Wann lassen Sie die Welt wirklich untergehen, Roland Emmerich?

Unser Mann in Hollywood: Roland Emmerich ist mit Filmen wie „Independence Day“ berühmt geworden.

Unser Mann in Hollywood: Roland Emmerich ist mit Filmen wie „Independence Day“ berühmt geworden.

Als das „Spielbergle von Sindelfingen“ wurde der Schwabe Roland Emmerich tituliert, als er noch in Deutschland Filme drehte. 1990 wechselte Emmerich nach Los Angeles. Fortan entwickelte er sich zum Spezialisten für effektvolle Katastrophen: In „Independence Day“ (1996) wollen Außerirdische die Erde ausplündern, in „Godzilla“ (1998) trampelt eine Riesenechse New York platt, in „The Day After Tomorrow“ (2004) verwandelt sich Amerika in einen Eiszapfen, in „2012″ (2009) verwüsten Erdbeben und Tsunamis den Planeten. Zwischendurch überraschte Emmerich: In „Anonymus“ (2011) spekulierte er über die Identität Shakespeares. In „Stonewall“ (2015) arbeitete er die Initialzündung der US-Schwulenbewegung in New York auf. Und nun zeigt sich der 66-Jährige wieder als „Master of Disaster“: In „Moonfall“ (Kinostart: 10. Februar) gerät der Mond auf die schiefe Bahn.

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Herr Emmerich, wozu braucht es in Ihrem neuen Film einen auf die Erde zurasenden Mond, wenn die Menschen doch ohnehin dabei sind, ihren Planeten zu zerstören?

Ich bin nun mal fasziniert vom Mond. Er besitzt Eigenschaften, die sich bis heute nicht erklären lassen. Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch gelesen, das den Titel trug: „Who Built the Moon?“ Die beiden Autoren Christopher Knight and Alan Butler vertreten die These, dass der Mond von irgendjemandem konstruiert wurde. Eine super Story! Und wenn der Mond dann noch auf die Erde runterfällt, ist das noch spannender: Dagegen können die Menschen etwas tun. Das war die Ursprungsidee für „Moonfall“.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten genug vom Zerstören: Wieso sind Sie rückfällig geworden?

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So viel Zerstörung ist doch gar nicht zu sehen in dem Film. Die Story bewegt sich mit den drei Hauptdarstellern Halle Berry, Patrick Wilson und John Bradley-West ins Weltall. Was dort oben passiert, ist viel interessanter als das, was auf der Erde geschieht. Trotzdem muss man die Auswirkungen zeigen – auch die Tsunamis und Erdbeben.

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War „Moonfall“ mit Blick auf Corona Ihre komplizierteste Produktion?

Oh ja. Die ganze Zeit durfte ich meinen Schauspielern nicht näher kommen als sechs Fuß (knapp zwei Meter, d. Red.) Ich konnte sie auch nicht am Wochenende zum Essen einladen, was ich normalerweise tue. Und ich vermisse Reisen und Begegnungen, die endlich mal ohne Bildschirm ablaufen.

Fühlen Sie sich in der Pandemie manchmal wie in einem Emmerich-Film?

Wie in einem Slow-Moving-Emmerich-Film. Alles läuft ganz langsam ab.

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Zuletzt haben wir uns bei „Independence Day 2″ gesprochen. Da stand auf Ihrer Agenda ein dritter Teil dieser Geschichte über den Angriff von Aliens. Ist die Idee noch aktuell?

Tja, in der Zwischenzeit hat Disney das Studio Twentieth Century Fox gekauft. Jetzt sitzen ganz andere Leute dort. Ich hätte aber noch immer Lust auf eine Trilogie. 100 Millionen Dollar würden mir reichen.

Klingt nach einem Schnäppchen.

138 Millionen Dollar hatte ich für die Finanzierung von „Moonfall“ eingesammelt. Aber davon gingen mindestens 15 Millionen für alle möglichen Finanzierungskosten und Versicherungen weg, also hatte ich nur rund 120 Millionen zur Verfügung. Bei „Independence Day 3″ würde ich mit viel weniger visuellen Effekten auskommen. Bei „Moonfall“ waren es 1700 bis 1800, vermutlich würde ich weniger als 1000 Effekte benötigen. Das würde die Kosten deutlich reduzieren.

Oder spekulieren Sie erst mal auf einen weiteren „Moonfall“-Film?

Die Geschichte ist auf Fortsetzung angelegt. Aber das wird sich erst zeigen, wenn wir wissen, wie erfolgreich der Film ist.

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Wieso drehen Sie keine Fortsetzung vom Klimakatastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ von 2004? Dringlicheres ist doch kaum vorstellbar.

