Von Zärtlichkeit und Endlichkeit

Bob Dylan live nach der Corona-Pause: So war sein Deutschland-Konzert in Magdeburg

Bei einem Programmpunkt der Langen Nacht der Kirchen sind Lieder und Texte von Bob Dylan zu hören.

Ungefähr so sah Bob Dylan auch in Magdeburg aus. Fotografieren lässt er sich nur selten – auch am Montag nicht.

Geduldig sind die Leute in Magdeburg nicht gerade. Sie versuchen, den Meister und seine Mannen auf die Bühne zu klatschen. Schließlich ist es schon zehn Minuten her, dass der dritte Gong alle Konzertbesucher auf die Plätze gerufen hat. „Dylan!!!“, dröhnt einer vom Hotdogstand auf der Galerie der dezent charmanten Getec-Arena. Und dann erlischt das Saallicht tatsächlich und die Musik beginnt. Ganz ohne die übliche dramatische Ankündigung Bob Dylans als ewiger „artist“ des Plattenlabels Columbia Records. Es geht sofort in medias res.

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Anfangs ist Dylans Stimme noch verschwunden, die Band ruckelt sich erst ein

Erst mal ist das noch ein bisschen ruckelig und zaghaft. Die Band, so scheint‘s, muss sich erst noch sammeln, ihren Flow finden. Der Sänger, mit dem Literaturnobelpreis gekürter unbestritten „größter Songwriter der Pophistorie“, macht sich anfangs klein, versteckt sich geradezu hinter seinem Piano. Er malt in Worten, malt das Bild eines Mannes, der am sandigen Ufer eines Flusses den Mond und die Wellen betrachtet, die Drehung der Erde spürt und den Streitigkeiten der Welt ausgewichen ist. Das Lied „Watching the River Flow“, 51 Jahre alt, erscheint als Lagebericht des 81-jährigen Dylan.

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Noch sind die Zeilen recht farblos erbracht, die Stimme steht noch nicht erhaben über dem Sound seiner fünf „men in black“. Aber schon im Verlauf des zweiten Stücks, des traurigen „Most Likely You Go Your Way And I‘ll Go Mine“ ändert sich das. So manches ist anders als früher bei Dylan-Auftritten.

Früher war jeder Dylan-Gig einzigartig – songweise großartig oder daneben

Früher, als Dylan noch auf seiner „never-ending tour“ war, die dann doch wegen der Pandemie endete, glich keine Konzert-Setlist der anderen. Jeder Dylan-Gig war einzigartig, voller Zuneigung des Künstlers zur Musik, voller Abneigung gegen die Ikone, zu der er in den Sechzigerjahren erhoben worden war, als er gegen Krieg und andere Unbilden angesungen hatte, woraufhin sich eine ganze Generation von ihm Antworten auf alle Probleme erhofft hatte. Früher grub Dylan Abend für Abend in seiner Songschatztruhe nach Klassikern und Raritäten, verfremdete sie melodisch, sodass sie oft nur noch an ihrem Text zu erkennen waren, wenn man die Lyrik denn durch Dylans Nuschelton und Klageklang erkennen konnte.

Man fühlte sich als Publikum ein in solche Abende, konnte am Ende aber selten behaupten, ein durchweg großartiges Konzert erlebt zu haben, sondern urteilte songweise: „Was für eine überwältigende Version von ‚Visions of Johanna‘ das doch wohl war!“ „Wie verheult der ‚Tambourine Man‘ daherkam!“ Der Sänger blieb dabei sphinxhaft verschränkt. Oft genug gab‘s nicht mal einen Gruß ans Volk. Auch an Kollegen nicht. Als sein Support Mark Knopfler vor elf Jahren in Hannover bei seiner Band für eine Handvoll Songs einstieg, kam und ging er ohne jegliches Willkommen oder Danke aus Dylans Mund.

Neun der 17 Songs stammen vom Album „Rough and Rowdy Ways“

Heute, auf der „Rough and Rowdy Ways World Wide“-Tour, die vorigen November in Milwaukee begann, hat Dylan das Album „Rough and Rowdy Ways“ im Gepäck, ein von der Kritik gefeiertes Spätwerk, das es in sich hat, in dem er die krisenhafte Gegenwart thematisiert, sich – wenn der „Black Rider“ einherreitet – mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt und in „I‘ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ (in dem die traute Melodie von Jacques Offenbachs Barcarole „Belle nuit, o nuit d‘amour“ kreiselt) seiner Liebe zum Musikmachen und zu seinen Fans Ausdruck verleiht. Dreimal bedankt er sich in den 95 Minuten für den Applaus. Ein Rekord?

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Neun der 17 Stücke stammen von „Rough and Rowdy Ways“. Gespielt werden sie in annähernd gleicher Reihenfolge. Folgte Dylan in der Interpretation früher spontanen, nicht immer geküssten Eingebungen, baut der strukturierte Dylan von heute seine Lieder theatralisch aus, zwischen klar verständlichem Gesang und Talking Blues wechselnd. Die Songs werden so zu aufregenden Dramoletten – über die Vielheit des Selbst in „I Contain Multitudes“ oder die Missverständlichkeit des im Ego gespiegelten anderen in „My Own Version of You“. Stolz ist Dylan auf sein Album. Man hört nicht nur zu. Man lauscht dem Erzähler.

Und die Band um Gitarrist Doug Lancio und Multiinstrumentalist Donnie Herron schafft dazu ohrfeine Gespinste des Americana, weidet in den Auen von Blues und Country und schwingt sich hin und wieder auf zu einem köstlichen Rockabilly gedrosselten Tempos. Da ist wieder das Bild vom Mond der Liebe, der „wie ein Löffel schimmert“. Die Liebste soll kommen, nur keine Angst haben und die Flasche mit rüberbringen, denn „I‘ll be your baby tonight ...“.

Die Sache mit dem Handyverbot wirkt schrullig

Dass Dylan so gut wie nie abgelichtet werden will, ist das Leid der Pressefotografen seit gefühlt Jahrzehnten, weshalb sich in Zeitungen zu Konzertberichten meist ein Irgendwannfoto des älteren Dylan mit 1. Hut und 2. Gitarre (1. der Hut liegt den ganzen Abend über ungetragen auf dem Keyboard, 2. die Gitarre rührt Dylan in Magdeburg nicht an) gesellt. Diesmal allerdings dürfen auch die Fans nicht fotografieren. Wer sein Handy nicht im Auto gelassen hat, muss es von Aufsichtspersonal in einer kleinen Tasche verschließen lassen. Eine Aktion, die umso schrulliger wirkt, als Dylan auf der von unten erleuchteten Bühne von keinem einzigen Spot angestrahlt wird und schon gar nicht mit den Großkonzert-üblichen Riesenscreens aufwartet. So wären gar keine tauglichen Aufnahmen möglich gewesen. Eitelkeit? Oder naht etwa eine Live-DVD?

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Mit „Every Grain of Sand“ schließt der Abend. Dylan singt von der Einsamkeit, vom „zerbrochenen Spiegel der Unschuld“ und davon, dass alles, selbst ein noch so winziges Körnchen Sand, Gewicht und Bedeutung hat. „Ich hänge in der Schwebe eines perfekten Plans“, kräht der Rabe Bob und erntet für einen annähernd perfekten Abend tosenden Applaus. Möge diese schöne Schwebe noch lange währen.

Weitere Deutschland-Konzerte von Bob Dylans „Rough and Rowdy Way World Wide“-Tour: am 5., 6. und 7. Oktober in der Berliner Verti Music Hall, am 9. Oktober in der Krefelder Yayla-Arena

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