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„The Wire“-Macherin Miranda Cowley Heller im Interview

„Es ist lächerlich anzunehmen, dass du mit 50 Jahren alles weißt“

Mutter-Tochter-Beziehungen stehen im Fokus von Miranda Cowley Hellers erstem Roman „Der Papierpalast“.

In Ihrer Danksagung zum Roman „Der Papierpalast“ erwähnen Sie explizit viele „starke Frauen“. Was ist für Sie eine starke Frau?

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Eine Frau, die harte Zeiten durchgemacht hat, die sie unabhängiger und selbstbewusster gemacht haben. Eine Frau, die klar sagen kann, was sie will, anstatt es immer allen anderen recht zu machen. Oder auch eine Frau, die neue Abenteuer erleben will, sich für Dinge begeistert, lebenshungrig ist. Ich hatte großes Glück. Ich wurde in eine Generation hineingeboren, in der die Frauen zuvor den Weg für so ein Leben geebnet haben.

Daher kam auch mein Wunsch über eine Frau in den Fünfzigern zu schreiben, die all diese Jahrzehnte und Generationen des Wandels durchgemacht hat. Ich wollte den Unterschied zwischen ihr und der Generation ihrer Mutter und ihrer Großmutter herausarbeiten – ebenfalls starke Frauen, die sehr dunkle Zeiten erlebt haben, dadurch aber hart geworden sind.

Sie selbst sagen, dass Sie mehr Lebenserfahrung brauchten, um diesen Roman schließlich zu schreiben.

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Ich wollte eine sehr ehrliche Darstellung dessen, wie Frauen in ihren Fünfzigern oder Sechzigern sind. Beginnend in dem Moment, in dem meine Protagonistin Elle, 50 und Mutter von drei Kindern, feststellt: O mein Gott, was habe ich gerade getan? Wie um alles in der Welt bin ich hier gelandet?

Die Wahl der Liebesaffären unserer Mütter und Großmütter wirkt sich unweigerlich darauf aus, wer jede von uns wird.

Es ist der Moment, in dem sie mit ihrer Jugendliebe Jonas draußen wilden Sex hat, während ihr Ehemann mit den Kindern im Haus gemütlich zusammen beim Essen sitzt.

Ich bin von diesem Moment zurückgegangen und habe die ganze Geschichte aus Elles Sicht erzählt. Das war für mich ein sehr interessanter Moment, um eine echte Geschichte und ein echtes Leben für sie zu entwerfen.

Wie viel von Ihnen steckt in diesem Roman?

Die Passagen zum Thema Scheidung in Elles Kindheit zum Beispiel. Der Aspekt, dass kleine Mädchen, wie in diesem Fall, plötzlich auf sich allein gestellt sind, weil sich ihre Lebens­umstände von jetzt auf gleich ändern, kann Kinder sehr stark verängstigen. Als Scheidungs­kind war ich sehr daran interessiert, diese Erfahrung nachzubilden.

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Eine äußerst spannende Figur, auch in diesem Zusammenhang, ist Elles Mutter Wallace. Sie polarisiert mit Weisheiten wie „Scheidungen sind gut für Kinder“. Was denken Sie darüber?

Das klingt zunächst erst mal hart. Aber in manchen Fällen, bei besonders dysfunktionalen Familienverhältnissen etwa, wie im Roman, kann das durchaus der Fall sein. Wallace ist eine sehr tragische Figur. Sie liebt und hatte offensichtlich auch eine sehr schwierige Kindheit. Das macht sie nach außen ein bisschen hart. Entweder ist sie sarkastisch oder unhöflich, um ihre wahren Gefühle zu überdecken. Elle, die als Kind ebenfalls ein Trauma erlebt hat, und ihre Mutter sind sehr unterschiedliche Frauen. Ich liebe Wallace einfach. Eins meiner Lieblings­zitate von ihr ist: Sich scheiden zu lassen ist wie neue Klamotten anzuziehen. Diese Figur hat sich selbst geschrieben. Sie ist einfach schrecklich. (lacht)

Zur Person: Miranda Cowley Heller war Senior Vice President und Head of Drama Series beim US-Sender HBO. Aus ihrer Feder stammen so berühmte Serien wie „Six Feet Under“, „The Wire“ und „Deadwood“. Die Sommer ihrer Kindheit hat sie an der US‑Ostküste auf Cape Cod verbracht. Heute lebt die 60‑Jährige in Kalifornien und ist mit Bruno Heller, dem Macher von „The Mentalist“, verheiratet.

