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Premiere

Bildgewaltige Opulenz: „Oedipe“ am Altenburger Landestheater

Opulente Ausstattung: Kai Wefer als Theiresias (l.) und Sébastien Soulès als Ödipus (r.).

Opulente Ausstattung: Kai Wefer als Theiresias (l.) und Sébastien Soulès als Ödipus (r.).

Altenburg. Gegenwärtig ereignet sich wahrlich Historisches am Theater Gera-Altenburg. Zwei renommierte Preise krönen all das, was sich in den jüngsten Jahren künstlerisch und kulturpolitisch vollzog: der Deutsche Theaterpreis 2017 und der Preis der Theaterverlage 2018. Ganz aktuell liefert das Theater mit der Produktion der Oper "Oedipe" von George Enescu (1881-1955) die beste Begründung für die Auszeichnungen. Altenburg hatte damit am Sonntagabend sein großes Theaterereignis.

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Ein „stummes“ Werk im Licht der Öffentlichkeit

Wieder einmal ist es das Altenburg-Geraer Theater, das ein fast „stummes“ Opernwerk, das Jahrzehnte zu seiner Entstehung benötigte und nach seiner Uraufführung 1936 nur spärlich auf die Bühnen kam, wieder ans Licht der aktuellen Theateröffentlichkeit befördert. Der personelle wie materielle Aufwand erreicht historische Dimensionen: Der Chor wird mit zwölf Gästen auf 36 Mitglieder erweitert, das Orchester wächst zur größten Stärke seiner fast 150-jährigen Geschichte in Altenburg und postiert Personal wie Instrumente hinter und neben den Orchestergraben sowie in hintere Räume, von wo aus der Klang mit besonderer Technik in den Saal gelangt. Der Kinderchor und das Kinder- und Jugendballett (Gerald Grammer, Holger Krause und Dagmar Stollberg) ergänzen das handelnde Personal und beleben die mit gewaltigen Kulissen ausgestattete Bühne.

Sinnenfest für Augen und Ohren

Generalintendant Kay Kuntze brachte ein außergewöhnliches Stück meisterlich auf die Bühne – sehr zum Staunen vieler Theaterkönner und Theaterinteressenten. George Enescus mächtig-gewaltiges Werk ist eine wirkungsvolle Kombination von ekstatischer Musik und inhaltlicher wie visueller Aussagekraft. Der Regisseur, sein Bühnen- und Kostümbildner Duncan Hayler und Generalmusikdirektor Laurent Wagner haben aus der weitgehend unbekannten Oper ein Sinnenfest für Augen und Ohren gestaltet und vor allem die großen Chorszenen zu überwältigender Wirkung gebracht.

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Der Rumäne Enescu hat hier, wie in seinen anderen Kompositionen auch, rumänische Volksmusik verarbeitet, ohne in Folklore-Kitsch zu verfallen, und sie mit nicht zu überhörendem französischem Impressionismus zu immer neuen Klangorgien zusammengeschmolzen. Laurent Wagner lässt diesen mit einem überdimensionierten Orchester freien Lauf, wobei er vor allem den rhapsodischen Charakter der ungewöhnlichen Partitur hervorhebt. In den kammermusikalischen Momenten, oft oratorisch geprägt, zeigt das Orchester viel solistische Kompetenz und sinnliche Raffinesse.

Ausgefeilte und sinnreiche Inszenierung

Der Dirigent gibt den musikalischen Kulminationspunkten alle nötige Wucht, arbeitet vor allem Enescus herbzarte, fein geäderte, sehr eigenwillige Klangfarben exquisit heraus – ein großartiger musikalischer Kosmos. Es gibt nicht wahnsinnig viele Partituren dieser Art und Qualität und wenn dann eine der wenigen so meisterlich interpretiert wird wie hier, hängt der musikalische Himmel nicht nur voller Geigen.

Natürlich erhebt sich die Frage, was neben dem riesigen Aufwand noch von der Oper bleibt. Die Antwort: Alles! Sie verfolgt in einer Geradlinigkeit Leben und Schicksal der Hauptperson und charakterisiert mit viel Symbolik, was sich vor über tausend Jahren in Theben und Athen abspielte. Kay Kuntze bringt sie in einer ausgefeilten und sinnreichen Inszenierung auf die Bühne. Da war reichlich Vorarbeit nötig.

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Ensemble leistet Außergewöhnliches

Dass diese Version auch lebendiges Musiktheater wird, liegt neben den großartigen inszenatorischen und bühnentechnischen Gegebenheiten und der Wunderwaffe Orchester an den hervorragenden Solisten, die außer dem Oedipe alle aus dem theatereigenen Ensemble sind.

Sie leisten Außergewöhnliches: Sébastien Soulès wurde als Gast aus Frankreich für die Hauptpartie verpflichtet. Er singt und verkörpert den tragischen Titelhelden mitreißend. Sein dunkler Bariton hat alle Kraft, aber auch die nötige Eleganz für diese anspruchsvolle Partie und vor allem eine enorme empathische Ausstrahlung. Spiel und Gesang bilden eine vollkommen überzeugende Einheit. Eine großartige Leistung, für die sich das Publikum am Ende begeistert bedankt.

Alle anderen, meist mittlere und kleinere Partien dieses Werkes, sind stimmgroß und charaktervoll besetzt. Johannes Beck, ein Kreon von pfaueneitler, aalglatter Eleganz, Kai Wefer, ein Theiresias mit viel Leidenspathos, Ulrich Burdak, der die Oper tragende Bass in drei Rollen und besonders als Wächter mit durchschlagender Wucht, János Ocsovai, ein Laios von hohler Würde, Alejandro Lárraga Schleske als klangschöner Theseus und Frank Ernst als Gast ein in Habitus und Spiel im Gedächtnis bleibender Hirte. Béela Müller ist eine klangvolle und spielerisch überzeugende Iokaste und Heain Youn vom Thüringer Opernstudio bleibt als Stimme der Sphinx (schlangengleich gespielt von Juliane Stephan) sowie als Merope und thebanische Frau mit ihrer Bronze-Leuchtkraft in nachhaltiger Erinnerung.

Standing Ovations für die Akteure

Im 4. Akt findet Ödipus’ jüngste Tochter Antigone zu ihrem Vater. Es entwickelt sich eine ganz wunderbare Beziehung, musikalisch berührend und menschlich ans Herz gehend, auch dank Miriam Zubieta. Am Ende findet der schuldlos schuldige Ödipus im fast christlichen Sinne Erlösung. Lebendige Leiber umschließen ihn. Die Musik verhaucht. Die Oper ist aus. Das Publikum verharrt in Schweigen.

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Dann wagt jemand einen Handschlag – und das Publikum beginnt einen Applaus, der bald in Standing Ovations übergeht. Die Besucherinnen und Besucher huldigen ihren Helden auf der Bühne, deren Hintertüren sich bald öffnen und den Weg freigeben für das Orchester, das einmarschiert wie die musikalische Leibgarde. Der Beifall schwillt orkanartig an und gilt auch allen Mitarbeitern des technischen Bereiches, die an diesem Abend Außergewöhnliches leisten mussten.

„Oedipe“ nochmals am 1. März (19.30 Uhr) und am 28. März (14.30 Uhr) im Großen Haus. Karten an der Theaterkasse, unter Tel. 03447 585160 und auf www.tpthueringen.de.

Von Manfred Hainich

LVZ

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