Szenario

Blackout – welche Folgen hat ein Stromausfall im Chemiewerk

Die Hochfackel bei Dow in Böhlen würde bei einem Stromausfall die verbrannten, nicht verarbeiteten Stoffe ausstoßen.

Die Hochfackel bei Dow in Böhlen würde bei einem Stromausfall die verbrannten, nicht verarbeiteten Stoffe ausstoßen.

Böhlen. Erst wenige Wochen ist es her, da zeigte sich, wie sehr der Mensch vom Strom abhängig ist. Als das Orkantief Friederike über die Region hinweg fegte, ging über mehrere Stunden hinweg in Borna nichts mehr. Keine Heizung, kein Licht, kein Herd. Stundenlang saßen die Menschen bei Kerzenschein und vor dem Kamin – sofern vorhanden. Auch ortsansässige Unternehmen und Industriebetriebe waren betroffen, mussten auf Notstromaggregate zurückgreifen. Der Standort des Chemieunternehmens Dow in Böhlen-Lippendorf blieb von einem Stromausfall glücklicherweise verschont – wäre aber vorbereitet gewesen.

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Dow Chemical ist auf Szenarien vorbereitet

„Ein Stromausfall ist für uns ein Thema, auf das wir immer vorbereitet sein müssen“, macht Lars Domogalla deutlich, Leiter Responsible Care (Verantwortliches Handeln) für die mitteldeutschen Dow-Werke. Am von Dow betriebenen Chemiestandort in Schkopau gab es das Szenario im vergangenen Jahr, als es zu einer kurzzeitigen Stromunterbrechung kam.

Die Vorbereitung auf ein solches Szenario fängt schon bei der Planung der Anlage an, und zwar im ganz Kleinen. Bereits bei der Planung des Anlagendesigns werden selbst sämtliche Kleinteile, zum Beispiel ein Ventil, genau für einen Ernstfall geplant. „Soll das Ventil im Falle eines Blackouts zubleiben oder sich öffnen? Das muss im Vorfeld klar sein“, verdeutlicht er. In der Technik spricht man dabei von einem inhärent sicheren System. Das heißt die Anlagen werden so konstruiert, dass sie auch nach dem Ausfall einer oder mehrerer Komponenten sicher arbeiten beziehungsweise sicher herunterfahren.

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Blackout – Morgen ist es zu spät ist ein Technik-Thriller von Marc Elsberg. Der Roman erzählt über zwei Wochen die Auswirkungen eines großflächigen Stromausfalls in Europa.

Im Werk Böhlen befindet sich das Herzstück der mitteldeutschen Dow-Standorte – der Cracker. Auf Basis von Rohbenzin werden hier chemische Grundstoffe wie Ethylen und Propylen hergestellt, die in Böhlen unter anderem zu Ausgangsstoffen für Hygieneartikel oder Produkte im Bauwesen sowie an den Standorten Schkopau und Leuna zu hochwertigen Kunststoffen weiterverarbeitet werden. So entstehe in Böhlen beispielsweise der Grundstoff für die Feuchtigkeit absorbierenden Kügelchen in Windeln.

Anlagen werden in sicheren Betriebszustand gefahren

Kommt es beispielsweise in Böhlen zu einem Stromausfall, werden automatisch alle Anlagen in einen sicheren Betriebszustand gebracht. „Für diesen Schritt ist kein Strom notwendig“, beschreibt Domogalla. Eine Notstromversorgung stehe aber beispielsweise „für das Prozessleitsystem zur Verfügung, um das automatische Herunterfahren in der zentralen Messwarte zu überwachen.“ Eine Fortsetzung der Produktion im Normalbetrieb sei aber keinesfalls möglich. Zwar könnten Flüssigkeiten wie Wasser und Benzin für eine bestimmte Zeit in den Leitungen verbleiben, allerdings müssen sämtliche chemische Reaktionen gestoppt werden. Dazu stehen je nach Art der laufenden Reaktion verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. „Beispielsweise kann durch das mechanische Schließen eines Ventils eine Reaktion unterbrochen werden.“ Außerdem müssen gasförmige Stoffe aus den Rohrleitungen und Behälter sicher entfernt werden. Das erfolgt durch die Verbrennung der Gase über die Hochfackel. „Auch der Betrieb der Hochfackel ist stromunabhängig.“ Die Folge wäre ein zeitweiser, starker Fackelbetrieb.

Unmittelbar nach einem Stromausfall kommt der Krisenstab zusammen. Dessen erste Aufgaben: Sich einen Überblick über die Lage verschaffen, die Öffentlichkeit informieren und weitere Schritte einleiten.

Herausforderung ist die Wiederinbetriebnahme

All diese Abläufe werden dabei regelmäßig geübt – unangekündigt. "Dabei geht es nicht bei jeder Übung zwangsläufig um das Szenario des Stromausfalls. Auch Brände, Epidemien und Höhenrettungen werden trainiert", unterstreicht Domogalla. Alle drei Jahre erfolge zudem an jedem der Dow-Standorte eine große Katastrophenschutzübung in Zusammenarbeit mit den zuständigen Landkreisen und örtlichen Feuerwehren.

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Die besondere Herausforderung nach einem Blackout wäre laut Domogalla das Wiederanfahren der Anlage. „Dabei muss jedes Anlagenteil Stück für Stück und in einer bestimmten Reihenfolge in Betrieb gehen“, macht er deutlich. Beispielsweise könnten nicht die Pumpen und Kompressoren anlaufen, wenn noch gar keine Stoffe zum Transportieren da wären. Etwa eine Woche würde das Anfahren der Produktion dauern, erst dann sei der Normalbetrieb wieder gewährleistet.

Von Julia Tonne

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