Zur Person: Miranda Cowley Heller war Senior Vice President und Head of Drama Series beim US-Sender HBO. Aus ihrer Feder stammen so berühmte Serien wie „Six Feet Under“, „The Wire“ und „Deadwood“. Die Sommer ihrer Kindheit hat sie an der US‑Ostküste auf Cape Cod verbracht. Heute lebt die 60‑Jährige in Kalifornien und ist mit Bruno Heller, dem Macher von „The Mentalist“, verheiratet.

Ja, in der Tat: „Unglückliche Menschen sind interessanter als glückliche“ – auch dieser nachdenklich stimmende Satz stammt von ihr. Aber ist er auch ein bisschen wahr?

Wallace spricht in gewisser Weise über sich selbst. Sie ist eine unglaubliche Narzisstin. Dennoch ist an diesem Satz etwas Wahres dran. Die Wahl der Liebesaffären unserer Mütter und Großmütter wirkt sich unweigerlich darauf aus, wer jede von uns wird. Wir werden im Prinzip ohne irgendetwas geboren. Und dann erben wir die Entscheidungen, ihre Entschei­dungen. Scheidung ist ein sehr konkretes Beispiel. Sich nicht scheiden zu lassen ist eine ebenso intensive Entscheidung, genauso wie sich nicht scheiden zu lassen und eine unglückliche Ehe zu führen. Alle Entscheidungen haben Auswirkungen.

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Wallace’ nachdrücklichste Maxime, die sie ihrer Tochter Elle in puncto Beziehungen mit auf den Weg gibt, ist: „Denk an Botticelli!“ Was können Frauen von Botticelli lernen?

Halt den Mund und lächle ein wenig. Du musst dem Mann gefallen.

Moderne Frauen würden wohl von einem völlig altmodischen und inakzeptablen Verhalten sprechen.

Mein Roman ist eine generationsübergreifende Untersuchung verschiedener Frauentypen. Wallace ist eine furchtbar sexistische Frau. Der Verrat ihrer Mutter macht sie in gewisser Weise frauenfeindlich oder lässt sie Frauen als schwächer ansehen. Ihre Vorstellung von der perfekten Frau ist eine Frau, die schön, ruhig und friedlich ist, die eine hübsche Bluse anzieht und so tut, als wäre alles in Ordnung.

Als Scheidungskind war ich sehr daran interessiert, diese Erfahrung nachzubilden.

Ein wichtiges Thema Ihres Romans ist das Altern. Ich denke, viele, meist jüngere Menschen, haben eine klare Vorstellung davon, wie eine Frau in ihren Fünfzigern sein sollte: lebenserfahren, angekommen, geerdet. Ihre Hauptfigur Elle ist anders. Warum war es Ihnen so wichtig, ein anderes Bild zu skizzieren?

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Ich finde, dass es nur sehr wenige ehrliche Darstellungen von Frauen in ihren Fünfzigern gibt. Anders als oft angenommen, werden sie häufig immer interessanter und sexueller. In vielen Fällen haben ihre Kinder das Haus verlassen. Das ist der Moment, in dem sie ein ganz neues Leben haben können, ein ganz neues Abenteuer. Sie werden freier, interessierter und auch ein bisschen verantwortungsloser. Nach meiner Erfahrung als berufstätige Mutter sind deine Kinder für eine sehr lange Zeit dein Leben. Und dann sind sie plötzlich weg. Es ist so ein bisschen wie ein zweites Coming of Age. Ich habe diesen Roman in meinen Fünfzigern geschrieben, mein erstes Buch. Daher ist mir die Wahrhaftigkeit dessen, wohin ein Frauen­leben führen kann, sehr wichtig. Es ist so lächerlich anzunehmen, dass du mit 50 Jahren alles weißt und nichts Neues mehr lernen kannst.

Bemerkenswert ist auch der sehr unverkrampfte und offene Umgang mit dem Thema Sexualität im Alter.

