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Alben der Woche

Sondre Lerches „Avatars of Love“: das neue Popalbum des Jahres?

Nicht die Nachtigall, sondern viel besser: Der norwegische Sänger, Gitarrist und Songwriter Sondre Lerche, dessen aktuelles Doppelalbum „Avatars Of Love“ allen Freunden des „sophisticated Pop“ ans Schwelgerherz gelegt sein soll.

Ostern ist das Fest von Friede, Freude, Eiersuchen, und doch ist in diesem Jahr nur von der Osteroffensive die Rede. Geplant wird von dem solipsistischen Moskauer Diktator, den Osten der Ukraine zu erobern, zu zerschießen, unbewohnbar zu machen, seine Kinder, Mütter, Väter zu töten und damit den Namen Russlands auf Generationen zu entehren. Die schöne Sprache Tolstois und Dostojewskis, die direkte Sprache von Popmusikern wie Boris Grebenschtschikow, früher Sänger der Band Aquarium, und die romantische Zweitsprache der Berlinerin Nicole Faux Naiv, die auf ihrem neuen Album zwei zarte Songs auf Russisch singt, wird derweil missbraucht, um dem eigenen Volk über die staatlichen Medien Lügen über die Welt nahezubringen. Grebenschtschikow hatte den staatlichen Nachrichtenmachern Russlands schon 2014, kurz nach der Besetzung der Krim, ein Lied geschrieben. Er besang sie als die „Ветшерни Мудосвон“, die „Wortwichser am Abend“ – mit seiner herrlich rauen Rabenstimme.

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Ein Blick auf die neuen Alben der Woche.

Sondre Lerche – der Norweger liefert ein Meisterwerk

Was für ein Singvogel ist dagegen Sondre Lerche! Das Album der Woche, des Monats, des bisherigen und am Ende vielleicht sogar des gesamten Jahres im Fach „Songwriter“ heißt „Avatars of Love“, kommt von dem Norweger und Wahlamerikaner, und es ist schon das neunte Studiowerk dieses (falls noch nicht geschehen) unbedingt kennenzulernenden Musikers mit der lull und lall machenden sanften Stimme (was für ein köstliches Falsett!).

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Bei „Dead of the Night“ werden alle Leute mit einem Sinn für unaufgeregt aparten Pop mit Jazznote umgarnt. Wer einst bei Al Stewarts „Year of the Cat“ schnurrte, der tut‘s erst recht bei diesem zehnminütigen Lied über das wechselwarme, völlig unverständliche Universum der Liebe, in dem Lerche bittet, doch die Zeit anzuhalten mitten in der Nacht. Es geht um endende Zweisamkeiten, einen ratlosen Mond und Körperflüssigkeiten. Und noch um vieles mehr – in zehn Minuten kriegt man halt auch was unter.

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Avatare sind Götter, die irdisch werden, oder Stellvertreter von Menschen in virtuellen Sphären. In den traumhaften Liedern hier geht es um die Liebe in echt und die Liebe als gefühlte Gaukelei, es sind filmische Erzählungen mit filmischem Vokabular. In „Turns out I‘m Sentimental after All“ – Cole Porter lässt grüßen – empfindet sich der Protagonist als Charakter, der die „vierte Wand“ durchbricht. Das Liebespaar, das sich in „Cut“ im Park vereint, fühlt sich als Teil einer Szenerie, gefangen in Erwartungen, bis den brisenhaften Song (mit „Year of the Cat“-Rhythmusgitarre) das filmische Finis des Kamerakommandos „Cut! (Schnitt)“ durchbricht. „My Love Still Waits“ ist eine Bossa mit Paul-McCartney-Flair, „Guarantee That I‘d Be Loved“ klingt, als verdanke es seine Existenz einem intensiven Hören von Simon & Garfunkels Album „Bookends“, und „Now She Sleeps Beside Me“ ist ein Zwillingsschwesterchen von Leonard Cohens „Suzanne“.

