Off-Theater-Premieren

Staunen in neuen Räumen: Eröffnungsfestival im Lofft

Auf der Werkstattbühne hat am Samstag Andrea Baccomo in „Newton_5d“ mit einfachen Mitteln erstaunliche Bilder erzeugt.

Auf der Werkstattbühne hat am Samstag Andrea Baccomo in „Newton_5d“ mit einfachen Mitteln erstaunliche Bilder erzeugt.

Leipzig. Mit einer Expedition ins Weltall und in die Zerrbilder der medialen Inszenierung von Weiblichkeit hat das Lofft am Wochenende den Eröffnungsreigen am neuen Standort auf dem Spinnereigelände beendet. Man kann jetzt schon festhalten, dass es alles andere als ein Fehlstart war. Nachdem am Donnerstag bereits der große Saal offiziell das Rampenlicht erblickt hatte, zogen am Samstagabend die Werkstattmacher auf der kleinen Bühne nach.

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Der Verein Werkstattmacher sieht sich ja primär dem künstlerischen Nachwuchs verpflichtet und räumte das Recht der Eröffnung Andrea Baccomo ein. Der Wahl-Leipziger kommt aus dem Umfeld des Neuen Zirkus vor allem mit Jonglage, macht aber auch Live-Musik mit Synthesizer und Gitarre. Auf der neuen Studiobühne entführt er das Publikum auf die titelgebende Raumstation "Newton_5d", auf welche die Erdbewohner nach der Klimakatastrophe flüchten müssen. Während seine Stimme vom Band ein sehr poetisches Untergangsszenario entstehen lässt, zaubert er dazu mit seinen Bällen und Händen kleine spannende Bilder und spielt mit so abstrakten Bildern wie Schwerkraft, Relativitätstheorie oder dem Ereignishorizont eines schwarzen Loches.

Im Vordergrund steht dabei nicht so sehr das artistische Beweisen seiner Jonglierkünste (nur ganz am Ende greift er zu fünf Bällen, die Mehrheit des Abends reichen ihm drei zum Verzaubern), sondern um das Erschaffen von Bildern, die Staunen hervorrufen. Mit beeindruckender Gewandtheit manipuliert er die Flugbahnen der Objekte, die sich ohne Veränderung in die erzählte Geschichte verwandeln. Musikalische Pausen organisieren den atmosphärischen Wechsel in diesem Solo-Programm und dank Loop-Station sind auch hier dem vielfältigen Ausdruck keine Grenzen gesetzt. Nach 45 Minuten lässt Baccomo seine Zuschauer ebenso staunend wie verzückt zurück.

Improvisiertes Filmstudio auf der Bühne

Staunen, das ist es auch, was der zweite Abend auf der großen Bühne ausgelöst hat. "Candy's Camouflage" der Wiener Compagnie Liquid Loft unter der künstlerischen Leitung von Chris Haring überzeugt mit einer überbordenden Tanz-Video-Performance, die aus einfachen Mitteln Überwältigendes schafft. Drei Frauen – Stephanie Cumming, Katharina Meves, Karin Pauer – singen, tanzen, erzählen und ziehen sich dabei ständig um. Und sie filmen sich dabei, was den Kern des Abends ausmacht. Zwei Kameras auf Stativen, zwei Beamer und vier Scheinwerfer, fertig ist das improvisierte Filmstudio.

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Ausgangspunkt sind die Filme Andy Warhols mit seiner großen Diva Candy Darling, doch in seiner Umsetzung wirkt das Ganze eher wie ein Theaterabend von David Lynch, der in seinen Filmen die Abgründe der menschlichen Existenz auch in Hollywood auslotet. Verhandelt werden Frauenbilder und ihre mediale Repräsentation. Schon die Sprache, die hier verwendet wird, ist verfremdet. Alles, was die drei Damen sprechen, kommt vom Band und überformt die Natur zugunsten von Eindeutigkeit.

Mit einfachen Mitteln ins Unendliche

So können die Tänzerinnen perfekt singen und sprechen und müssen doch nur die Lippen bewegen. Ähnliches gilt für die Körper, die durch die mediale Dopplung ihre Natürlichkeit zugunsten des gemachten Bildrahmens verlieren. Quer dazu stehen dann die Texte, die genau hier das Stück dekonstruktivistisch aufsprengen. „Wann fängt man an, sich vor seinem Körper zu ekeln?“, wird an einer Stelle gefragt oder auch das Bild des jungen Mädchens in der Populärmusik kommt zur Sprache: „Warum ist es immer ein junges Mädchen, warum nie eine reife Frau?“ Dazu dräuende Musik, dunkler Jazz und Bilder in schwarz-weiß, die übergroß auf der Rückwand der Bühne erscheinen.

Doch hier findet dann im Verlauf des Abends die Explosion statt, ein Kurzschluss im Wechselspiel zwischen Live-Video und Projektion. Bühnenbilder verdoppeln sich mit einfachen, aber sehr gekonnten Mitteln ins Unendliche. Das Bild frisst seine Erzeuger, lässt die eigentlichen Personen und Körper in einem visuellen Overload verschwinden, und doch wäre alles ohne sie nichts. Man kann hier medienästhetische Fragestellungen lesen oder aber sich einfach verzaubern lassen von dieser überwältigen Bildstrategie.

Ein gelungenes Ende des Auftakts, der zeigt, dass das neue Lofft mit seinen neuen Räumen nichts von seinem alten Elan verloren hat. Und das Festival „Open! Now!“ dauert ja noch ein paar Wochen an. Zeit für neue Entdeckungen.

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Andrea Baccomo führt "Newton_5d" erneut am Mittwoch, 20 Uhr, und Donnerstag, 19 Uhr, im Lofft auf, Spinnereistraße 7, Halle 7, Eintritt 9/6 Euro.

Von Torben Ibs

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