Ich arbeite tatsächlich an so einem Film. Er ist zum Teil in Afrika angesiedelt, spielt in 20 Jahren und hat Ärzte ohne Grenzen im Zentrum.

Wie ergeht es den Ärzten?

Ganz schlecht.

Aha.

Ich kann Ihnen ja nun nicht die ganze Handlung verraten. Na gut, Amerika hat sich von der Welt abgewandt. In Europa herrschen chaotische Zustände. 200 Millionen Menschen drängen nach Europa und suchen nach Nahrung.

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Sie halten dieses Szenario für wahrscheinlich?

Genauso wird es wegen des Klimawandels passieren. Menschenmassen werden auf der Erde unterwegs sein, ein Vielfaches der Flüchtlinge von heute. Und mit was beschäftigen sich derweil die Amerikaner? Trump behauptet immer noch, seine verlorene Wahl sei manipuliert worden. Wahrscheinlich werden die Republikaner die nächsten Wahlen gewinnen. Und dann sind wieder die Klimawandelleugner am Ruder.

Fragen Sie sich manchmal: Warum hat 2004 keiner auf meinen Klimafilm gehört?

Damals haben viele über den Film gelacht. Heute lacht keiner mehr. Bald nach „The Day After Tomorrow“ kam der Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore heraus. Es heißt, dass die beiden Filme zusammen es geschafft hätten, etwa ein Drittel der Menschheit für das Thema Klimaerwärmung zu sensibilisieren. Aber noch immer behaupten viele, dass die Erwärmung natürliche Ursachen hat.

Wie kann das sein bei all den Fakten, die uns zur Verfügung stehen?

Das lässt sich nur mit Verschwörungstheorien erklären: 30 Prozent aller Amerikaner haben irgendwie einen Bezug zu Qanon. Ein Drittel!

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Leben diese Menschen in einer anderen Welt?

Sie beziehen ihre Informationen nur aus dem Internet. Facebook und andere Seiten haben diese Menschen in ihre eigene Wirklichkeit hineingezogen. Sie nehmen keine normalen News mehr wahr, alles dreht sich um Verschwörungstheorien. Es gibt Leute bei Trump-Veranstaltungen, die glauben ernsthaft, dass sie John F. Kennedy vor sich haben. Der wäre jetzt 104 Jahre alt. Man möchte lachen und weinen zugleich.

Wenn Sie die Lage in Amerika so beschreiben, wundert eines: Wo nehmen Sie in „Moonfall“ den Optimismus her, dass ein paar aufrechte Amerikaner losziehen werden, um den Planeten zu retten, und bereit sind, sich im Zweifelsfall zu opfern?

Tatsächlich entwickle ich mich mehr und mehr zum Pessimisten. Aber ich bin ein klassischer Filmemacher: Ich kann den Zuschauern nicht den Mut nehmen. Menschen sind immer noch bereit zu lernen. Daran glaube ich ...

... aber?

Die politische Situation zieht mich immer mehr runter. Ich bin zutiefst betrübt, was gerade in der US-Politik passiert. Ich begreife manches nicht mehr, siehe Qanon oder Trump. Kalifornien ist immer noch liberal, auch New York. Aber das war es dann auch schon. Seltsame Dinge spielen sich vor meinen Augen in Amerika ab.

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Wieso bleiben Sie?

Ich überlege durchaus, nach London oder nach Montreal umzuziehen. Da habe ich ja Wohnungen. Das hier ist nur schwer zu ertragen. Mein Haus hier würde ich aber nicht aufgeben. Schauen Sie mal, warum nicht (Emmerich dreht seinen Laptop, sodass der in der Sonne blau glitzernde Pazifik in den Blick kommt, d. Red.). Und ich verfolge ja auch noch andere Projekte, etwa meine Serie „Those About to Die“ über Gladiatoren, Wagenrennen und Tierkämpfe im alten Rom.

In der Netflix-Satire „Don‘t Look Up“ sehen wir, wie eine US-Präsidentin die Warnungen vorm Weltuntergang abtut. Taugt das aktuelle Regierungspersonal überhaupt noch für Kata­strophenfilme?

In dem Netflix-Film rast ein Meteorit auf die Erde zu und wird in wenigen Monaten auf der Erde einschlagen. In Wirklichkeit haben wir eine andere Situation: Der Klimawandel läuft langsam ab, vermutlich gibt es jetzt schon kein Zurück mehr. Und egal, wie wahnhaft ein Präsident Trump drauf ist: Er würde sich schon um sich selbst kümmern und sich retten, wenn ein Meteorit droht.

