Hilfsangebot im Altenburger Land

Die Last des hohen IQ: Altenburger Selbsthilfegruppe unterstützt Hochbegabte

Früher eingeschult und Klassen übersprungen: Hochbegabte Kinder sind oft trotzdem keine Musterschüler.

Früher eingeschult und Klassen übersprungen: Hochbegabte Kinder sind oft trotzdem keine Musterschüler.

Altenburg. Sie ist klein für ihr Alter. Doch schon mit zwei Jahren spricht sie flüssig, ihre Grammatik sitzt perfekt. In der Kita erledigt sie die Vorschulaufgaben ihrer drei Jahre älteren Freunde ohne Probleme. Dann wechselt die beste Freundin auf die Schule und eine Welt bricht zusammen. Das Mädchen wird aggressiv und unruhig, wirkt unausgelastet.

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Nancy Rehdorf erkennt ihre Tochter nicht wieder. Irgendwann schalten die Erzieher den pädagogischen Dienst des Jugendamtes ein. Der drängt auf einen psychologischen Test. Das Ergebnis: Die mittlerweile Vierjährige ist hochbegabt. Damit gehöre sie zu den wenigen drei Prozent der Bundesrepublik mit einem IQ-Wert ab 130.

Förderung für besondere Talente – auch ohne Hochbegabung

Egal, ob Leichtathletik, Geige, Französisch oder Mathematik. Die meisten Kinder können eine Sache richtig gut. In Thüringen fördern insgesamt neun Spezialschulen und Gymnasien mit Spezialklassen diese sprachlichen, sportlichen, musikalischen oder mathematisch-naturwissenschaftlichen Talente: Mit eigenen Forschungszentren, moderner Technik, bilingualem Unterricht, internationalen Wettbewerben und Austauschprogrammen.

Aktuell laufen die Bewerbungszeiträume für interessierte Schülerinnen und Schüler, die aufs Gymnasium wechseln oder für die Förderung ihres Talents einen Schulwechsel in Betracht ziehen. Die Bewerbungsfristen enden – je nach Schule – zwischen 20. Februar und 17. März. Im Vorfeld gibt es Informationsveranstaltungen (auch online) und Tage der offenen Tür. Einen Überblick über alle Fristen und Termine bietet das Bildungsministerium auf seiner Website. 

Gefördert wird:

– eine Begabung in Mathe, Informatik und Naturwissenschaften (MINT) am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Erfurt, am Carl-Zeiss-Gymnasium in Jena und an der Goetheschule in Ilmenau, jeweils in Spezialklassen.

musikalische Begabung am Gymnasium Rutheneum in Gera in Spezialklassen und am Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar.

sportliche Begabung am Pierre-de-Coubertin-Gymnasium in Erfurt, am Staatlichen Sportgymnasium in Jena und am Sportgymnasium in Oberhof.

sprachliche Begabung an der Salzmannschule in Schnepfenthal (Waltershausen).

Weil die Schulen in ganz Thüringen verteilt sind, gibt es für auswärtige Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, im Internat zu wohnen.

„Wir haben es lange geheim gehalten“, sagt die Altenburgerin und knetet dabei ihre Hände. Die Familie thematisiert den IQ der Tochter nur dann, wenn es sein muss. Den Namen ihrer Tochter will niemand in der Zeitung sehen, um sie zu schützen. Aber warum die Geheimnistuerei? „Es ist nicht immer einfach“, sagt die 38-Jährige.

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Angst vor Ablehnung und Anfeindung

Am Anfang sei der Gedanke an ein hochbegabtes Kind ganz einfach überfordernd gewesen. „Wir wollten nicht, dass sich unsere Tochter anders fühlt, dass sie vielleicht sogar überheblich wird“, erklärt die Mutter. Deshalb hätten sie die Hochbegabung ihrem Kind gegenüber lange nicht als solche benannt. Mittlerweile weiß die Sechstklässlerin, dass sie einen besonders hohen IQ hat. Wie hoch genau, das will sie nicht verraten. Auch ihren Klassenkameraden erzähle sie nichts davon.

„Viele denken sonst, man wolle nur angeben“, erklärt Nancy Rehdorf. Die Familie habe deshalb schon viele Anfeindungen durchgemacht. Ganz verstecken konnten die Rehdorfs die Hochbegabung ihrer Tochter aber vor ihrem Umfeld nicht: Ein hochbegabtes Kind braucht besondere Förderung und dazu gehört zum Beispiel auch eine frühere Einschulung. „Uns wurde vorgeworfen, dass wir unserer Tochter damit ein Jahr ihrer Kindheit rauben. Da haben wir unsere Gründe dann doch offengelegt.“

Nancy Rehdorf gründete eine Selbsthilfegruppe für hochbegabte Kinder und ihre Eltern im Altenburger Land. Mit dem Projekt hat sie einen Nerv getroffen.

