„Eigentlich geht es mir gerade gar nicht gut“

Shane MacGowan gibt ein Lebenszeichen – wenn auch ein schwaches

Viel erlebt, viel gesehen: Der frühere Pogues-Sänger Shane MacGowan.

Schön, dass der noch lebt, denkt man, als man von dem Interview hört. Wohl weil man Shane MacGowan schon in den späten 80ern nie anders als superstratosphärenblau mit den Pogues auf der Bühne erlebt hatte. Und ihn auch einmal unansprechbar zusammengesunken in einem Irish Pub gesichtet hatte.

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Weil Shane MacGowan 24/7 nie nüchtern gewesen zu sein schien. Hörte man ihn singen, tat einem die eigene Leber weh. Die Zähne auch. Und irgendwo hatte man auch noch Sinead O‘Connors auf MacGowan bezogenen Satz über den „Engel, nahe seinem Ende“ in Erinnerung.

So freute man sich zu lesen, dass der als uninterviewbar geltende Sänger einer der intensivsten Bands der Rockgeschichte im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ aus seinem Leben erzählte. Was war, was ist, was hoffentlich noch sein wird.

Bei den Pogues fühlte Shane MacGowan sich eingesperrt

Das Wichtigste: Die Band hatte er schon lange verlassen wollen, bevor sie ihn 1991 wegen Trunksucht und Unzuverlässigkeit hinauswarf. Dass er sich eingesperrt fühlte, berichtet er, aus Schuldgefühlen aber trotzdem blieb.

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„Ich hab‘s versucht“, antwortet MacGowan auf die Frage, warum er den Mitmusikern nicht einfach gesagt habe, wie er sich fühlt. Die wollten ihn zunächst nicht gehen lassen. „Für sie hat die Sache gut funktioniert“, kommentiert MacGowans Ehefrau, die irische Schriftstellerin und Künstlerin Victoria Mary Clarke, die McGowan immer, wenn er im Verlauf des Interviews deprimiert wirkt, aus dem Gemütskeller holt.

Die Band, die „Küss meinen Hintern“ hieß

Pogue Mahone – zu Deutsch „küss meinen Hintern“ – war der erste Name, zudem die generelle Haltung und der Titel des letzten Albums der 1982 in London gegründeten Band, die dann als The Pogues Rockgeschichte schrieb und zwischen 1984 und 1996 Platten veröffentlichte. Als die Charts in den 80ern vielhundertfach von Keyboards geflutet wurden, zogen die Mannen um den pöbeligen Shane MacGowan ein Reservat für den Punk auf, indem sie ihn mit Irish Folk verbandelten.

Sieben Platten gibt es insgesamt von den Pogues. Bei den ersten fünf stand MacGowan am Mikro, die ersten drei davon – „Red Roses for Me“, „Rum, Sodomy & The Leash“ und „If I Should Fall from Grace with God“ – gehören in jede gut sortierte Plattensammlung. Vor allem „If I should fall ...“ mit seinen wilden Ausflügen in Tex-Mex- und orientalische Klangwelten und dem suffromantischen Weihnachtsduett „Fairytale of New York“ (in dem Gesangspartnerin Kirsty MacColl die Zeile „Frohe Weihnacht, du Arsch / ich hoff‘ es ist unsere letzte“ singt), zeigt noch heute, was aus der Band hätte werden können, hätte sich MacGowan nicht mit Macht seinen diversen Süchten ergeben.

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Und hätten seine Mitstreiter nicht die urwüchsige Energie verloren. Nach MacGowans Ausscheiden hatte der Pogues-Sound die Kante verloren, wurde weicher, poppiger, gefälliger. Die Whiskyrasierklingenaschenbecherstimme fehlte. Immerhin ist „Fairytale“ in Großbritannien heute das meistgespielte Weihnachtslied des 21. Jahrhunderts.

Die zweite Zeit mit den Pogues blieb medial fast unbemerkt

In den Nuller- und frühen Zehnerjahren hatte sich MacGowan, vom großen Weltpopzirkus nahezu unbemerkt, wieder für Konzertreisen durch Großbritannien, Irland und die amerikanische Ostküste mit den Pogues zusammengetan. Neue Musik gab es nicht, 2014 gilt als zweites Trennungsjahr, 2015 erlitt MacGowan einen Beckenbruch. Rollstuhl und Krankenbett findet die Interviewerin der „SZ“ in seinem Wohnzimmer in Dublin.

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„Dirty Old Town“ will MacGowan heute nicht mehr singen, und wenn seine Victoria auf Reisen ist, fühle er sich einsam, sagt er. Selbst würde er gern noch einmal Deutschland besuchen, Paris sehen und Marseille. Man habe viel gesehen, viel erlebt. Tiefe Zuneigung der Eheleute füreinander ist in dem Dreiergespräch zu spüren – auf eine rauzärtliche, sehr aufrichtige Art.

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Zähne hat MacGowan auch wieder, wo einst Stumpen waren, ist strahlendes Weiß. Und die Eheleute erzählen von zwei Tagen, an denen sein Zahnarzt an MacGowans ruinierten Kiefern 2015 den „Everest der Zahnheilkunde“ erklomm, was sogar für eine obskure TV-Doku („Shane MacGowan – A Wreck Reborn“) festgehalten wurde.

Was Julien Temples MacGowan-Doku mit Sibirien zu tun hat

Eine andere Doku entstand vor zwei Jahren: „Crock of Gold: A Few Rounds with Shane MacGowan“. An die schwierigen Dreharbeiten mit einem scheuen, sich rar machenden MacGowan erinnerte sich Regisseur Julien Temple in einem Interview: „Es war, als würdest du Kameras in der sibirischen Nacht aufstellen, und darauf hoffen, dass sie der Schneeleopard nach ein paar Monaten auslöst.“

Schön, dass der Rock‘n‘Roll-Schneeleopard MacGowan noch lebt, und dass, obwohl er – so die Legende – mit dem Biertrinken als Fünfjähriger begann und bereits mit zehn Jahren ein Gewohnheitstrinker war. Mehr noch: Der „New York Times“ verriet er 2021: „Wenn es jemanden gibt, der noch viel mehr vom Leben will, dann bin ich das.“

Die SZ-Journalistin Theresa Hein fand offenbar einen wehleidigeren MacGowan vor, der über seinen körperlichen und seelischen Zustand klagt. „Eigentlich geht es mir gerade gar nicht gut“, sagt er, bevor er sich dann zusammenreißt.

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„Ich denke“, sagt er, „dass es wieder bergauf geht.“

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