Höhepunkt ist der Titelsong mit seinem brazilfunkig flirrendem Rhythmus und seiner hypnotischen Hookline, in dem die Musik der Liebe aufgezählt wird – von Duke Ellington über Peggy Lee bis Taylor Swift. Stilistisch eine Hommage an Antonio Carlos Jobim und Prefab Sprout zugleich, ausklingend mit einem betörenden Saxofonsolo. Lerches Inspiration derzeit, so sagt er, liege vor allem in Ambient und urbanem Japan-Pop – dem geschuldet ist „Summer in Reverse“, ein triphoppiges Teamwork mit dem charismatischen japanischen Frauenquartett Chai. Nach den 90 Minuten ist man glücklich und auch ein wenig groggy. Dieses Album ist eine „Bridge over troubled Water“ in unseren bewegten Zeiten.

Sondre Lerche – „Avatars of Love“ (Sondre Lerche LLC)

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Father John Misty wandelt in vielerlei Popschuhen

Und gleich noch ein traumhaftes Album hinterher. Joshua Michael Tillmann alias Father John Misty fügt auf seinem neuen Werk „Chloe And the Next 20th Century“ dem „Great American Songbook“ ein paar eigene Juwelen hinzu. Da klingt manches nach Fred-Astaire-Filmmusicals, da wechseln sich Swing, Walzer, Bossa und Country ab.

Der Meister wandelt in vielerlei Popschuhen – namentlich denen von Cole Porter, Randy Newman, Stan Getz und Antonio Carlos Jobim (nicht nur da hat er was mit Sondre Lerche gemeinsam), und in „Goodbye Mr. Blue“ klingen John Denver, Harry Nilsson und Neil Diamond gleichermaßen als Vorbilder durch. Der Mann, der von 2008 bis 2012 Schlagzeuger der Fleet Foxes war, ist ein wahres Trüffelschwein der Melodie und eine Opulenzbestie in Sachen Arrangement. Obendrein ist er ein Melancholiker mit Augenzwinkern – „es ist die Nachtigall und nicht die Lerche“ hätte Shakespeare gesagt: „Kiss Me (I Loved You)“, „Olvidado“, „We Could Be Strangers“ – alles potenzielle Lieblingssongs.

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Dabei erzählt Letzterer vom Tod eines Paars bei einem Unfall, hat der Titelsong (und Opener) „Chloe“ mit seiner näselnden Jazztrompete eine ziemlich desolate Protagonistin, ist auch die Geschichte vom „Funny Girl“ (kennt noch wer den tragisch-schönen gleichnamigen Film mit Barbra Streisand?) keineswegs amüsant. Und in „Goodbye Mr. Blue“ wird eine kaputte Liebe wieder heil über den Tod eines Haustieres. Königsstück hier ist „The Next 20th Century“, ein zartfühlender, perkussiver Song über endlose Unterdrückung der Geschlechter, der Rassen, der Völker, in den passend die erste quietschende Rockgitarre des Albums hineingrätscht. Das 20. Jahrhundert wiederholt sich ja gerade auf unheimliche Weise tatsächlich, ein Diktator führt Krieg. Wenn Father John Misty singt „Keiner von uns hier wird je das gelobte Land sehen“, wird einem doch ganz mulmig zumute.

Father John Misty – „Chloe And The Next 20th Century“ (Bella Union)

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„El Mirador“ oder Auf Calexico ist immer Verlass

Ein guter Freund hats am vorvorigen Sonntag bei einem Stück Apfelkuchen mit Vanilleeis auf den Punkt gebracht – auf Calexico aus Arizona ist Verlass wie auf die Berliner Element of Crime. Alle paar Jahre erscheint ein gewohnt gutes Album vom Immerselben. Was beide Bands eint, ist die Neigung, ihre Musik mit anrührenden Trompetenklängen zu veredeln – der Americana-Klang der einstigen Howe-Gelb-Mitstreiter Joey Burns und John Convertino vereint dabei das Beste von beiden Seiten der musikalischen Grenzen – Wüstenrock und Mex.

