Schluss mit Fiderallala

Posterboy der Null- bis Zehnjährigen“: Der Wiener Matthäus Bär singt nicht nur vom Zähneputzen.

Posterboy der Null- bis Zehnjährigen“: Der Wiener Matthäus Bär singt nicht nur vom Zähneputzen.

Hannover. Zum Songschreiben braucht Matthäus Bär Ruhe. Drei Mal pro Woche, gleich nachdem er den Nachwuchs in die Grundschule und den Kindergarten gebracht hat, fährt der Kindermusiker deshalb quer durch Wien zu seinem Proberaum. Hier gibt es weder Telefon noch Internet, auf dem abgewetzten Teppich stehen dafür unzählige Instrumente. Inmitten des kreativen Chaos taucht er stundenlang ab, sucht nach eingängigen Akkorden und denkt über Texte nach. Wenn sich Bär am Nachmittag auf den Heimweg macht, bringt er oft neue Songideen mit nach Hause.

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„Meine Lieder spiele ich zuerst meinen Kindern vor. Von ihnen bekomme ich ein knallhartes, aber ehrliches Feedback dazu, ob die Melodie passt und der Text relevant genug ist“, erzählt der 27-Jährige. Dieser Stimmungstest ist ihm wichtig, schließlich will er die kleinen Hörer und ihre Ansprüche ernst nehmen. Genau deshalb singt Bär auch nicht übers Zähneputzen, sondern erzählt von kindlichen Alltagssorgen – der großen Liebe im Sandkasten, aufregenden Fahrradfahrten oder sogar melancholischen Themen wie Krankheit und Abschied. „Mit dieser Art von Kindermusik mache ich mir das Leben wahrscheinlich unnötig schwer“, sagt er. Tatsächlich ist Kindermusik mit Humor und zeitgemäßem Klang eine verhältnismäßig neue Entwicklung.

Den Kindern musikalisch etwas zutrauen

Jahrzehntelang beherrschten Rolf Zuckowski, Volker Rosin und Co. die CD-Regale für den Nachwuchs – eine Diktatur mit sanfter Stimme und Akustikgitarre. Rebellische Gegenstimmen wie Fredrik Vahle verschwanden schnell wieder in der Nische. Stattdessen beschallten „Reim’ dich oder ich fress‘ dich“-Poesie wahlweise untermalt mit Heile-Welt-Xylofon oder Kirmestechno die Kinderzimmer, Geburtstage und Morgenkreise in der Kita. Fast könnte man meinen, all diese Liedermacher trauten den Kindern (und ihren mithörenden Eltern) weder einen eigenständigen musikalischen Geschmack noch textlichen Anspruch zu.

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Bär hat als „Quereinsteiger“ andere Vorstellungen. Früher machte er englischsprachigen Indie-Rock – wenn auch eher erfolglos. Erst seine Frau ermutigte ihn, Songs für den eigenen Nachwuchs zu schreiben. Anfangs hatte er Bedenken. „Ich wollte nicht, dass die Musik wie eine mittelmäßige und kindliche Version von Tocotronic klingt. Immerhin gibt es schon genug schlechte Kindermusik“, sagt er. Seine Alben zeigen, dass die Bedenken grundlos waren. Dem Wiener gelingt der Spagat zwischen eingängigem Indie-Rock und anspruchsvollen, aber trotzdem kindergerechten Texten. Nicht umsonst feiert ihn das Feuilleton der Alpenrepublik als „Posterboy der Null- bis Zehnjährigen“ oder „Frank Sinatra der Kinderunterhaltung“. Zwischen den Zeilen dieser Lobeshymnen seufzt ein Elternherz, endlich Kindermusik, die uns nicht nervt.

Die Erwachsenen beim Songschreiben im Hinterkopf

Eine Art Wegbereiter der „Neuen Kindermusik“ ist die Hip-Hop-Combo „Deine Freunde“. Die drei Hamburger setzen seit ihrer Gründung 2012 auf poppigen Rap für Kinder und freche Texte über das Aufessenmüssen, den Satz „Du bist aber groß geworden“ und nicht zuhörende Eltern. Ihr Erfolgsgeheimnis klingt verblüffend einfach. „Wir schreiben Lieder über Themen, die uns bewegen und machen Musik, die uns gefällt und die wir als Väter auch gerne hören“, sagt Florian Sump, bei Deine Freunde für den Sprechgesang zuständig. Bewusst lasse man dabei die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen aufeinandertreffen. Ein logischer Ansatz: Immerhin machen die Eltern die Hälfte der Hörerschaft aus. Sie kaufen die Tickets und die CDs. „Inzwischen haben wir die Erwachsenen beim Songschreiben im Hinterkopf. Wir nehmen in Liedern häufiger ihre Perspektive ein und sprechen sie bei Konzerten aktiv an“, sagt Sump.

Die Vereinigung zweier Welten wird auch an einem anderen Punkt deutlich. So brechen die neuen Kindermusiker nicht nur musikalisch, sondern räumlich mit alten Werten. Statt in der Schulaula, beim Familienfest oder vor dem örtlichen Supermarkt treten sie bewusst in echten Konzerthallen und ranzigen Kellerclubs auf – Bühnenstaub, Neonlicht und Clubgeruch inklusive.

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Die Wirkung ist faszinierend: Die Kinder dürfen an einen Ort, der ihnen sonst verschlossen bleibt. Die Erwachsenen schwelgen angesichts von Clubatmosphäre und Bier in Plastikbechern in Erinnerungen an kinderlose Tage. Am Ende sind alle glücklich. Natürlich werden nicht alle Traditionen eingerissen. „Unsere Konzerte sind weiterhin am Nachmittag“, sagt Sump. Als zweifachem Familienvater kommt ihm das inzwischen sehr gelegen. Statt tief in der Nacht ist er nach dem Auftritt schon um 18 Uhr zu Hause – pünktlich für Abendbrot und „Die Sendung mit der Maus“.

Von Birk Grüling/RND

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