LVZ-Spendenaktion „Ein Licht im Advent“

Im Selbstversuch: Ein Vormittag bei der Altenburger Tafel

Einen Vormittag unterstützte LVZ-Autorin Maike Steuer (r.) das Team der Altenburger Tafel, sortierte mit Helferin Marita auch jede Menge Clementinen.

Einen Vormittag unterstützte LVZ-Autorin Maike Steuer (r.) das Team der Altenburger Tafel, sortierte mit Helferin Marita auch jede Menge Clementinen.

Altenburg. Netzweise stapeln sich die Clementinen vor mir auf der Arbeitsfläche im kleinen Lager der Altenburger Tafel und sollen nach dem Aschenputtel-Prinzip sortiert werden. Die essbaren Hübschen in die Kiste zur Weitergabe an Bedürftige, die essbaren aber hässlichen in den Eimer, der später von einem Landwirt abgeholt wird, und der matschige, schimmlige oder faule Rest in die Tonne. Ich bin nicht zimperlich, aber beim strengen Geruch in Kombi mit der, sagen wir, durchaus fragwürdigen Konsistenz mancher Früchtchen schüttelt es mich. „Lecker, oder?“, merkt Marita neben mir mit einem schiefen Grinsen an. Schweigend arbeiten wir uns ritsch, ratsch durch die Netze, trennen „geht noch“ von „geht gar nicht“, während die Anderen Porree-Stangen um ihre trockenen Blätter erleichtern oder Blumenkohl nackig machen. Obst wie Gemüse gehören zur Ausbeute, die Fahrer Jens Heiner und ich gerade von unserer kleinen Borna-Runde mitgebracht haben.

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Vom Agrotechnikermechanisator zum Tafel-Fahrer

Immer montags dreht Jens diese Runde – und ich bin an diesem Morgen mit von der Partie. Als ich halb neun in der Gabelentzstraße auftauche, wartet vor der Tür schon eine länger werdende Schlange und im Transporter mein Kollege. Nichts wie los, denn sein Tag ist eng getaktet. Wartet doch später noch die Tour Richtung Geithain, Frohburg und Gößnitz auf den 58-Jährigen. „Drei Jahre werden es im Januar, die ich den Job jetzt mache“, erzählt er, während wir Altenburg hinter uns lassen. Zu DDR-Zeiten habe er zuerst „Agrotechnikermechanisator“ gelernt. Er amüsiert sich über mein fragendes Gesicht, übersetzt das Wortungetüm mit „einer Mischung aus Traktorist und Mechaniker“ und fügt Berufskraftfahrer und Baugeräteführer als weitere Lehren hinzu. Dass er keinen dieser Berufe mehr ausüben kann und stattdessen für Mindestlohn Lebensmittel rettet, ist seine Art, Hartz IV den Finger zu zeigen und trotz gesundheitlicher Einschränkungen beschäftigt zu bleiben.

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Seit fast drei Jahren fährt Jens täglich seine Runde und sammelt Lebensmittel für die Altenburger Tafel ein.

Seit fast drei Jahren fährt Jens täglich seine Runde und sammelt Lebensmittel für die Altenburger Tafel ein.

Magere Ausbeute für einen Montag

Wir haben unser erstes Ziel erreicht. Magere vier grüne Klappkisten warten auf uns an der Laderampe. Zwei voll mit welkem Gemüse und Obst, zwei mit einem Sammelsurium aus allem, was der Discounter noch so übrig hatte beziehungsweise den Kunden beim regulären Kauf vielleicht runter gefallen ist. So wie die angerissene Packung Kleintierstreu, die wir fix in eine extra Tüte packen, um die große Sauerei im Transporter zu verhindern. Jens zuckt die Schultern. Isso. Für einen Montag sei das heute nicht viel und kein Vergleich zu früher. „Es gab Spitzenzeiten, da war der Transporter nach den beiden Stationen voll.“

Einmal alles in einer Kiste von essbar bis ungenießbar.