Schon der das zehnte Studioalbum „El Mirador“ eröffnende Titelsong hat alles, was das Herz eines Calexicomaniacs hoch schlagen lässt – Bläserbrise, ein Gitarrensolo von Allessandro Stefana und englisch-spanischer Zwiegesang von Burns mit der Guatemaltekin Gaby Moreno. Calexico laden sich gern Gäste ein, sind notorische Gemeinschaftsgeisterzeuger, Weltenverbandeler. Und machen gern auch Party, wie auf dem hinreißenden „El Burro Song“ zu hören ist. Hocherfreute Trompeten und quietschfidele Fiedeln. „Hossa! Hossa!“ würde Rex Gildo – Gott hab‘ ihn selig – dazu sagen.

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Sie können freilich auch anders: „Then You Might See“ klingt wie ein Bond-Song, wäre der Britagent nun ein Westernheld geworden. Und „El Paso“ ist nicht etwa eine Coverversion der alten Marty-Robbins-Moritat, sondern ein geflüsterter Hinweis darauf, dass es zuletzt eher schlecht stand um das Verhältnis der durch den Rio Grande getrennten Nachbarn: „Man kämpft für eine Grenze / die schwer zu verstehen ist / und schwerer auszumachen / als die Wahrheit in diesem Land“.

Calexico – „El Mirador“ (City Slang)

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Jerry Leger und das Leben und Lieben in den Zeiten von Corona

Der große, hierzulande immer noch als Geheimtipp gehandelte Jerry Leger ist emsig, anders kann man es gar nicht sagen. Seit 2005 hat der heute 36-jährige kanadische Songwriter 13 Alben (solo und in diversen Formationen) auf den Markt gebracht, die neueste hat er wieder unter den Fittichen von Cowboy-Junkies-Gitarrist Michael Timmins produziert.

Mit ihrem Cover erinnert „Nothing Pressing“ an den frühen Leonard Cohen, mit ihrem Klangbild wohl am deutlichsten an die Jayhawks, als Mark Olson und Gary Louris ein letztes Mal gemeinsame Sache machten und sich 1995 mit „Tomorrow The Green Grass“ dem Folk(rock) zuwandten. Man höre nur mal „Wait a Little Longer“ oder „Have You Ever Been Happy?“. Duftiger und melodiesüffiger geht es kaum. Und mit „Underground Blues“ pflegt Leger eine Art akustischen Rockabilly – aufgenommen zu Hause auf einem Vier-Spur-Rekorder.

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Es geht in Legers neuen Liedern um das Leben und die Liebe in den Zeiten von Corona. Auch wenn das Virus nicht explizit genannt wird, zieht sich ein Gefühl von Isolation und Angst durch das Album, ist Legers Stimme schmerzerfüllt, ist eine Traurigkeit in den Zeilen, wenn auf den Verlust der Arbeitsmöglichkeiten, der Verlust des Verstandes droht in den schier endlosen Tagen ohne live. Zu hören ist das auch im walzernden, dylanesken „A Page You‘ve Turned“ (Kenny Rogers‘ „Lucille“ grüßt aus dem Winter von 1977 herüber): „Schlimmes Jahr, habe nicht gearbeitet / übers Stehlen nachgedacht / habe alles verkauft, was ich hatte / aus unserem zerbrochenen Zuhause.“ Was die Pandemie der Kultur und ihren Trägern angetan hat, antut und spätestens im Herbst wieder antun wird – an diesen Songs lässt es sich ermessen.

