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Ferienspaß

Filmgenuss im Nirgendwo: Autokino Langenhessen

Filmgenuss mal anders: Im Autokino Langenhessen kann man seit 1992 Filme von hinterm Steuer verfolgen.

Filmgenuss mal anders: Im Autokino Langenhessen kann man seit 1992 Filme von hinterm Steuer verfolgen.

Werdau.Wind streicht durch die Baumwipfel, die letzten Sonnenstrahlen schimmern leicht durch die lichten Blätter, die Kober liegt ruhig da. Noch ist der Parkplatz des Autokinos Langenhessen, einem Stadtteil von Werdau gleich hinter der thüringisch-sächsischen Landesgrenze, so gut wie leer. Das wird sich an diesem heißen Sommerabend jedoch bald ändern.

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Filmstart von der „Villa“ aus

Kinobetreiber Andreas Osse hat auf dem Gelände an der Koberbachtalsperre jedenfalls schon gut zu tun. Rund zwei Stunden, bevor der erste Film über die Leinwände flimmert, bringt er alles auf Vordermann, bereitet die Eintrittskarten und die Küche vor, bringt die Projektoren in Schwung, damit er die Filme nur noch per PC starten muss – vom Tickethäuschen aus, in Insiderkreisen „Die Villa“ genannt.

Eine Stunde vor Filmbeginn kommt auch Emma Steinhauser, die neben ihrer Ausbildung im Autokino seit April einem Nebenjob als Kellnerin nachgeht. Meistens arbeitet sie an den Wochenenden, in den Ferien auch unter der Woche. Das besondere: alles auf Rollen. Die Inline Skates liegen schon bereit. „Mit diesem Nebenjob mache ich regelmäßig ein kleines Sportworkout nebenbei“, lacht die 18-Jährige.

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Radios an, Ton ab!

Wenn die Kinobesucher ihren favorisierten Parkplatz eingenommen haben, setzen sie einfach den Blinker und Emma kommt auf Rollen angeflitzt und bringt die Speisekarte. Auf Bestellung folgen dann deftige Snacks wie Bockwurst mit Pommes oder auch Popcorn – für die traditionellen Kino-Snacker. Sobald die Werbung läuft, können die Besucherautos den Ton über eine bestimmte Radio-Frequenz empfangen, die passend zum „Kinosaal“ eingestellt wird.

Familie Wiesalla aus Hamburg hat es sich schon mit ihrem Bully gemütlich gemacht und überbrückt die Zeit bis zum Beginn noch mit dem Erkunden des Geländes. Der siebenjährige Elia ist schon ganz neugierig auf das unbekannte Erlebnis: „Gestern habe ich zum ersten Mal von einem Autokino gehört.“ Auch seine dreijährige Schwester Charlotta freut sich auf den Film, denn „König der Löwen“ hat sie noch nie gesehen, nicht einmal das alte Original.

Nebenan im Kino 2 läuft die Fortsetzung von „Pets“, und Kino 3 ist einem besonderen Genre vorbehalten: Horrorfilm. „Annabelle 3“ bietet sich für den dritten Kinoparkplatz förmlich an, denn er liegt nicht einsehbar hinter einer kleinen Auffahrt, mitten im Wald. „Da wird es dann richtig schön gruselig“, sagt Kinobetreiber Osse. Aber ein gewisses Gruselgefühl bietet auch der Gang auf die Toilette während der Filmvorführung – passiert man die parkenden Autoreihen, fliegen Glühwürmchen durch die Luft und im nahen Gebüsch raschelt und knackt es geheimnisvoll.

Horrorfilm vs. Animationsfilm

Seit 1992 bietet Andreas Osse ganz großes Kino vom gemütlichen Polstersitz aus, im Autokino an der Koberbachtalsperre Langenhessen. Nicht ohne Stolz blickt er auf die Anlage und denkt an die Anfänge zurück: „Vor der Wende war das hier ein ganz normales Freilichtkino.“ Dann ging Osse einen Pachtvertrag ein und begann mit einer einzelnen Leinwand. Ein paar Jahre später, ungefähr 1996, kam das zweite Kino dazu und mittlerweile können drei Filme parallel gezeigt werden – und damit sei das Autokino Langenhessen einzigartig in Deutschland, sagt Osse stolz.

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„Die drei Leinwände braucht man aber auch, um sowohl für den Verleih, als auch für die Besucher attraktiv zu sein“, so Osse. Denn mit drei Leinwänden könne er die Filme jeweils länger laufen lassen und für die Besucher eröffne sich eine größere Auswahl. Allein der Kontrast von „Pets 2“ und „Annabelle 3“ an einem Abend macht deutlich, dass hier für jeden etwas dabei ist. Manche Besucher schauen gleich zwei Filme hintereinander, wenn sie zur Koberbachtalsperre kommen. Wie groß für Osse selbst die Grundauswahl ist, hängt davon ab, wie breit der Filmverleih den Film starten lassen will – also in wie vielen Kinos er starten soll.

Einmal im Jahr fährt Osse auf die große Filmmesse in München, wo er mit anderen Kinobetreibern und vor allem mit Verleihanbietern Kontakte knüpfen kann und sich auf den neuesten Stand beim Filmgeschäft bringen lassen kann. Bei der Filmauswahl hört er vor allem auf sein Bauchgefühl und kann meist schon im Voraus einschätzen, wie ein Film bei „seinem“ Publikum ankommen wird. „Bei der Auswahl habe ich immer meine Klientel vor Augen“, sagt er.

Extra aus Nürnberg angereist für „Good Bye, Lenin!“

Kleinere Filme außerhalb des Mainstreams würde er zwar gerne auch spielen, die rentieren sich aber für ihn meist leider nicht. Ein Film, der ihm als „absoluter Knaller“ im Gedächtnis geblieben ist, ist der „Schuh des Manitu“, der 2001 in die Kinos kam: „Da sind wir aus allen Nähten geplatzt, da kamen zum ersten und einzigen Mal an einem Tag 1000 Mann.“

Ein anderer denkwürdiger Film: Der DDR-Nostalgie-Streifen „Good Bye, Lenin!“ aus dem Jahr 2003, für den ein Kinogast extra aus Nürnberg anrief und nach dem Programm fragte, um dann 250 Kilometer anzureisen, da der Film in Bayern noch nicht gezeigt wurde.

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Das alltägliche Publikum kommt dagegen meist aus einem Radius von 50 bis 100 Kilometern, wie Osses Erfahrung zeigt. Am Wochenende sind die Kennzeichen an den Fahrzeugen vermehrt EF oder J – für Erfurt und Jena. Insgesamt zieht das Autokino im Jahr zwischen 15 000 und 20 000 Besucher an die Koberbachtalsperre. Der größte Andrang spielt sich aber immer noch am Wochenende ab – da braucht Osse ein zweiköpfiges Team. Unter der Woche ist eine Bedienung auf Rollen ausreichend. Wenn sich ein bestimmter Film themenmäßig anbietet, ist das Rollschuh-Team sogar in dementsprechender Motto-Kleidung unterwegs und stimmt die Besucher auf so das Filmerlebnis ein.

Von Katharina Stork

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