Einmal alles in einer Kiste von essbar bis ungenießbar.

Große Unterschiede bei Qualität und Menge

Discounter zwei meint es da weitaus besser mit uns – sowohl von der Menge her, als auch der Qualität. Die roten Spitzpaprika sehen einwandfrei aus, genauso der Porree oder die kiloweise Bananen und Tomaten, die wir mitnehmen dürfen. Nur die Heide, die wir ebenfalls palettenweise einsacken könnten, hat es hinter sich, ist schlichtweg vertrocknet. Wir nehmen trotzdem ein paar Pflanzen mit. Vielleicht kann man ja doch noch was machen. Mit ganz viel Wasser...

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Auch sie wollten unbedingt mit: Dutzende staubtrockene Pflanzen.

Auch sie wollten unbedingt mit: Dutzende staubtrockene Pflanzen.

Am wichtigsten für seinen Job sei der gute Draht zu den Mitarbeitern der einzelnen Läden, erzählt Jens auf der Rückfahrt. Ein kurzer Schwatz zwischen Brandschutztür und Laderampe sei das Salz in der Suppe. „Egal, was wir manchmal so in den Kisten finden. Mit den meisten Mitarbeiterinnen kann ich wirklich sehr gut. Da kann ich nix schlechtes sagen“, betont er.

Laden, Eimer, Tonne

Während wir ein knappes Stündchen unterwegs waren, hat die neue Woche in der Abgabestelle bereits begonnen, wählen immer drei Bedürftige gleichzeitig aus den angebotenen Lebensmitteln, die Peter Albrecht und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Regalen arrangiert haben. Unsere Ausbeute jedoch findet per Menschenkette erstmal den Weg ins Lager, wo überraschend viele Hände dafür sorgen, „aus den Resten das Beste zu machen“, wie Christine Reichwagen mit einem Zwinkern anmerkt und mich direkt warnt: „Zieh dir lieber Handschuhe an.“

Für die Pelz-Pilze führt der Weg schnurstracks in die Tonne.

Für die Pelz-Pilze führt der Weg schnurstracks in die Tonne.

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Eigentlich mag ich die Dinger nicht. Heute jedoch bin ich dankbar für diese Art Schutzhülle zwischen meinen Händen und so mancher Spende. Denn nicht nur viele der Clementinen haben bereits ein Eigenleben entwickelt, auch die Champignons tragen Pelz und so manche Kiwi hat bereits angefangen, sich zu kompostieren. In der Luft hängt dieser typisch süßlich-faulige Geruch gegorener Früchte. Die Weintrauben sind schuld. Keine Ahnung, wie irgendjemand denken könnte, die wären noch essbar. Acht Biotonnen hat die Tafel im Hof stehen und nun wird klar, warum.

Für Jens Heiner Alltag – für die LVZ-Autorin ein sehr spannender Ausflug an Bord des „besten Pferds im Stall“.

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Heute ist ein guter Tag

Inzwischen trudeln auch die anderen beiden Fahrer wieder ein, laden reichlich Waren ab und starten direkt wieder durch. Eigentlich könnten sie noch mehr Betriebe ansteuern, hat Jens mir erzählt, es fehlt jedoch schlichtweg an Zeit und mindestens einem Mann hinterm Lenkrad mehr. Doch mit der Personalplanung sei es wie mit dem Wetter und den Lebensmittelspenden, hat Peter Albrecht die Erfahrung gelehrt: Schwer vorhersehbar und immer für eine Überraschung gut. „Aber heute ist ein guter Tag“, freut sich der Chef der Truppe und meint damit den aufgetauchten „Strafstündler“, der für eine Weile das Team verstärken wird, bis er seine Sozialstunden abgeleistet hat, genauso wie den kleinen Puffer an Waren, den er im Kühlhaus bunkern konnte. Für morgen.

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