Auszeit im Arbeitsalltag

Schwedische Kaffeepause: Was die Deutschen von der Fika lernen können

Für eine richtige schwedische Kaffeepause sollte man sich mit etwas ganz anderem beschäftigen.

Für eine richtige schwedische Kaffeepause sollte man sich mit etwas ganz anderem beschäftigen.

Erst mal sechs Stunden durcharbeiten, dann eine halbe Stunde frei – so sieht es das deutsche Arbeitszeitgesetz vor. Kaffeepausen? Fehlanzeige. Und auch die Mittagspause nimmt nicht jeder wahr, wie vor einigen Jahren eine Umfrage der Onlinekantine Smunch zeigte. Jeder zehnte Befragte gab an, diese Zeit grundsätzlich zu überspringen. Fast jeder Zweite bekannte sich zum sogenannten „Desktop Dining“: Die Angestellten sitzen weiterhin am Schreibtisch, essen und arbeiten gleichzeitig – unbezahlt, da die Mittagspause nicht als Arbeitszeit gewertet wird.

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Fika: „Einen Kaffee trinken“

All das geschieht, um keine Zeit zu verlieren und möglichst produktiv zu sein. Das Paradoxe: Die Deutschen betreiben seit rund 100 Jahren Pausenforschung. Und diese beweist in verschiedenen Studien, dass es gerade kurze Auszeiten sind, die uns konzentrierter, effektiver und motivierter arbeiten lassen.

Die Schwedinnen und Schweden haben das schon lange erkannt. In dem skandinavischen Land gibt es deshalb nicht nur eine Mittagspause, sondern auch die Fika – eine fast schon heilige Tradition. Auf Deutsch heißt es so viel wie „einen Kaffee trinken“. Fika bedeutet aber mehr: die Arbeit für einen Moment lang Arbeit sein lassen, etwas Süßes essen, sich mit Kollegen und Kolleginnen über das Wochenende, Kinder und Hobbys austauschen, abschalten.

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Vertraglich geregelte Pausenzeiten

Diese Fika-Pausen sind Arbeitnehmenden vertraglich zugesichert, wie Richard Tellström der dpa sagte. Tellström lehrt als Dozent für Ethnologie an der Universität Stockholm. Darüber hinaus gilt er als einer der führenden Experten für schwedische Esskultur. Tellström zufolge haben schwedische Gewerkschaften diese bezahlte Arbeitspause erkämpft, die nun jedem Arbeitnehmer und jeder Arbeitnehmerin zusteht: „Sie erlaubt Leuten, je 20 Minuten Pause am Morgen und am Nachmittag zu machen.“ Ganz wichtig: Der Chef geht auch beim Pausieren mit gutem Vorbild voran. Wer der Fika fernbleibe, mache sich verdächtig, sagt Tellström, nach dem Motto: „Wieso willst du nicht mit uns Kaffee trinken? Magst du uns etwa nicht?“

In Deutschland sieht das anders aus: Zwar enthalten manche Arbeits- oder Tarifverträge sogenannte Kurzpausen von maximal 15 Minuten. Ansonsten ist es eher üblich, sich einen Kaffee zu machen und damit wieder an den Arbeitsplatz zu verschwinden. Allein wenige Minuten mit einer Kollegin oder einem Kollegen in der Küche zu stehen und sich zu unterhalten gilt genau genommen schon als Pause. Der Arbeitgeber kann daraufhin abmahnen. Insofern bietet das Homeoffice eine Chance: Hier können sich viele Menschen ihre Arbeitszeit frei einteilen – kleine Auszeiten inklusive.

Für ein paar Minuten richtig abschalten – auch im Homeoffice

Wie viele Auszeiten es braucht und wie lange sie dauern sollen, hängt unter anderem davon ab, wie anstrengend die Arbeit und wie fit man selbst ist. 20 Minuten am Vormittag und am Nachmittag wie in Schweden – so lang muss es nicht sein: Oft bewirken schon wenige Minuten viel. Bei einfachen Tätigkeiten ist nach einer Stunde eine fünfminütige Pause empfehlenswert. Bei komplexeren Tätigkeiten lohnt es sich, etwa zwei Stunden „dranzubleiben“ und dann zehn Minuten zu pausieren. Aber dann richtig, sprich: den Computer in den Ruhemodus versetzen, Benachrichtigungen auf stumm schalten, aufstehen, den Raum verlassen und sich mit etwas ganz anderem beschäftigen.

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Wer sich schwertut, die Arbeits- und Pausenzeiten einzuhalten, setzt sich am besten per Handy-App oder am Computer eine Erinnerung. Auch eine Idee: sich mit netten Nachbarn oder Nachbarinnen zu einem schnellen Kaffee zu einer bestimmten Uhrzeit verabreden.

Die freie Zeit gestalten

Als Orientierung dient das sogenannte DRAMMA-Modell: Die Buchstaben stehen für Detachment (Ablösung), Relaxation (Entspannung), Autonomie (Selbstständigkeit), Mastery (das Meistern), Meaning (Bedeutung) und Affiliation (Zugehörigkeit). Eine Pause sollte demnach eine Distanz zur Arbeit ermöglichen und entspannen. Die dabei ausgeführte Tätigkeit sollte selbst festgelegt und gegebenenfalls herausfordernd sein. Wichtig ist zudem, dass sie einem sinnvoll vorkommt. Und nicht zuletzt tut es gut, sich mit anderen Menschen zu umgeben, sofern es eben möglich ist. Wie genau die ideale Pause aussieht, ist entsprechend sehr individuell. Kurz meditieren, Musik hören, aus dem Fenster hinaus ins Grüne starren, eine Kleinigkeit essen, einige Dehnübungen einlegen – alles geht.

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Wie die Fika hierzulande gelingt

Zumindest für Kaffeeliebhaber dürfte die schwedische Fika viele der Erholungskriterien erfüllen. Um sie in den eigenen Alltag zu holen, braucht es nicht viel: lediglich einen Kaffee, eine Sitzgelegenheit außerhalb des Arbeitsbereichs, etwas Süßes und idealerweise noch einige Mitpausierende. Typische Snacks sind Kanelbullar oder Fikabröd, also schwedische Zimtschnecken oder Blaubeer-Marzipan-Brötchen. Beliebt sind zudem Waffeln, mit Schlagsahne gefüllte Brötchen, Vanille- oder Kardamomschnecken oder sogar ein Stück Kuchen.

Schnell angerichtet sind Gemüsesticks oder Obstsorten wie Trauben, Äpfel, Birnen und Bananen. Wer es lieber herzhaft mag, isst ein Sandwich oder – typisch skandinavisch – ein Brot mit eingelegtem Hering, Krabbensalat oder Lachs. Letztlich ist es aber Geschmackssache, was auf den Tisch kommt. Und gar nicht so entscheidend: Denn wichtig ist vor allem der Effekt des Auftankens.

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