Jerry Leger – „Nothing Pressing“ (Latent Recordings)

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Pup und das Liebesleid einer geschassten Gitarre

Wie Jerry Leger kommen auch Pup aus Toronto. Das neue Album der Band legt gleich einmal mit einer Ohrfeige gegen all die alten Kumpels los, die sich aus Angst, Beschränktheit, Sicherheitsgründen oder sonstigen Gründen seit ihrer Collegezeit nicht mehr an neue Musik gewagt haben, sondern seither und bis zur Bahre ihre eigene Jugend abspielen. „Ich habe sie nie gemocht, sie können sich alle verpissen. Fuck!“

Zum Einstieg ein Rausschmiss von Sänger Stefan Babcock und seinen drei Gefährten. Die auf „The Unraveling of Pup The Band“ als Mittdreißiger immer noch ein authentisches Punkgewitter aus den Lautsprechern zaubern, aber zugleich nie zuvor so viel Lust auf Melodie, Verspieltheiten und eine gute Produktion hören ließen – man lausche mal dem mächtigen „Totally Fine“, dem hymnischen „Habits“ oder der Ballade „Cutting off the Corners“.

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Es geht in den Liedern dieses (Konzept-)Albums darum, wie schwer es doch ist, in einer Punkband wie Pup zu sein, wobei man zwischen den Zeilen allzeit ein Augenzwinkern zu hören glaubt. Da geht es um Selbstzweifel in „Totally Fine“, um Lampenfieber in „Relentless“, und „Matilda“ handelt tatsächlich vom Liebesleid einer geschassten Gitarre, die in der Ecke eines anderen Zimmers im Gitarrenkoffer steht, von dort hören muss, wie ihr geliebter Musiker eine andere spielt, und die dabei an Beatle George denkt, der mit seiner Gitarre „gently weeps“. Der letzte Song „Pup The Band Inc. Is Filing for Bankruptcy“ handelt von Kommerzialisierung und Ausverkauf. „Danke, dass wir da sein durften. / Es ist uns eine Ehre. / Ich möchte gern noch unseren Sponsoren danken“, heißt Babcocks letzte Zeile. Aber nach aller Malaise glaubt man ihm doch lieber andere Zeilen. Zum Beispiel die von der Freude, in einer Band zu sein: „Es gibt keinen Platz, an dem ich lieber wäre.“

Pup – „The Unraveling of Pup The Band“ (Rise Records)

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Gggolddd – Die Geschichte einer Vergewaltigung

Viktimisierung heißt, dass nach geschehener und erlittener Gewalt die Schuld dem Opfer zugewiesen wird. Die Geschichte, die auf „This Shame Should Not Be Mine“, dem fünften Album der Dunkelrocktruppe Gggolddd (früher Gold) aus den Niederlanden erzählt wird, könnte dabei persönlicher nicht sein. Die charismatische Sängerin Milena Eva berichtet, wie sie im Alter von 19 Jahren von ihrem Freund vergewaltigt wurde, wie selbst Freundinnen sich von ihr abwandten, wie sie schwieg, wie sie schließlich doch redete, wie Talkshow-Hosts vor allem ein Interesse an den Details der Tat hatten, wie schwer Vertrauen fiel nach einer derartigen Erfahrung.

Ein herzzerreißend aufrichtiges, in Kapitel aufgeteiltes Album der vielen Martyrien, die ein solches Körperverbrechen im Opfer auslöst. Sätze wie „Ich habe es nicht kommen sehen“ und „Ich will, dass der Geruch weggeht“ und „Ich will eine Dusche, bis sich meine Haut abschält“ zu bohrenden Bassklängen brennen sich dem Hörer und der Hörerin ein. Und außerhalb des verletzten Körpers, außerhalb der erschütterten Seele geht das Leben einfach so weiter, und „die Blumen behaupten, es sei Frühling“ – so singt‘s die Frau, die auf dem Cover eine Ritterrüstung trägt, in „Spring“.

