Sind Sie streng mit sich selbst?

Auf der Suche nach den eigenen Grenzen: Maria Furtwängler und die Liebe zum Spiel.

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Hannover. Lassen Sie uns über Charlotte Lindholm sprechen. Seit 15 Jahren schlüpfen Sie in die Rolle dieser taffen, hadernden Frau, am Sonntag läuft ihr 25. “Tatort“. Könnten Sie im richtigen Leben mit ihr befreundet sein?

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Ja, auf jeden Fall. Sie würde mich faszinieren, weil sie getrieben ist. Besessen von ihrem Beruf, von ihrem Drang, die Sachen richtig zu machen. So eine Frau würde mich interessieren. Ich mag Leute, die extrem gut sind in dem, was sie tun. Und umso spannender ist es, dass in diesem “Tatort“-Fall all diese Qualitäten auf die Probe gestellt werden. Diesmal handelt Charlotte eben nicht wie sonst. Diesmal ist sie alles andere als eine Heldenfigur. Und sie bleibt, denke ich, trotzdem glaubwürdig.

Charlotte Lindholm strahlt das Gefühl aus, ihren eigenen Ansprüchen an sich selbst eigentlich nie gerecht zu werden. Sind Sie selbst streng mit sich?

Wenn man eine Figur spielt, kann man immer Aspekte von sich selbst nutzen, wenn auch stark überhöht. Diese Strenge ist durchaus etwas, das ich kenne. Aber letztendlich ist es ja so: Selbst wenn ich eine Mörderin spielen würde, würde ich Anteile in mir finden, die gnadenlos und grausam sind. Wir tragen als Menschen all diese Aspekte in uns. Und das Schöne an der Schauspielerei ist, dass sie uns erlaubt, solche Extreme von uns selbst zu nutzen.

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Sie sagten mal, “Schauspielerei ist Kontrollverlust mit Genehmigung“.

Genau.

Charlotte hadert viel, ist unzufrieden mit sich. Männern dagegen fällt es unterm Strich leichter, sich selbst super zu finden – auch wenn alle Fakten dagegen sprechen.

Das stimmt schon, das fehlt uns Frauen öfter als Männern. Im Sinne von Lebensglück und Kraft wäre das Gefühl “Ich bin toll, ich schaffe das!“ natürlich oft hilfreich. Obwohl der Gedanke “Ich bin nicht gut genug“ ja auch eine Motivation sein kann. Aber das wird uns eben auch anders beigebracht: Wir sollen bitte attraktiv und sexy sein, aber nicht unbedingt intelligent und erfolgreich. Das ist bei Mädchen einfach kein sehr verbreitetes Erziehungsziel.

Mädchen werden so geprägt?

Ja. Wir wollen liebenswert sein und gemocht werden. Das ist es, was uns antreibt. Und das hemmt uns in vielerlei Hinsicht, auch mal Dinge zu tun, die halt nicht gefallen. Denn dann sitzt immer jemand daneben, der sagt: “Das ist aber nicht nett von dir.“ Das ist der Grund, warum wir Frauen uns oft schwertun damit, Risiken einzugehen: weil wir möglichst allen gefallen wollen.

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Von Ihrer Mutter Kathrin Ackermann, die auch im “Tatort“ Ihre Mutter spielt, sagten Sie mal, sie habe Sie “zwangsemanzipiert“. Was bedeutet das?

Das war ganz erstaunlich: Meine Mutter war wirklich eine sehr selbstbewusste Frau, die auch maßgeblich das Geld für die Familie verdiente. Mein Vater war unzuverlässig, und wenn er mal Geld hatte, dann hat er es oft gleich wieder rausgehauen. Meine Mutter war der Anker und die Tüchtige, die die ganze Familie am Laufen gehalten hat – ein großes und ermutigendes Vorbild für mich. Und auf der anderen Seite war es ihr enorm wichtig, dem Mann gegenüber liebenswert zu sein. Hauptsache, man stresst ihn nicht. Und man kocht ihm noch das Süppchen. Das war sehr widersprüchlich, das als Kind zu erleben. Das war sicher verwirrend für mich als Mädchen. (mit gespielt zitternder Unterlippe:) Daran arbeite ich heute noch.

Welche Lehren haben Sie daraus gezogen? Kinder haben ja nur zwei Möglichkeiten: Sie übernehmen das Verhalten oder sie tun das Gegenteil.

Ich habe wohl eher das Gegenteil gemacht.

Sie ermuntern junge Mädchen, sich äußeren Erwartungen nicht zu beugen, sondern so zu sein, wie sie sind. In den USA gibt es einen kleinen Boom von weiblichen Role Models, die nicht den gängigen Schönheitsnormen entsprechen: die Komikerin Amy Schumer, Lena Dunham in der Serie “Girls“ ...

