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Museumsbetrieb

Das Museum mit Biss: Dentale Geschichte in Zschadraß

Museumsleiter Andreas Haesler vor witzig gestalteten Zahnarztfiguren.

Museumsleiter Andreas Haesler vor witzig gestalteten Zahnarztfiguren.

Zschadraß.Der Initiator des Zschadraßer Wissenschaftszentrums für Zahnheilkunde fühlt sich innerlich zerrissen: „Das ist, als gibst du Vollgas, stehst aber zugleich auf der Bremse.“ So besitzt Andreas Haesler zwar die nach eigenen Angaben weltgrößte zahnmedizinische Sammlung, nur nehme das in der Region kaum einer zur Kenntnis. Lange galt Utrecht in den Niederlanden mit 80 000 Positionen als die internationale Nummer 1 unter den Dentalmuseen. Zschadraß dagegen könne inzwischen über eine halbe Million Exponate vorweisen. Das seien sechseinhalb mal mehr. Tendenz stark steigend. Während anderswo im Schnitt etwa fünf Prozent des Wissens rund um den Zahn lagerten, seien es allein in Zschadraß 80 Prozent. „Hier gibt es unendlich viel Potenzial. Um es auszuschöpfen, bräuchte ich acht Leben, leider.“

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Optimismus klingt anders. Und doch hat Haesler die Hoffnung noch nicht aufgegeben. An dem Ort, wo der sächsische Staat vor 150 Jahren eine damals revolutionäre landwirtschaftliche Kolonie für unheilbar Geisteskranke aus dem Boden stampfte, träumt der Museumsleiter von einer Künstlerkolonie mit wissenschaftlichem Hintergrund. Er weiß, dass dies wie einst nur mit positiv Verrückten funktioniere. Derzeit fühle sich der gelernte Zahntechniker jedoch wie der Rufer in der Wüste, als Prophet im eigenen Lande, der kaum was zählt. Umso größer die überregionale, ja internationale Wertschätzung: Der japanische Kieferorthopäde Ritsuki Ito fiel vor Ehrfurcht gleich mehrfach auf die Knie: In Japan schwärzten sich unverheiratete Frauen lange Zeit die Zähne. Als Professor Ito in der Ausstellung die uralte originale Schatulle mit den traditionellen Utensilien zum Färben der Zähne entdeckte, glaubte er seinen Augen nicht. Der russische Kollege Konstantin Paschkow, der in Moskau ein Zahnmuseum betreut, machte dem Zschadraßer Haus mehr als nur eine Liebeserklärung, wollte es auf der Stelle heiraten. Er habe alle großen medizinhistorischen Museen in Europa gesehen, keines habe ihn nur annähernd so berührt wie das in Zschadraß. Und so bat er um das Ja-Wort, als er fragte, ob er die Ausstellung nicht dauerhaft nach Moskau holen könne.

Exponate aus 850 privaten Sammlungen

So weit sei er noch nicht, sagt Haesler trotzig. Zu viel Herzblut stecke in den vier einstigen Klinik-Villen in Klinkerbauweise, die sein Verein vor gut zehn Jahren erwerben konnte. In Deutschland und darüber hinaus warb er Spenden ein, um Klubhaus, Apotheke, Patientenhaus und Kindergarten zu kaufen. „Quadriga Dentaria“, nennt er den Komplex aus Museum, Bibliothek, Technikum und Gästehaus, gerne oder auch „Arche Dentaria“. Während im Internet-Zeitalter eher auf Software denn Hardware gesetzt werde, könne man seinen Stücken im Museum noch ganz oldschool auf den Zahn fühlen. Den 100-Tonnen-Schatz bereichern Exponate aus 850 privaten Sammlungen, zwölf Universitäts- und zehn Firmenarchiven, acht Museen und über 190 Bibliotheken. Der Rundgang durchs Museum dauert mitunter stundenlang, dabei ist dort nur ein Prozent der Sammlung zu sehen: an Folterapparate erinnernde Handbohrer, martialische Zahnhebel und Goldplombierhämmer.

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Wiederbelebung im Januar 1991

Andreas Haesler wurde in Weimar geboren. Dort ist er auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. „Weimaraner“ sei er trotzdem nicht, so werde eine Hunderasse bezeichnet. Er sei von Haus aus Weimarer. Nach Abschluss der Lehre arbeitete er als Zahntechniker. Zusammen mit seiner Karin erkämpfte er 1987 die Ausreise in den Westen. Er besitze noch immer die Urkunde „Ausbürgerung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“. Er wohnte in der Nähe von Hannover und war im angestammten Beruf tätig. Nach der Wiedervereinigung meldete sich der Grimmaer Zahntechnikermeister Horst Schlegel bei seinem Chef. Um die Schließung des dortigen zahntechnischen Labors zu verhindern, suchte Schlegel einen Nachfolger. „Ab 1. Januar 1991 führten wir dieses sehr gut ausgestattete Dentallabor unter dem Ehrennamen Schlegel privat weiter“, sagt Andreas Haesler. Er übersiedelte auch privat ins Muldental. Nichts warf er auf den Müllhaufen der Geschichte. Das sprach sich herum. Ob Horst Schlegel, Manfred Zimmermann oder Horst Brasch – bei ihm war der Nachlass von regional bekannten Zahnärzten und Zahntechnikern in guten Händen.