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Während des Corona-Stillstands brach das 15 Jahre lang Verdrängte aus Milena Eva heraus und fand einfache, eindringliche Worte und dazu einen kongenialen Klang: Elysische, zuweilen mittelalterlich anmutende Melodien, eine kühle engelhaft hohe Stimme, dazu geräuschartige, hypnotische, elektronische Sounds („I Won‘t Let You Down“) und Alarmsirenen („Invisible“). Dem Hörer und der Hörerin wird es möglich, die geschehene körperliche Gewalt und die ihr folgenden Gefühlsstürme nachzufühlen. Dass man – wie in „Notes on How to Trust“ – auch mal dazu tanzen kann, war Milena Eva wichtig.

Gggolddd – „This Shame Should Not Be Mine“ (Artofact)

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Jack White experimentiert noch, rockt aber auch wieder

Das Publikum soll ihn zurücknehmen, den alten Indiebluesmann Jack White, der vier Jahre zuvor seine Fans mit dem sehr experimentellen „Boarding House Reach“ doch stark verunsichert hatte. „Taking Me Back“ heißt jedenfalls der Opener des Nachfolgewerks, in dem die einstige Hälfte der White Stripes darauf wettet, dass man ihn schon wieder in den Arm nehmen werde, dass man nicht nur die Fuzzgitarre, sondern auch die Synthesizer im Song goutieren wird. Stimmt auch, und die folgende Rockpeitsche des Titelsongs mit ihrer Gespenstergitarre findet ebenfalls Gefallen. Fast scheint es, als sei mit „Fear of the Dawn“ wieder alles beim Alten. Rocker wie „That Was Then, This Is Now“ und „Morning, Noon And Night“ untermauern das.

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Dann kommt die Industrialnummer „The White Raven“ mit ihren Black-&-Dekker-Sounds und spätestens als in „Hi-De-Ho“ Cab Calloways berühmter Scat aus „Minnie The Moocher“ aus einer Endzeitrockklangtapete hervorbricht und Rapper Q-Tip von A Tribe Called Quest Popstarnamen aufreiht – von Chuck Berry bis Mariah Carey – ist man wieder im Was-soll-das-bloß?-Modus. Fehlt nur noch eine spanische Gitarre?

Die liefert Jack White prompt, plus eine Art elektronisches Cembalo. Nicht, dass das per se zu verübeln wäre – aber wo ist der Song in alldem? „Into The Twilight“ – Prince goes Geisterstunde. „Eosophobia“ (das ist die titelgebende „Angst vor Tageslicht“) – Dubfunkjazz. Und so weiter. Die Garage trifft das Musiklabor. „Ich bin nicht so schlimm wie ich war / aber ich bin auch nicht so gut wie ich sein kann“, gesteht White im abschließenden Funkrock von „Shedding My Velvet“. Vielleicht ist er‘s ja auf seinem nächsten Album „Entering Heaven Alive“, das schon im Juli nachfolgen soll.

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Jack White – „Fear of The Dawn“ (Third Man)

Nicole Faux Naiv und das goldene Schiff der Zukunft

„Die Zukunft war ein Sommertag im Jahr 2001″ singt Nicole Faux Naiv mit zarter, zerbrechlicher Stimme auf ihrem Album „Moon Rally“. Und so fühlt sich dieser Song mit seinen schattigen Twangs und seinen dunkel funkelnden Keyboards auch an – leicht unwirklich, leicht unheimlich und unheimlich traurig. Wenn die Berliner Sängerin mit den russischen Wurzeln verkündet, dass Anfänge oft hübscher seien als die Enden, ist das zwar binsenweise, wird von der Hörerschaft aber auch allseits wissend benickt.

Das Debütalbum „Moon Rally“ ist ein Feld der Träume, das bestellt wurde in den Zeiten der Isolation, in denen die Grenzen zwischen Realität und Phantasie sowieso leichter verwischten als sonst. Was in Liedern wie „Imaginary Boy“ und „Sunday‘s Child“ zum Tragen kommt – feenhaft gesungen, kühl instrumentiert. Zu hören sind als Quellen neonleuchtender New Wave (im Titelsong) oder federleichter chansonesker französischer Synthpop („In The Stairwell“).

