Drogen und Gewalt in Colditz: Was über die Familie N. bekannt ist

Drogen und Gewalt in Colditz: Was über Ermittlungen und Prozess gegen die Familie N. bekannt ist
Leipzig. 225 Beamte rückten im März 2023 in Colditz an, durchsuchten Wohnhäuser, Lagerhallen, einen ehemaligen Holzhandel und fanden: 5,5 Kilo Crystal Meth, eine Cannabis-Plantage, mehrere Waffen und teure Autos. Ralf N. und seine beiden Söhne Uwe und Andreas sitzen nun in Untersuchungshaft. Der Fall beschäftigt jedoch nicht nur Polizei und Zoll – sondern auch die Landespolitik. Die LVZ fasst zusammen, was bisher bekannt ist.
1. Wer sind die Tatverdächtigen?
Der 67-jährige Ralf N. und seine Söhne sind in Colditz bekannt. Regelmäßig waren sie mit Nobelkarossen, darunter ein Lamborghini, in der Stadt unterwegs – und dabei ging es nicht nur um Protzerei, sondern um eine Machtdemonstration. In Colditz hatte sich nach der Jahrtausendwende eine militante Neonazi-Szene gründet, die brutal gegen jeden vorging, der aufmuckte. Mittendrin Ralf, Uwe und Andreas N.. Der Holzhandel der Familie N. wurde zu einem Treffpunkt.
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Ralf N. soll sich in der Stadt jahrelang wie ein Tyrann aufgeführt, seine Nachbarn gemobbt, Punks verprügelt haben. Er griff sogar den früheren Bürgermeister und Polizeibeamte an. All das lässt sich aus Gerichtsakten und Gesprächen rekonstruieren.
2. Wie ist der aktuelle Stand im Prozess?
Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat Ralf, Uwe und Andreas N. ursprünglich bandenmäßigen Drogenhandel vorgeworfen. Mittlerweile gibt es Zweifel, ob sich dieser Straftatbestand eindeutig beweisen lässt. Seit dem 26. September läuft am Landgericht Leipzig der Prozess. Ralf N. hat ausgesagt, die treibende Kraft hinter den Drogengeschäften gewesen zu sein. Eine Darstellung, die dem Vorsitzenden Richter Andreas Stadler plausibel erscheint. Die Söhne gelten demnach als Helfer und nicht als Mittäter. Woran das Gericht jedoch zweifelt, sind die Aussagen der Angeklagten, wonach sie nur einmalig Drogengeschäfte abgewickelt hätten. Der Zoll hat Telefongespräche abgehört, die Ralf N., Andreas und Uwe N. untereinander aber auch mit potentiellen Abnehmern über einen längeren Zeitraum geführt haben. Es abdelt sich im 169 Mitschnitte. Offenbar unterhielten sich die Angeklagten in Codes, sprachen von Pflastersteinen, die geliefert werden müssten, oder Fleisch. Aus Sicht der Kammer lässt sich jedoch kein Bandenmäßiger Drogenhandel belegen. Dass die drei Männer wie in der Anklageschrift beschrieben, Waffen benutzten, hält Andreas Stadler für nicht nachvollziehbar.
Auch der Vorwurf, die drei Männer hätten Cannabis angebaut, wird im Verfahren keine weitere Rolle spielen. Zwar fanden Ermittler auf dem Grundstück von Ralf N. eine Plantage mit 2600 Pflanzen, er behauptet jedoch die Halle vermietet zu haben. Es gibt keine Spuren, die zu dem 67-Jährigen führen. Auch bei den Telefongesprächen gibt es offenbar keine Hinweise, dass man sich ausgetauscht hätte, etwa über das Wachstum. Außerdem handelt es sich um junge Pflanzen, der THC-Wert ist vergleichsweise niedrig.
3. Welches Strafmaß ist zu erwarten?
Bei Ralf N. wären bei einer Verurteilung fünf bis elf Jahre und bei Andreas N. dreieinhalb Jahre Haft möglich. Uwe N., der bereits wegen des Besitzes von 1,8 Kilo Crystal Meth im Gefängnis saß, drohen viereinhalb Jahre Gefängnis. Das war zumindest der Stand Mitte Oktober. Mittlerweile geht der Vorsitzende Richter, Andreas Stadler, aber von einfachem Handel mit Betäubungsmittel in nicht geringer Menge aus. Er sieht außerdem „gravierende Mängel“ im Ermittlungsverfahren. Vor Gericht war deutlich geworden, dass Ermittler etwa bei einem Durchsuchungsbeschluss und der vorläufigen Festnahme der drei Männer geschludert hatten.
