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Neuerscheinung

Verletzlich und klar: Martin Walsers Buch „Spätdienst“

Für den Schriftsteller Martin Walser ist das Schreiben wichtiger als das Sprechen.

Für den Schriftsteller Martin Walser ist das Schreiben wichtiger als das Sprechen.

Leipzig.Noch eine Bilanz. Schon wieder ein Alterswerk. Und er wird immer besser. Martin Walser, 91 Jahre alt, der unzählige Romane geschrieben hat, beschränkt sich jetzt auf die Essenz: das Ich und das Wort. Ohne Umschweife beginnt der Text, der eine Decke aus vielen Texten ist, aus Vierzeilern und Vielzeilern, aus aphoristisch oder essayistisch abgesteckten Gedankenräumen.

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„Spätdienst“ heißt das Buch, das am 20. November erscheint. Es ist eine Schatzkiste, die einen Reichtum an Überlegungen birgt, an Kommentaren und Beobachtungen, Möglichkeiten und Klarheit. „Bekenntnis und Stimmung“ lautet der Untertitel.

Von der Widmung an meint Walser seine Feinde mit: „Für Gegner:/ ein gefundenes Fressen// Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute“. Vertraut ist die Schutzlosigkeit des Ich, das – „verwöhnt von Religion und Märchen“ – täglich den Tod leugnet. Vertraut sind die Widersprüche. Vertraut ist auch der heilige Unernst: „Dieser Samstag geht mit mir um, wie ich mit meiner Mutter nicht umgegangen bin. Ich bin auch nicht die Mutter dieses Samstags, das gebe ich zu.“

Aus dem Inventar der Schöpfung wählt der Schriftsteller den Wind oder einen Möwenschrei, sie dienen dem Bauchgefühl des sich aus der Jugend entfernenden Mannes. Auch das Häusliche verspricht Schutz. Bittet er die Tapete um Aufnahme, bekommt er einen „Platz angeboten im Muster“.

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Alberei mit der Erwartung

Nach der Trilogie der Selbst- und Welterkundung in den aphoristisch zugespitzten Meßmer-Bänden und neben dem Band "Ewig aktuell" zum 90. Geburtstag hatte Martin Walser sich ins Altern und Loslassen vertieft, zuletzt in den Romanen "Ein sterbender Mann", "Statt etwas oder Der letzte Rank" und "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte".

Auch „Spätdienst“ stellt die Frage nach dem Überleben, nach einer Weltflucht aus Sehnsucht nach der Welt. „Ich bin an den Sonntag gebunden/ wie an eine Melodie,/ ich habe keine andere gefunden,/ ich glaube nicht, und ich knie.“ Die Religion und der Autor umkreisen einander in unsicherem Abstand. Dann wieder scheint alles Spielerei mit der Form zu sein, ein Tanz mit dem Rhythmus oder auch nur eine Alberei mit der Erwartung. „Geheimnisse entstehen zu lassen lohnt sich. Überall lungern Deuter herum.“

Er sehe das Schreiben als „Lebensmittel“, hat Walser am Sonntag bei der Buchpremiere in Stuttgart gesagt. Es sei für ihn wichtiger als das Sprechen.

„Mir schmilzt auf der Zunge alles Übel der Welt“, schreibt er, und führt schreibend auch das Selbstgespräch: „Was soll ich tun? In den Wind gehängt als eine Fahne von wem?“ Sein Leben in der Sprache ist ein Leben in Unsicherheit.

Deutlich ziehen sich Spuren der Suche durch das Buch: „Die Sätze, die ich schreibe, sagen mir etwas, was ich, bevor ich sie schrieb, nicht wusste.“ Hin und wieder präsentiert er einen Fund: „Die Sprache ist der Bestand der nachprüfbar gewordenen Illusion“, heißt es dann. Oder: „Der Neid ist eine Einzelhaft.“

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Lieber ein Aber als ein Ach

Diese Miniaturen strahlen – und werfen gleichzeitig Schatten, weil sie im Licht permanenter Befragung liegen. Als Gefangener der Freiheit bleibt Martin Walser sich auf uneitle Weise treu. Sein Spiegelbild genügt ihm nicht. „Das Ich rutscht aus mir raus wie nasses Stroh. Mein Blick hält nichts fest, ich reiche nicht über mich hinaus, ich ende kalt an meinem Knie.“ Meist setzt er lieber ein Aber als ein Ach.

Der Mann, der neulich im „Spiegel“ eine Liebeserklärung an Angela Merkel veröffentlicht hat, einen Aufsatz über Schönheit und Wucht, pflegt im Alltäglichen das Politische als Haltung. Er wird nur selten direkt, wählt lieber eine höhere Verarbeitungsstufe.

Die Fundstücke sind zusammengetragen aus dem Reservoir an Konjunktiven und Zweifeln. Aus Martin Walser spricht eine auch vorsätzlich wirkende Gelassenheit, die er errungen hat. Den Feinden abgerungen. All die Journalisten, die sich an ihm abgearbeitet haben, nennt er beim Namen.

Simultanes Erinnern

Solche aus dem Textstrom der Jahre herausgelösten Aperçus stehen beieinander wie Passanten und wirken doch verabredet. Manches möchte man umgehend hinter den Spiegel klemmen, vieles zurücklegen für ein bisschen Walser zwischendurch: „Weinen ist auch Wasserlassen.“

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Dem Schriftsteller, der kein Mahner sein will, gelingt es, Verzweiflung nicht tragisch wirken zu lassen, sondern folgerichtig und nachvollziehbar als Gegenstück der kaum leiser beschworenen Liebe.

Zur Buchpremiere sagte er über die Last von Erinnerungen: „Je schöner etwas war, desto schlimmer ist es jetzt.“ Sein „Spätdienst“ ist simultanes Erinnern und darum schön und schlimm zugleich. Dass es auch äußerlich ein traumhaftes Buch ist, liegt an den Arabesken von Tochter Alissa Walsers.

„Die Kraft ist fort, ich bin noch da,/ morgens liege ich wie gefällt,/ aus Anstand stehe ich auf/ und setze mich.“, schreibt Martin Walser. Seine Gedanken sind Fenster, durch die er auf Bewegtes blicken lässt. Das kann eine Baumkrone sein oder ein Herz.

Martin Walser: Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung. Rowohlt Verlag; 208 Seiten, 20 Euro

Von Janina Fleischer

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