Seltsamerweise ist das ein Tabuthema. Aber warum? Ich habe das nie verstanden. Zumal die Eltern meiner Generation in den Sechzigern und Siebzigern oftmals nackt herumgelaufen sind. Sie waren sehr sexuell. Und wir sind in diesen Generationen aufgewachsen.

Ich finde, dass es nur sehr wenige ehrliche Darstellungen von Frauen in ihren Fünfzigern gibt. Anders als oft angenommen, werden sie häufig immer interessanter und sexueller.

Anders als oft angenommen, neigen Frauen durchaus dazu, mit zunehmendem Alter sexueller zu werden. Ihre Körper reagieren viel mehr anstatt weniger. Vielleicht liegt es an dem sich verändernden Selbstbewusstsein, dem, was man als Frau bis dahin durchgemacht hat, eine Geburt und Mutterschaft etwa.

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Ähnlich unverkrampft gehen Sie an das Thema Wechseljahre mit all ihren seltsamen Symptomen wie Verwirrtheit und Schlaflosigkeit heran – ein weiteres wenig besprochenes Thema für Frauen dieses Alters. Sollten wir viel häufiger offen darüber sprechen?

(lacht) Meine Freundinnen reden eher zu viel darüber. Ich habe welche, die schreckliche Erfahrungen damit gemacht haben, deren Ehemänner aber wirklich mitfühlend waren. Und dann wiederum gibt es Freundinnen, deren Ehemänner nicht einmal im Entferntesten verstehen, warum sie sich so verrückt verhalten. Und dann gibt es Frauen, die keine wirkliche Veränderung bemerkt haben. Ich hatte das Glück, eine von ihnen zu sein. Die Art und Weise, wie das Thema im Roman auftaucht, ist sehr leicht. Tatsächlich aber fühlen sich manche Frauen in dieser Zeit wie ein anderer Mensch. Es ist wichtig, das Thema nicht allzu schwer­fällig zu behandeln. Es ist nur eine Realität unseres Lebens, wie das Einsetzen der Periode oder Geburtenkontrolle. Echte Darstellung ist sehr wichtig.

Der Roman spielt am Cape Cod. Für Sie ist das ein ganz besonderer Landstrich.

Es ist der Ort, der mir beim Aufwachsen am wichtigsten war. Er war die Konstante meiner Kindheit. Jedes Mal, wenn ich dort ankomme, denke ich: Gott sei Dank bin ich hier. Es ist wie eine glückliche Nostalgie, in der ich mich ein bisschen jünger fühle. Jeder von uns hat doch einen Ort, der uns erdet.

Es gibt einige schwierige Themen in Ihrem Roman. Unter anderem geht es um sexuellen Missbrauch und Mord. Interessanterweise nimmt die Landschaft, die Sie so wunder­schön beschreiben, diesen Szenen ein wenig den Schrecken.

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Es ist ein Gegengewicht. Es gibt viele davon im Roman, nicht nur zwischen der Landschaft und der Geschichte, sondern auch in der Sprache. Es ist eine Art Aufeinanderprallen von Schönheit und Hässlichkeit. Schon auf den ersten Seiten des Buches gibt es sehr viel lyrische Poesie. Und dann kommt plötzlich „letzte Nacht. Da habe ich ihn gefickt“. So ist Elle. Sie mag die Sicherheit des seichten Wassers, aber sie mag auch das Adrenalin.

„Ich wünschte, ich wäre mutiger, aber ich liebe auch die Angst“, so formuliert es Elle selbst im Roman. Das könnte ein Satz sein, der vielen Frauen in ihren Fünfzigern aus der Seele spricht, oder?

Ja, absolut. Wir könnten ihn auf ein T‑Shirt drucken. (lacht)

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Miranda Cowley Hellers Romanerstling „Der Papierpalast“ ist im Ullstein-Verlag erschienen (23,99 Euro, 448 Seiten.). Er erzählt die Geschichte der 50-jährigen Elle Bishop, glücklich verheiratet, Mutter von drei Kindern – und behandelt die großen Fragen des Lebens: Was macht das Leben aus? Welchen Stellenwert hat die Liebe im Leben einer Frau? Wie gehen wir mit Schuld und Verletzung um? Und wie können wir uns von den Wunden aus unserer Vergangen­heit befreien? Aktuell arbeitet Cowley Heller mit dem Sender HBO an der Verfilmung ihres Romandebüts.

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