Ja, meine geliebte Lena Dunham! Was die uns da zumutet! Wie die in diesem hässlichen Badeanzug mit diesem nicht optimierten Körper durch die Szene tanzt. Und wir denken: Ach du liebe Güte – aber es ist so befreiend! Weil sie einfach schonungslos und wahrhaftig ist. So ist es halt. Das wäre toll, wenn wir eine deutsche Serie hätten wie “Girls“.

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Jennifer Lawrence sagt, wenn ihr einer mit Diät käme, würde sie sagen: “Fuck you!“ Wie kann man solches Selbstbewusstsein fördern?

Ich glaube sehr stark an die Macht von Vorbildern. Deshalb habe ich gerade mit meiner Stiftung und der Universität Rostock eine Studie angestoßen zur Vielfalt der Frauenbilder im Fernsehen. Ich glaube, dass Sichtbarkeit enorm wichtig ist. Damit Frauen feststellen: Ja, das geht, ich kann pummelig sein, und es ist völlig okay. Es geht nicht darum, dass wir nur noch starke und großartige Frauenfiguren zu sehen bekommen, es geht um die Vielfältigkeit der Bilder.

Was würden Sie denn einer jungen Schauspielerin raten, die heute Ihren Beruf antritt?

Sich nicht kleinkriegen und einschüchtern zu lassen. Und wirklich zu prüfen: Ist das meine große Leidenschaft? Was ich oft bei jungen Kolleginnen erlebe, die mit 18, 20 oder 22 Jahren viel Erfolg haben: Aufmerksamkeit ist eine trügerische Droge. Man wird sehr schnell ziemlich süchtig danach und verwechselt sich mit dieser Figur, die andere in einem sehen. Aufmerksamkeit ist ein Rausch, den wir Schauspieler noch mal verstärkt lieben. Gesehen werden wollen – das ist ja ein urmenschlicher Trieb. Schon Kinder sagen ja dauernd: “Guck mal Mama, guck mal, guck mal …!“ Mein Glück war, dass ich schon Mutter von zwei Kindern und Ärztin war, als sich die ersten größeren Erfolge in der Schauspielerei einstellten.

Man muss sich also gut kennen, um sich verstellen zu können?

Ja – und es schadet nicht, in seinem Leben etwas Erdendes zu haben. Und diese flüchtige Zuneigungswelt nicht für bare Münze zu halten.

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Was hat Sie denn damals am Arztberuf gereizt? Und warum haben Sie das aufgegeben?

Ich war auf jeden Fall gerne Ärztin. Ich hab’s dann zugunsten dessen aufgegeben, was mir mehr Spaß gemacht hat: das Schauspielen. Ich habe für mich begriffen, dass hier die größere Herausforderung liegt. Wenn mich etwas auszeichnet, dann ist es die Tatsache, dass ich dahin gehe, wo es wehtut.

Es ist jetzt zehn Jahre her, dass Sie die Lena Gräfin von Mahlenberg in der “Flucht“ spielten, eine Rolle, die Ihnen unglaubliche Sympathien eingebracht hat. Was bedeutete der ARD-Zweiteiler damals für Ihre Karriere?

Das war eine tolle Erfahrung, dass man Menschen mit einem Film derart berühren kann. Dass dieses Medium so viel auslösen kann. Ich kriege bis heute bei der x-ten Wiederholung der “Flucht“ immer wieder Briefe, in denen dann zum Beispiel steht, dass die Großmutter durch den Film zum ersten Mal über diese Zeit gesprochen hätte. Oder dass man den Onkel überhaupt nur auf diese Weise darauf ansprechen konnte. Diese Wirkung des Mediums war für mich damals neu – ein tolles Gefühl.

Im Sommer haben Sie am Theater am Kurfürstendamm in Berlin in Noah Haidles Stück “Alles muss glänzen“ Ihre erste Theaterhauptrolle gespielt, eine die Realität verdrängende Hausfrau. Was hat Sie gelockt?

Die Grenzerfahrung. Ich wollte meinen Sicherheitsbereich verlassen, etwas suchen, etwas ausprobieren und mich fragen: Wuppe ich das? Ich könnte ja auch einfach das nächste Fernsehspiel machen oder mehr “Tatorte“ drehen. Da wären die sicher heilfroh. Aber Grenzen ausloten hält lebendig.

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Haben Sie als Münchnerin in all den “Tatort“-Jahren eigentlich ein Verhältnis zu Niedersachsen entwickelt?

Durchaus. Ich habe mich schon mehrmals bei dem Gefühl ertappt, ein bisschen nach Hause zu kommen. Das ist Charlottes Heimat. Mit all den Schönheiten dieser Landschaft. Und das sorgt bei mir für eine gewisse Vertrautheit.

Von Imre Grimm

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