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Mondlandung

Krater auf dem Mond trägt Namen eines Muldentalers

Volker Anders (78) beobachtet noch heute Sonne, Mond und Sterne.

Volker Anders (78) beobachtet noch heute Sonne, Mond und Sterne.

Grimma.Er war noch ein Typ Lehrer, der nicht auf die Uhr schaute. Der nach den Sternen griff. Und sich wie ein Kind freute, wenn er am Abendhimmel jenes farbige Flackern sah, das er wenig später als Polarlicht identifizierte. Auf dem Sportplatz versammelte Volker Anders seine Schüler beinahe zu nachtschlafender Zeit, um mit ihnen abwechselnd durchs Fernrohr zu schauen. Mit bloßem Auge entdeckten sie den Mann im Mond – und es war kein Amerikaner.

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Astronomie in der zehnten Klasse ein Pflichtfach

1959, zwei Jahre nach Beginn der Sputnik-Mission, führte die DDR das Unterrichtsfach Astronomie ein. In den zehnten Klassen drehte sich fortan einmal die Woche alles um Sonne, Mond und Sterne. Seltener als Sternschnuppen waren die Astro-Lehrer. Auch in Hohnstädt. Als an der Bruno-Lau-Oberschule ein Kollege wechselte, nutzte Volker Anders die Gunst der Stunde. Der Physiklehrer entschloss sich zu einem dreijährigen Fernstudium in Jena.

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Der Mond – wie hier im Muldental bei der Getreideernte – schickt nachts sein Licht auf die Erde.

Der Mond – wie hier im Muldental bei der Getreideernte – schickt nachts sein Licht auf die Erde.

Fortan unterrichtete er auch Astronomie. Als Mitglied der Astronomischen Gesellschaft und der Jugendarbeitsgruppe Kosmos ließ ihn die Raumfahrt nicht mehr los. Er las und las und las. Mit pochendem Herzen hörte er Vorträge über Lunik und Lunochod. Lunik, so hieß die sowjetische Sonde, die im Oktober 1959 erste Fotos von der Mondrückseite schoss. Lunochod war der Name der ferngesteuerten Fahrzeuge, mit denen die UdSSR den Mond erforschte.

Großbothener ist fasziniert vom Mond

Der Mond hatte es Volker Anders angetan, spätestens als darauf Neil Armstrong seine ersten Schritte vollführte. „Der Mond ist unser nächster Himmelskörper – von der Erde ist er nur schlappe 384.400 Kilometer entfernt“, sagt der ehemalige Lehrer mit Augenzwinkern. Der Mond benötige einen Monat, um die Erde zu umrunden, genauso lange, wie er brauche, um sich um die eigene Achse zu drehen. Daher zeige uns der Mann im Mond immer sein Gesicht.

Der Ostwald-Krater auf dem Mond..

Der Ostwald-Krater auf dem Mond..

Dabei sei der „Hinterkopf“ mindestens genauso spannend, sagt Volker Anders. Vor allem, weil die Internationale Astronomische Union (IAU) 1970 einen mittelgroßen Krater auf der Mondrückseite nach jenem Wissenschaftler benannte, der einst nur einen Steinwurf von Hohnstädt entfernt forschte – in Großbothen bei Grimma. Die Rede ist von Chemiker Wilhelm Ostwald, der 1909 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

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Als Zwölftklässler hatte Volker Anders bei einem Praktikum die von ihm hoch verehrte Margarete Brauer kennen gelernt. Der Zufall entpuppte sich als Volltreffer: „Sie war die Verantwortliche des Röntgenlabors unseres Ausbildungsbetriebes. Als angehender Lehrerstudent konnte ich viel von ihr lernen.“ Irgendwann habe ihm Frau Brauer eröffnet, dass sie die Enkelin von keinem geringeren als Wilhelm Ostwald sei.

Enkelin von Ostwald wird von Namensgebung für Mondkrater überrascht

Gretel Bauer ist die Enkelin von Friedrich Wilhelm Ostwald. Bis an ihr Lebensende hat sie sich für die Wahrung des großväterlichen Andenkens eingesetzt.

Gretel Bauer ist die Enkelin von Friedrich Wilhelm Ostwald. Bis an ihr Lebensende hat sie sich für die Wahrung des großväterlichen Andenkens eingesetzt.

Umso mehr überraschte der Absolvent eines Tages seine Mentorin mit der Nachricht, ein Mondkrater sei nach ihrem Großvater benannt. Die Neuigkeit schlug ein wie der Asteroid. „Gretel wusste das zu dem Zeitpunkt noch nicht und war natürlich sehr erfreut“, erinnert sich Anders. Er ist Gretel Brauer dankbar. Bis zu ihrem Lebensende habe sie sich für die Wahrung des großväterlichen Andenkens stark gemacht.

„Ich war mit meiner Frau Karin bei einer der vielen Führungen von Gretel Brauer im Haus Energie. Sie erzählte immer so anschaulich. Sie verriet, dass sie gern Wolle im Nähkästchen in Grimma kaufe. Wir lachten, und sie wunderte sich. Als ich sagte, dass meine Frau die Tochter der Verkäuferin Margarete Oettmeier sei, gab es natürlich ein tüchtiges Hallo“, erinnert sich Volker Anders mit Träne im Knopfloch.

Wilhelm Ostwald

Der in Riga geborene Wilhelm Ostwald (1853-1932) gehört zu den Wegbereitern des wissenschaftlich-technischen Fortschritts der Neuzeit. Der deutsch-baltische Gelehrte gilt als einer der Begründer der Physikalischen Chemie. 1909 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für seine bahnbrechenden Forschungen zu Katalyse, Gleichgewichtsverhältnissen und Reaktionsgeschwindigkeiten.