Der Platz wurde immer knapper

Im Millenniumsjahr wuchs ihm die Sammelleidenschaft über den Kopf. Es fehlte schlicht an Platz. Zunächst kamen die Exponate im Schloss Colditz unter, ehe 2007 der Kaufvertrag für die vier Häuser in Zschadraß besiegelt wurde. Seitdem sind dort die in aller Welt zusammengetragenen Exponate „mit dem gewissen Biss“ zu bewundern: Die 2500 Jahre alte tönerne Figur, die sichtlich an Zahnweh leidet – eine Grabbeigabe aus Kolumbien. Die älteste bildliche Darstellung der Heiligen Apollonia, Schutzpatronin der Zahnärzte – ein Holzschnitt von 1485. Das älteste Dentallabor der Welt um 1873 – jenes der Firma Degussa aus Frankfurt/Main. Prunkstück der Schau: Die nach Angaben des Sammlers älteste Zahnarztpraxis unter der Sonne – das in mehr als 3500 Arbeitsstunden nachgebaute Behandlungszimmer von Philipp Pfaff, seines Zeichens Hofarzt von Friedrich dem Großen.

Allein 8000 Euro Nebenkasten muss das Museum stemmen

Unterdessen nagt der Zahn der Zeit am Gemäuer. Hier und da stehen Schüsseln, um das eindringende Regenwasser aufzufangen. Jährlich 8000 Euro an Nebenkosten muss der Verein allein für die untere Etage des Museums berappen. Bei 2000 Besuchern und gerade mal 2850 Euro Förderung pro Jahr ein ungleiches Verhältnis, findet der Hobby-Museumsleiter. Kürzlich schrieb er 1420 Bettelbriefe, um die Dächer zumindest notdürftig zu flicken. „Am Ende hatte ich noch nicht mal das Porto rein.“ Um wie viel ärmer wäre die Region, wenn es das Wissenschaftszentrum irgendwann nicht mehr gäbe, sinniert der Nimmermüde. Er spricht ganz leise, um seine freiwilligen Helfer wie Steffi Gaitzsch, Karin Haesler, Doreen Friese, Sophie Heller und Michael Schwan nicht zu entmutigen.

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Helge Schneider nutzte Exponate für einen Film

Einen warmen Geldregen bedeuten die inzwischen über 50 Filmprojekte. Für die Biografie von Marcel Reich-Ranicki, den Klassiker „Buddenbrooks“ oder Helge Schneiders „Im Wendekreis der Eidechse“ steuerte Sammler Haesler zahnärztliche Requisiten bei. Er saß in der Sat.1-Late Night Show von Oliver Pocher, in der ARD-Ratesendung „Sag die Wahrheit“ oder beim MDR-Ratgeber „Hauptsache gesund“. Und: Als verrückter Sammler war er bereits ein Fall für „Außenseiter Spitzenreiter“. Doch am Bekanntheitsgrad des Museums änderte dies nicht viel: „Wenn die Leute erst mal da sind, kommen sie aus dem Staunen nicht heraus“, bemerkt Andreas Haesler: „Dann fragen sie verwundert: Wieso weiß keiner, dass es euch gibt? Warum hat uns das bisher niemand gesagt?“

Pläne fürs Museum

Die Bundeszahnärztekammer tagt derzeit in Leipzig. Im Rahmen der Veranstaltung besuchen die Teilnehmer auch das Dentalmuseum in Zschadraß. Dem Vernehmen nach soll es dabei um die Zukunft der Proskauer-Witt-Sammlung gehen. Seit vielen Jahren ist die berühmte Berliner Sammlung nicht mehr zugänglich und lagert aktuell in Containern. Indes macht sich der Verein um Andreas Haesler nicht unbegründete Hoffnungen, diese Sammlung dauerhaft nach Zschadraß zu holen: „Wenn die älteste Sammlung zur größten Sammlung käme, wäre das für die Geschichte der Zahnheilkunde eine Art Vereinigung von Louvre und Eremitage.“

Ein positiver Bescheid würde die Strahlkraft des Standorts Zschadraß weiter erhöhen, hieß es. Erst kürzlich traf in Zschadraß ein erster Lkw voll mit Sammlungsstücken aus dem inzwischen geschlossenen „Zahnmuseum Wien“ ein. Eine bedeutende Bereicherung für das Dentalmuseum Zschadraß. Ein großes Dankeschön geht in diesem Zusammenhang an den befreundeten Franz Reisinger und seine Mitstreiter des Museums in Linz, die die Exponate selber nicht unterbringen konnten, sich jedoch bemühten, wichtige Teile der Sammlung zu retten. Die Geschichte des „Zahnmuseums Wien“ geht auf Georg Carabelli zurück, der ab 1821 Vorlesungen an der Universität Wien über die „Zahnarzneykunde“ hielt.

Das Dentalmuseum in Zschadraß ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt vier Euro pro Person, Kinder zahlen drei Euro. Eine Führung kostet pro Person fünf Euro. Das Museum befindet sich unweit der drei Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz. Zschadraß ist ein Ortsteil der Stadt Colditz. Im Winter macht das Museum aus Energiespargründen von Dezember bis Januar eine Pause. Unter den Telefonnummern 0174/3261161 oder 034381/189506 können sich Interessierte auch außerhalb der Öffnungszeiten für eine Führung anmelden. Zu erreichen ist das Museum auch im Internet unter www.dentalmuseum.eu. Die Mail-Adresse lautet: dentalmuseum@gmx.de

Von Haig Latchinian

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