Ralf N. drohen nun bis zu vier Jahre und vier Monate Haft. Seinen beiden Söhnen drei Jahre und drei Monate. Uwe N. habe zwar eine Vorstrafe, sei aber bei den Durchsuchungen „besonders entwürdigend“ behandelt worden, so Stadler.
4. Warum beschäftigt sich die Landespolitik mit dem Fall?
Innenpolitiker und Experten sind überzeugt, dass man es in Colditz mit einer verfestigten Struktur von rechtsextremer Kriminalität zu tun hat. Ähnliche Verbindungen gab es auch schon anderswo, etwa in Thüringen. Dort endete gerade der Prozess gegen die „Turonen“ mit hohen Haftstrafen. In Colditz stellt sich die Frage, warum die Männer der Familie N. nicht schon früher aus dem Verkehr gezogen werden konnten – 424 Anzeigen lagen bis zu ihrer Verhaftung vor, darunter sind Verstöße wegen des Fahrens ohne Führerschein – aber auch ein Fall schwerer Körperverletzung für den es nur eine Bewährungsstrafe gab. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern Bedrohungen und Einschüchterungsversuche gegenüber Polizei und Stadtverwaltung erfolgreich waren. All das war und ist Thema im Innenausschuss des sächsischen Landtags.
5. Wie bewerten die Sicherheitsbehörden den Fall?
Das Innenministerium äußert sich zurückhaltend. Man möchte einer Entscheidung des Gerichts nicht vorgreifen. Die LVZ hat Innenminister Armin Schuster (CDU) explizit gefragt, welches Signal er an jene Colditzer senden möchte, die sich jahrelang vom Staat alleingelassen gefühlt haben. In seiner Antwort weicht er aus, verweist auf die Zahl der Anzeigen und die damit verbundene Ermittlungsarbeit der Polizei. Den Beamten ein „Wegsehen und Untätigkeit zu unterstellen, halte ich nicht für gerechtfertigt“, so Schuster. Leipzigs Polizeipräsident René Demmler spricht dagegen offen über ein „offensichtlich beschädigtes Vertrauen der regionalen Bevölkerung in verantwortliche Institutionen“. Dieses wiederherzustellen, sei für ihn und die Beamten vor Ort „Chefsache“.
6. Was sind die Auswirkung auf die Stimmung in Colditz?
Ralf N. und seine Söhne sind aus dem Stadtbild verschwunden, dennoch trauen sich Betroffene der Gewalt nicht offen über ihre Erfahrungen zu sprechen, auch weil die Unterstützer der Familie N. noch in der Stadt wohnen.
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Der parteilose Bürgermeister Robert Zillmann verweist auf viele positive Entwicklungen in der Stadt, etwa im Bereich der Kinder – und Jugendbeteiligung. Seit diesem Jahr gibt es das „Go-Team“, ein Projekt bei dem Kinder- und Jugendliche Müll sammeln, sich aber auch mit der NS-Vergangenheit der Stadt auseinandersetzen. Doch am 18. Mai gab es einen Angriff auf Engagierte und Betreuer, der in seiner Brutalität an die Vergangenheit erinnert. Mitte November waren mehrere Steine des Colditzer Bürgerzentrum eingeschlagen, wenige Tage vor einem Punk-Konzert.
7. Wie lauten Urteil und Strafmaß?
Seit dem 24. November steht das rechtskräftige Urteil fest: Der Angeklagte Ralf N. wurde zu vier Jahren Haft wegen gemeinschaftlichen Handels mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge verurteilt. Für Andreas und Uwe N. lauten die Strafen jeweils drei Jahre. Mit Fehlern im Verfahren begründete Richter Andreas Stadler das hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft zurückbleibende Urteil. Da keine Fluchtgefahr bestehe, sei der Haftbefehl nun aufgehoben.
LVZ