1887 wurde er auf den Lehrstuhl für Physikalische Chemie an der Universität Leipzig berufen. 1898 konnte er sein neues Physikalisch-Chemisches Institut einweihen.

Der Wissenschaftler erlangte Weltgeltung. Mehrere Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Er bekam verschiedene Hofratstitel sowie Orden und wurde in rund 30 Akademien sowie wissenschaftliche Gesellschaften berufen. 1905 erhielt er als erster deutscher Gelehrter eine Austausch-Professur in die USA. Nach seiner Rückkehr und vorzeitigen Emeritierung 1906 zog er sich auf sein Anwesen in Großbothen bei Grimma zurück.

Ostwald veröffentlichte eine Vielzahl von Schriften. Unter anderem das erste Lehrbuch der Physikalischen Chemie, die „Annalen der Naturphilosophie“ sowie die „Annalen der Natur- und Kulturphilosophie“. Er gehörte zu den Vätern der Elektrochemischen Gesellschaft sowie der Internationalen Assoziation der Chemischen Gesellschaften und brachte 1917 den bekannten „Ostwaldschen Farbenatlas“ heraus.

Seit dem 1. Januar 2009 ist die gemeinnützige Gerda und Klaus Tschira-Stiftung Eigentümerin des Großbothener Wilhelm-Ostwald-Parks, in dem die Familie Ostwald wohnte. Auf dem Grundstück befindet sich das Haus „Energie“, in dem Museum, Archiv und Depot untergebracht sind. In den Häusern „Glückauf“ und „Werk“ wird eine moderne Tagungsstätte betrieben.

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr, außer donnerstags.

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Volker Anders unterrichtete noch bis nach der Wende. Ab dem Schuljahr 2007 wurde die Astronomie als eigenständiges Fach an Sachsens Schulen gestrichen. Im Vorfeld hatten Eltern, Lehrer und Schüler fast 23 000 Protest-Unterschriften im Dresdener Landtag übergeben. Alle bekundeten Unverständnis über das Aus der Sternstunden. Auch Volker Anders, der zu diesem Zeitpunkt schon Rentner war, reagierte enttäuscht.

Sternwarten in Hartha, Eilenburg und Wurzen

Als er noch aktiver Lehrer war, besuchte er jede Menge Sternwarten der Region – in Hartha, Eilenburg und Wurzen. Kontakte gab es auch bis nach Berlin-Treptow. Der Hohnstädter Lehrer stand im direkten Austausch mit Professor Diedrich Wattenberg, dem Direktor der dortigen Archenhold-Sternwarte. Im Bezirk gab es einmal im Monat Anleitungen extra für die Astronomie-Lehrer.

Ostwald-Krater

Ostwald ist ein Einschlagkrater mit über 100 Kilometern Durchmesser. Er befindet sich etwa 300 Kilometer nördlich des Äquators auf der Mondrückseite etwas mehr als 1000 Kilometer östlich des am äußersten östlichen Rand der Mondvorderseite liegenden Mondkraters Neper. Westlich von ihm befindet sich der Krater Guyot und unmittelbar südlich Ibn Firnas. Nahe seinem östlichen Kraterrand liegt markant der mit 20 Kilometer Durchmesser fünf Mal kleinere Krater Recht. Die Kraterform ist nahezu kreisrund mit unregelmäßigem Rand und leicht südlich versetztem und wenig ausgeprägtem Zentralberg. Der Kraterboden ist relativ eben mit Spuren von Rutschungen und ist von einer Vielzahl kleinerer Einschlagskrater überzogen. Eine kurze Kraterkette bildet eine Spalte im westlichen Innenbereich. Im Süden und nordöstlich des Mittelpunkts gibt es einige niedrige Kämme. Vor seiner Benennung nach dem deutsch-baltischen Chemiker, Philosophen und Nobelpreisträger für Chemie (1909) Wilhelm Ostwald durch die IAU im Jahre 1970 war er unter der Bezeichnung Crater 212 bekannt. Quelle: Wikipedia

Im Zeiss-Großplanetarium erlebte er zahlreiche interessante Veranstaltungen. Unvergesslich wird ihm jener Vortrag bleiben, als er neben Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller saß. Allein das sei bereits erwähnenswert. Doch damit nicht genug. Auf einmal ging die Tür auf und Sigmund Jähn kam herein. Als er auch noch direkt vor dem Lehrer Platz nahm, dachte dieser: „Mensch, den musst du ansprechen.“ Er wagte es und ist noch heute stolz darauf.

Unvergessliche Begegnung mit Sigmund Jähn

Der erste Deutsche im All sei bodenständig geblieben, schwärmt Volker Anders von der Begegnung: „Obwohl sich ein angesehener Wissenschaftler in unsere Unterhaltung mischte, ließ sich Sigmund Jähn nicht ablenken, sondern widmete mir weiter seine ganze Aufmerksamkeit, ausgerechnet mir kleinem Lehrer. Das machte damals Eindruck auf mich und zeigte, dass Sigmund Jähn nie vergessen hatte, wo er her kam.“

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Gerade am 50. Jahrestag der Mondlandung beschäftigen den einstigen Lehrer vor allem Fragen: „Wie sind die Mondkrater entstanden? Vulkanausbruch? Oder doch eher Meteoriten-Einschlag?“ Unklar bis heute auch, wie der Mond zum Mond wurde. Anders: „Es gab wohl einen Zusammenstoß der Proto-Erde mit einem etwa marsgroßen Körper, Theia genannt. Ein großer Teil der abgeschlagenen Materie könnte sich daraufhin zum Mond geballt haben.“

Von Haig Latchinian

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