Nancy Rehdorf gründete eine Selbsthilfegruppe für hochbegabte Kinder und ihre Eltern im Altenburger Land. Mit dem Projekt hat sie einen Nerv getroffen.

Frust statt Einsen

Und trotzdem sei die Schulzeit für viele Hochbegabte kein Zuckerschlecken. „Stellen sie sich vor, sie sehen einen Baum mit den Augen eines Zehnjährigen, können beim Zeichnen aber nur auf die motorischen Fähigkeiten eines Sechsjährigen zurückgreifen“, versucht Nancy Rehdorf die Frustration ihrer Tochter im Unterricht zu verdeutlichen. „Oder sie müssen dauernd wiederholen, was sie schon lange verstanden haben.“ Die Folge: Langeweile. Viele betroffene Kinder werden unruhig, vorlaut und aggressiv.

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Zusätzlich falle es ihnen oft schwer, enge Freundschaften zu pflegen. Etwa weil sie ganz andere Interessen und Ansprüche als ihre Altersgenossen haben. „Unsere Tochter hatte schon früh hohe Erwartungen an ihre Freunde: Sie legte jedes Wort auf die Goldwaage und erwartete Verbindlichkeiten, die ihr Kinder in dem Alter gar nicht geben konnten“, sagt die Altenburgerin.

Selbsthilfegruppe für gegenseitiges Verständnis

Um mit den besonderen Problemen und Sorgen nicht alleine zu bleiben, suchte die gelernte Erzieherin kurz nach dem Testergebnis den Kontakt zu anderen Betroffenen aus der Region – und gründete vor etwa fünf Jahren zusammen mit anderen Müttern eine Selbsthilfegruppe. Die einzige Anlaufstelle dieser Art im Altenburger Land und Teil des Regionalvereins der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind.

In der Gruppe treffen sich die Eltern abwechselnd unter sich oder zusammen mit den Kindern. Mittlerweile seien jeweils bis zu 15 Familien dabei. „Wenn unsere Kinder zusammen sind, merkt man nichts mehr von den Verhaltensauffälligkeiten“, erzählt die Altenburgerin. Weil sie untereinander anders interagieren können als mit Altersgenossen aus Kita und Schule. „Am jährlichen Familienwochenende geben sich die Kinder sogar gegenseitig Workshops.“

Auch für die Eltern seien die lockeren Stammtischtreffen über Kaffee und Kuchen Balsam für die Seele: „Im Freundeskreis können viele meine Probleme nicht nachvollziehen. Es ist schön, jetzt auf Menschen zu stoßen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.“ Es werden Spieletipps geteilt, Ideen zum Umgang mit Schlafstörungen oder mit Schwierigkeiten in der Schule. „Wir sind zwar Laien, haben aber viel Erfahrung“, sagt Nancy Rehdorf und lacht.

Unterstützung auch ohne offizielles Testergebnis

Willkommen seien übrigens alle in der Gruppe: Egal ob Erwachsene, die erst spät von ihrer Hochbegabung erfahren haben, Familien, deren Kind den bis zu 400 Euro teuren Hochbegabtentest in Eigenbeteiligung noch nicht abgelegt hat, oder Pädagogen und Erzieher, die sich einfach nur austauschen wollen.

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"Wir haben auch eine Hotline eingerichtet", fügt Nancy Rehdorf an. Nach einer Kontaktanfrage per Mail bekommen Betroffene bei akuten Problemen die Nummer – und schnellen Rat übers Telefon.

Hochbegabung wieder positiv erleben

Mit dem Projekt wollen die Ehrenamtlichen nach eigenen Angaben vor allem eines erreichen: dass Betroffene die Hochbegabung wieder als etwas Bereicherndes erleben können. Trotz der besonderen Herausforderungen. „Oft haben wir in unserer Gruppe nur mit denjenigen Kindern zu tun, denen die Hochbegabung Probleme macht“, sagt die Gründerin. Es gebe aber auch jene Hochbegabte, die problemlos und unauffällig durch die Schulzeit kommen, sagt Nancy Rehdorf – dann bleibe der hohe IQ oft unerkannt.

Vielleicht ist der Jüngste ihrer Familie so ein Wunderkind: „Ist ein Kind hochbegabt, so sind es die Geschwister mit hoher Wahrscheinlichkeit auch“, sagt die Altenburgerin. Ihr Siebenjähriger zeige ein besonderes Interesse an Zahlen und Mathematik. Einen Test habe sie aber noch nicht machen lassen. „Wir überlegen noch ein bisschen.“ Denn Kindergarten und Schule machten ihm bisher keine Probleme.

https://www.dghk-ssa.de/kontakt-thueringen/

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