und Andreas Dyszewski in „Der Widerspenstigen Zähmung“ am Schauspiel Leipzig.

Leipzig.Die Bühnenkante dient als Schnittachse. Dahinter öffnet sich das Halbrund einer Art Amphitheater. Ein arkadischer Hintergrund mit gemalten Meeresbuchten verstärkt den Eindruck vom antiken Theater, doch spätestens als Bewegung ins Spiel kommt erinnern die steilen Stufen ebenso an Glitzer-Gala-Showtreppen. Laufsteg und Loge der Voyeure fließen ineinander. Oben und unten, Macht und Ohnmacht, Subjekt und Objekt, alles ist eingebaut in die Bühnenarchitektur. Und darauf gießt Regisseur Moritz Sostmann seine Version von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ in einer Mischung aus Schau- und Puppenspiel. Am Montagabend war im Rahmen der Silvesterparty Premiere im großen Saal des Schauspiels Leipzig.

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Shakespeares immer noch häufig aufgeführte Komödie dreht sich im Kern um die ungleichen Schwestern Katharina und Bianca, Töchter des Kaufmanns Baptista aus Padua. Stehen bei Bianca die Verehrer Schlange, entzieht sich die ältere Schwester Katharina schlagfertig und selbstbewusst allen Annäherungen. In der Lesart des späten 16. Jahrhunderts, als Hochzeiten der besseren Gesellschaft von Vätern vereinbart und, wie von Baptista offen ausgesprochen, als „Handel“ gedacht waren, gilt Katharina, die auf Selbstbestimmung pocht, als die Widerspenstige. Eine aus heutiger Sicht unzeitgemäße Betrachtung. Weshalb Sostmann in seiner Versuchsanordnung die Machtstrukturen vertauscht: Männer werden Frauen und umgekehrt. Baptista, die Mutter, schwingt das Familienzepter. Die Söhne Katharino (Andreas Dyszewski) und Bianco (Ron Helbig) sind das Kapital. Wobei Bianco erst heiraten darf, wenn Katharino vermählt ist.

Sostmann, Hausregisseur am Schauspiel Köln und nach der Inszenierung von „Sechs Personen suchen einen Autor“ zum zweiten Mal Gast am Schauspiel, findet gleich ein treffendes Bild für das Machtgefälle. Die Söhne posieren auf der unteren Spielfläche. Die Mutter und zwei Rivalinnen um Bianco, alles Puppen, sitzen derweil gelassen oben auf dem Halbrund wie beim Pferderennen in der Loge und beobachten, um im Bild zu bleiben, die jungen Hengste. Dabei ziehen sie an ihren Zigaretten. Die Puppenspieler führen subtil die Glieder der älteren Damen und pusten ihnen den Rauch vor die Köpfe.

Den Brüdern wiederum dient das Publikum als Badezimmerspiegel. Bianco zieht Rasierschaum und Wässerchen aus seinem Toiletten-Köfferchen, derweil Katharino aus seinem Blecheimer eine Dose Bier zaubert. Während Bianco sich prüfenden Blickes pflegt, steigert sich Katharino in einen hoch komischen Fehlanwendungs-Rausch mit den Kosmetika des Bruders, bis er zuletzt Bianco Rasiercreme in den Mund stopft. Eine clowneske Einlage, rasant gespielt von Dyszewski und Helbig, die perfekt die unterschiedlichen Charaktere der beiden auf den Punkt bringt.

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Einen Charakter, Katharinos, gilt es zu brechen. Petruchia, von Anne Cathrin Buhtz mit blondierter 80er-Jahre-Matte und sadistischem Lächeln diabolisch gespielt, hat es auf die Mitgift abgesehen. „Ich nehme dich“, sagt sie zu Katharino. Der Mann, „mein Eigentum“.

Das Konzept, die Machtverhältnisse zu tauschen, funktioniert durchaus und es fordert dazu auf, Geschlechterverhältnisse zu überdenken. Aber es bleibt zugleich weitgehend in einer netten Parodie stecken. Ein Überraschungseffekt, ein Erkenntnisgewinn gar, ergibt sich durch den neuen Blickwinkel nicht – schlicht weil die Rollenbilder bei Shakespeare ohnehin aus der ganz dick eingestaubten Mottenkiste vom Dachboden stammen.

Der Abend entfaltet seine stärksten Theatermomente deshalb, wenn er die Komödien-Ebene verlässt und sehr ernsthaft die Abgründe des Stoffes auslotet. Wenn gespenstische Chimären im Hause Petruchias kauern, als wären sie Knechte des Teufels. Und wenn die ohnehin gelungene Bühne von Christian Beck eine zusätzliche Ebene entfaltet und sich ein Vergleich aus der Zoologie aufdrängt: Wie die Larve des Ameisenlöwen einen Sandtrichter gräbt, der ihr die Beute in die Fangwerkzeuge rutschen lässt, so gleicht nun die Bühne einem Trichter, in den Katharino rutscht. Denn der tiefste Punkt lässt sich öffnen, eine Fallgrube hinab ins Ehebett Petruchias, in das der verkaufte junge Mann schreiend stürzt. Und die Herrin macht ihn gefügig mit Schlaf- und Essensentzug, kurz: mit Folterei. Bis der Gebrochene sein finales Loblied singt auf die Rolle des Mannes, lieben, dienen und gehorchen zu dürfen.

Shakespeare hat seine Komödie als Theaterstück im Stück angelegt, als derben Streich für den Zecher Christopher Schlau. Sostmanns Inszenierung nun lehnt sich locker an diesen Rahmen an und nutzt ihn für eine Kommentierung. Schlau, gespielt von Felix Axel Preißler, der wunderbar bedröppelt durch den ganzen Abend stolpert, nimmt Katharinos Schlussmonolog bereits als Prolog vorweg. Da noch mit original patriarchalem Anstrich. Jäh gebremst von einer Frau (Bettina Schmidt) mit brutalem Flaschenhieb und klugen Worten. Worte, die sich der Abend bei Virginie Despentes leiht, Autorin und Feministin, die aufzeigt, wie herkömmliche Rollenideale Frauen und Männer in ein Korsett der Erwartungen zwingen, das wenig mit wahren Wünschen zu tun hat.

Ein differenzierter Blick auf heutige Strukturen, der sich nur bedingt auf die brachiale Macht- und Marktlogik des Shakespeare-Stoffes legen lässt. Komödie und Kommentar, Klamauk und die Auseinandersetzung mit den Abgründen stehen in den zweieinhalb Stunden Spielzeit etwas fremdelnd nebeneinander.

www.schauspiel-leipzig.de

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Von Dimo Riess

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