Nehmen wir mal an, der Mond gerät auf die schiefe Bahn und im Rettungsteam treffen ein Biden-Demokrat und ein Trump-Hardliner aufeinander: Würden die sich überhaupt gemeinsam in ein Raumschiff setzen?

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Hmm. Nein.

Würden Sie heute noch wie in „Independence Day“ einen Präsidenten in ein Flugzeug setzen und heldenhaft gegen Außerirdische fliegen lassen?

Nein. Damals war ich gerade sechs, sieben Jahren in den USA, die Idee ist ganz ohne Arg entstanden. Clinton regierte im Weißen Haus. Heute würde ich so etwas nicht mehr tun.

Was müsste passieren, damit sich die USA auf ein gemeinsames Ziel einigen?

Es müsste ein Präsident kommen, hinter dem sich alle versammeln. Aber das war schon mit Obama seltsam: Er hat nur ein bleibendes Werk hinterlassen – Obamacare, die Gesundheitsreform, die so vielen den Zugang zu einer Krankenversicherung ermöglichte. Es müsste jemanden geben wie JFK, bei dem alle sagen: „That‘s our President.“ Aber das Land ist tief gespalten.

In Deutschland hat Präsident Biden nach einem Jahr im Amt zum Teil vernichtende Zwischenbilanzen erhalten: Setzen Sie noch auf ihn?

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Viele haben sich von Biden zu viel erhofft. Aber im Senat stehen nun mal 50 Senatoren von den Demokraten 50 Senatoren von den Republikanern gegenüber. Jeder Abweichler kann Projekte zum Kippen bringen. Ich glaube sogar, dass Biden einen guten Job macht. Er hat viel durchgebracht, es fehlen ihm noch die Wahlreform sowie das Sozial- und Klimapaket. Es bleiben ihm noch ein paar Monate bis zu den Zwischenwahlen.

Wird Trump noch mal antreten bei der nächsten Präsidentenwahl?

Ich hoffe sehr, dass er es nicht tut. Er ist ein Krimineller und ein Lügner. Ich verstehe nicht, wieso es Leute gibt, die das nicht sehen. Aber sie beziehen ihre Nachrichten nur von Fox und Breitbart und all diesen rechten Plattformen.

Wie haben Sie die Trump-Jahre bloß in den USA ausgehalten?

Ich war viel in Montreal. Ich liebe es dort. Es gibt tolle Restaurants. Demnächst werde ich erst mal nach Kanada fahren, dann nach London und dann auch nach Stuttgart, um meine Mutter zu besuchen. Sie ist 95, eine alte Lady. Es geht ihr gut, aber in dem Alter kann alles superschnell gehen.

Schaut Ihre Mutter Ihre Filme?

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Meinen vorigen Film „Midway – Für die Freiheit“ über die Seeschlacht im Zweiten Weltkrieg hat sie nicht gesehen. Ich habe ihr gesagt, dass sie ihren Enkel Felix bitten soll, ihr eine DVD zu besorgen und diese in den Player einzuschieben. Sie muss doch gar nicht ins Kino.

Würden Sie Ihre früheren Filme gern noch mal mit den digitalen Möglichkeiten von heute inszenieren?

Aber ja! Bei „Moon 44″ könnte das toll werden – das war mein letzter Film 1990, den ich noch in Deutschland gedreht habe. Aber heute finanziert ja keiner mehr große Science-Fiction-Filme. 20, 30 Millionen Dollar sind die Grenze. Darüber hinaus gibt es nur noch „Star Wars“ und Comicfilme.

Macht sich das Kino so selbst kaputt?

Absolut.

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Sind Big-Budget-Movies ein probates Mittel, um den Streamingdiensten Paroli zu bieten?

Immer mehr Leute haben Netflix. Die Streamingdienste können ihre eigenen Produktionen bewerben. Mein Kameramann Markus Förderer war gerade beim Netflix-Film „Red Notice“ dabei. Die haben 250 Millionen Dollar ausgegeben.

Werden Sie bei solchen Summen neidisch?

Nee, ich wüsste gar nicht, was ich mit dem Geld anfangen soll. Die arbeiten so langsam, das ist unglaublich. An „Red Notice“ wurde 135 Tage lang gedreht, glaube ich. Bei „Moonfall“ hatte ich 61 Tage.

Glauben Sie noch ans Kino?

Vielleicht wäre eine Frühpensionierung eine Option. Ich habe ja ein bisschen Kohle. Ich gehe auf mein Boot, genieße den Sommer.

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Machen Sie vorher noch einen letzten Film, in dem es mit unserer Erde wirklich zu Ende geht?

Das wäre was. Dann macht es Bumm, und alle Leute schauen verdutzt drein.

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