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Rechte Verschwörungstheorien bezweifeln Chemnitzer Terrorzelle

Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz. (Archivfoto)

Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz. (Archivfoto)

Leipzig. Kaum hatte die Bundesanwaltschaft am Montag die Festnahmen von sechs mutmaßlich rechtsextremen Terroristen in Sachsen bekannt gegeben, mehrten sich in sozialen Netzwerken schon Zweifler. Weder der rechtsradikale Hintergrund der Täter noch die Bedrohung wurden dort als glaubwürdig erachtet. Ganz im Gegenteil, vielfach wurde der Vorwurf laut, dies sei eine Inszenierung der „Systemmedien“.

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Auf dem Facebook-Portal von LVZ.de antworteten Leser auf die Nachricht beispielsweise mit „kann ich nur lachen“, „glaube kein Wort mehr“, oder „das erinnert an die letzten Monate der DDR-Zeit, wo alles, aber auch alles mobilisiert wurde, um den Widerstand niederzuknüppeln “. In einem am Montag im Netz geleakten Video behauptet ein Mann sogar: „Sie haben keine Mittel mehr uns zu schlagen, deshalb erfinden sie den rechten Terror in Chemnitz“.

Nach Bekanntwerden der Verhaftung von Rechtsterroristen in Chemnitz zogen viele Kommentatoren die Nachricht in Zweifel.

Nach Bekanntwerden der Verhaftung von Rechtsterroristen in Chemnitz zogen viele Kommentatoren die Nachricht in Zweifel.

Für Karolin Schwarz sind das bewusste Ignorieren von Fakten und das Verbreiten von Verschwörungstheorien schon lange keine Überraschung mehr. Als Gründerin der "Hoaxmap" - einer Sammlung entlarvter Falschmeldungen – sowie als anerkannte Faktencheckerin für verschiedene Medien beschäftigt sich die Journalistin seit Jahren mit dem Phänomen. "Solche Inhalte werden in sozialen Medien immer häufiger verbreitet. Letztendlich geht es darum, Misstrauen gegenüber der Presse, Justiz und den Institutionen zu schüren", sagte Schwarz gegenüber der Leipziger Volkszeitung.

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Ähnlich sieht das auch Alexander Sängerlaub, der sich für die Stiftung Neue Verantwortung mit gezielten Desinformationen im Netz beschäftigt. Dabei lasse sich auch klar erkennen, warum es solch gezieltes Bezweifeln von Fakten überhaupt gibt: "Wir beobachten, dass die meisten Desinformationen in Deutschland vor allem aus der rechtspopulistischen Ecke kommen. Diese nutzt aus, dass es bei einem Teil der Bevölkerung ein geringes Vertrauen in etablierte Medien gibt."

AfD will Misstrauen gegen Medien schüren

Oftmals unter den Initiatoren von Fake News zu finden: Mitglieder und Unterstützer der AfD. „Die AfD benutzt häufig Mittel der Desinformation, um das Misstrauen gegen die bekannten Medien immer weiter zu schüren, Stichwort: ’Lügenpresse’. Als Konsequenz suchen sich viele Menschen dann alternative Medienformen. Das Problem daran ist aber: Dort werden sie nicht besser informiert“, sagt Sängerlaub, der unter anderem auch den Einfluss von Fake News auf die vergangene Bundestagswahl untersucht hat.

Wie auch am Montag zu erkennen, spielt der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Zweifel oder Fake News eine Rolle: „In der Regel werden solche Beiträge recht schnell in sozialen Medien oder auf Messengern verbreitet – wie in diesem Fall direkt nach Veröffentlichung der ersten Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft. Bevor die Ermittlungen weitere Erkenntnisse zu Tage befördern können, legt die Verschwörungsmaschinerie los“, erklärt Faktenexpertin Schwarz.

Häufig zu finden in diesen Theorien sind angebliche „False Flag“-Operationen politischer Gegner – so wie bei den Hitlergrüßen in Chemnitz, die angeblich von Linken oder Journalisten gemacht wurden. „Im Internet erreichen solche Verschwörungstheorien spätestens seit den Anschlägen des 11. September 2001 in New York ein Millionenpublikum. Abgesehen davon existieren sie seit Jahrhunderten, inzwischen werden sie nur auf unsere Zeit angepasst.“

Was nicht ins Weltbild passt ist Lügenpresse

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Dass nicht nur Fake News produziert, sondern auch echte Fakten angezweifelt werden, hat nach Ansicht von Alexander Sängerlaub mit dem Weltbild vieler Rechtspopulisten und ihrem geringen Vertrauen in demokratische Strukturen zu tun. „Was dort nicht hineinpasst, kann aus ihrer Sicht nur Lügenpresse sein und nicht stimmen.“ Grundsätzlich sei solch eine Abwehrhaltung gegenüber Dingen außerhalb der eigenen Denkweise nicht ungewöhnlich, das treffe auch auf andere Personengruppen zu. Am rechten Rand sei allerdings vor allem die Allianz aus geringem Medienvertrauen und der Zuwendung zu alternativen Medien, beispielsweise über soziale Netzwerke, problematisch.

Ob Falschinformationen und Zweifel an echten Fakten tendenziell zunehmen? Schwer einzuschätzen, sagt Sängerlaub: „Fake News gab es schon immer. Durch den Medienwandel ins Digitale kann aber jeder heute Teil öffentlicher Debatten sein. Das schafft natürlich auch zusätzliche Räume für Fake News. Der Rechtspopulismus hat bei der Themensetzung in der Öffentlichkeit derzeit sicher das Oberwasser, gleichzeitig zeigen uns aber Studien, dass der Rechtsextremismus in der Gesellschaft zurückgeht.“

Karolin Schwarz nimmt bei der Eindämmung irreführender Fake News vor allem Medien Institutionen in die Pflicht. Entscheidend sei, wie schnell diese darauf reagieren und tatsächliche Fakten liefern: „ Nach zwei Tagen lässt sich in der Regel kaum eine Falschmeldung mehr einfangen.“

Von Matthias Puppe

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