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Entstanden in Nicole Faux Naivs Berliner Heim öffnet sich die Sängerin auf diesem Einsamkeitsalbum in Moll unter den Fittichen des Berliner Produzenten Robbie Moore (Florence + The Machine) auch ihren russischen Wurzeln. Sie singt „Тёплое Море“ (Warme See), einen Seufzer über einen geplanten Ausflug ans Meer und über die Hoffnung auf das Licht, das überall und immer durchdringt. Und im ätherischen „Вчерашний день“ (Gestern) geht es darum, nicht das „goldene Schiff“ der Zukunft zu verpassen. Wie eine Brise umarmt einen dieser wehmütige Song zum Abschluss und macht deutlich, wie schön und sehnsüchtig die russische Sprache doch zu klingen vermag.

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Nicole Faux Naiv – „Moon Rally“ (PIAS/Rough Trade)

Placebo lassen das Herz des Britpop schlagen

Noch ein Nachtrag: Das Herz des Britpop schlägt noch. In den Neunzigerjahren ehrten zahllose Bands von den Doverklippen bis zur Nordspitze Albas den Sounds, die in den Sechzigerjahren Rock‘n‘Roll 2.0 waren, die erst die Insel, dann die ganze Popwelt aus den Angeln hoben. Britpop berief sich auf dieses Erbe, erneuerte und erweiterte es, seine Bands machten das Vereinigte Königreich erneut zum Angelpunkt der Populärmusik.

Eine der besten waren die Londoner Placebo – obwohl sie sich offiziell als punkpoppiges „Gegengift“ zum Genre ausriefen und sich mehr an Bowie als an den Beatles orientierten. Neun Jahre nach „Loud Like Love“ liegt (schon seit einigen Wochen und mit einem Jahr Verspätung auf den Markt gebracht) ihr achtes Album „Never Let Me Go“ vor – dynamisch, druckvoll, glamourös. Die beiden Bandgründer Brian Molko, der Sänger mit der blasiert näselnden Stimme und der schwedischstämmige Gitarrist und Tastenmann Stefan Olsdal, haben es mithilfe von Studiomusikern eingespielt.

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Das fertige Album klingt freilich nach einer bestens verschworenen Band, die verspielt, vielseitig, keyboardreich und lustvoll musiziert – von dem Grunge-meets-Synthkuhglockenbeginn des Openers „Forever Chemicals“ an bis zum balladesken Pluckerschubidu von „Fix Yourself“. Mächtige Hymnen wie „Beautiful James“ werden gereicht, dazu das elektrorock‘n‘rollende „Hugz“, der barmende, wiewohl treibende Trauersong „Happy Birthday in The Sky“ und das mit hüpfenden Streichern garnierte „The Prodigal“.

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Und auch wenn einen das Gitarrenstakkato von „Twin Demons“ an „Sex on Fire“ von den Kings of Leon erinnert, kann man sich nur in diesen Song werfen und abtanzen. Gesungen wird von desolatem Fühlen in einer desolaten Welt. Aber auch wenn es um das Ende der Letzteren geht, wie in „Try Better Next Time“, machen Placebo daraus ein bezwingendes Stück Mitsingpop mit einer Dosis Sarkasmus, die auch Kinks-Chef Ray Davies gefallen hätte (by the way, wo bleibt das vor zwei Jahren angekündigte Kinks-Werk, Ray?). Man stellt sich ein rappelvolles Stadion vor, das inbrünstig: „Wake Up! Wake Up!“ singt. Und vielleicht erwacht man dann ja tatsächlich in einer Welt, die doch nicht aus den Fugen geriet – wo Frieden herrscht.

Placebo – „Never Let Me Down“ (So Recordings)

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