Überfall auf Afrikanerin

19-jährige Eritreerin: „Ich habe Angst und möchte weg aus Wurzen“

Lwam Estifanos (19 Jahre) in ihrer Wohnung - ist im achten Monat schwanger und soll in Wurzen von zwei maskierten Männern angegriffen und rassistisch beleidigt worden sein. fsw - Frank Schmidt - MTL - BOG gepixelt für Online

Lwam Estifanos (19 Jahre) in ihrer Wohnung - ist im achten Monat schwanger und soll in Wurzen von zwei maskierten Männern angegriffen und rassistisch beleidigt worden sein. fsw - Frank Schmidt - MTL - BOG gepixelt für Online

Wurzen. Im Gesicht der 19-jährigen Estifanos L. sind Spuren des Überfalls sichtbar. Die hochschwangere Frau legt schützend die Hände um ihren Bauch. Sie wirkt verunsichert. "Ich möchte aus Wurzen wegziehen. Ich fühle mich hier nicht mehr sicher. Ich habe Angst, wenn es dunkel wird. Ich habe viel Angst." Am 23. Februar wurde die Eritreerin von einer Gruppe maskierter Männer in Wurzen überfallen, geschlagen und verhöhnt. Die dunkelhäutige Frau hat den stumpfen Hass einer vermummten Bande am eigenen Leib erfahren: "Wir wollen hier keine Ausländerbabys haben sie gerufen. Mich getreten und geschubst." Die Polizei informiert knapp eine Woche später zu dem Überfall und sucht Zeugen. Ein rassistischer Hintergrund der Tat wurde da noch nicht angenommen.

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Estifanos L. berichtet von zwei Männern, die dunkel gekleidet und maskiert vor dem Mietshaus in der Nähe des Stadtparkes standen. Als L. auf die Straße trat, hätten die Unbekannten sie angesprochen. Sie hätten sie auf ihre erkennbare Schwangerschaft angesprochen und beschimpft, sie solle ihr Kind in ihrem eigenen Land auf die Welt bringen, man wolle in Deutschland keine Ausländerbabys, berichtet die Afrikanerin in gebrochenem Deutsch. Seit anderthalb Jahren ist sie mit dem Vater des ungeborenen Kindes, Flimon B. (18), in Deutschland. Seit sechs Monaten leben sie in der gepflegten kleinen Wohnung in Wurzen. Es seien Deutsche gewesen. „Sie haben gesagt, sie sind Deutsche“, erklärt die Frau – erkannt habe sie niemand. Sie habe nichts auf die Beleidigungen erwidert. Dafür bekam sie Tritte und Schläge. Sie habe noch heute Schmerzen, „aber dem Kind geht es gut“. Sie sei von der Polizei am Abend des Überfalls in ein Krankenhaus gebracht worden.

OBM Röglin fordert rasche Aufklärung der Ermittlungsbehörden

Vor einer Woche geschah also, was nach vorherigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern in Wurzen viele prophezeit hatten: Es würde wieder etwas passieren. Die Tat verurteilt Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) auf das Schärfste: "Ich habe Verständnis dafür, wenn mancher mit der großen Flüchtlingspolitik hadert und deswegen Probleme benennt. Aber einer schwangeren Frau aufzulauern, sie zu schlagen und zu beleidigen, ist unmenschlich und absolut abscheulich." Röglin fordert eine rasche Aufklärung durch Polizei und Staatsanwaltschaft, um die Faktenlage zu klären und Handlungsansätze zu finden.

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Der Zeugenaufruf der Polizeidirektion Leipzig vom 28

Der Zeugenaufruf der Polizeidirektion Leipzig vom 28. Februar.

Bereits seit vergangenem Freitag ermittele die Polizei, um die Täter des jüngsten Übergriffes auf die schwangere Frau zu finden. Das bestätigte am Donnerstag Maria Braunsdorf, Sprecherin der Polizeidirektion Leipzig. Den Vorwurf, dass die Polizei erst mehrere Tage nach der Tat und damit viel zu spät informierte, weist Braunsdorf zurück. Da die Behörde an Wochenenden nicht berichte, sei eine Information unmittelbar nach dem Ereignis nicht möglich gewesen. „Wir wollten berücksichtigen, was die Ermittlungen ergeben“, so die Sprecherin. Obwohl die Pressestelle bereits am Montag Kenntnis hatte, sei der Zeugenaufruf in Absprache mit der Leipziger Staatsanwaltschaft dann am Mittwoch „zeitnah“ erfolgt.

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Unmittelbar vor dem jüngsten Überfall in Wurzen war Röglin zu einem Erfahrungsaustausch mit Vertretern der – ebenfalls durch rechtsextreme Angriffe in die Schlagzeilen geratenen – Stadt Bautzen gefahren. Mit der zweiten Beigeordneten des Landkreises, Ines Lüpfert, und Stadtsprecherin Cornelia Hanspach, reiste der 48-Jährige an die Spree zu seinem Amtskollegen Alexander Ahrens (SPD).

Mediale Aufmerksamkeit für Wurzen und Bautzen „belastend“

Die "Suche nach Lösungen" hatte Röglin zu dem Treffen in Bautzen motiviert – die Stadt in der Lausitz zeigt laut Hanspach "einige Parallelen auf". Demnach stellten beide Seiten im Laufe des Gespräches fest, dass "die mediale Aufmerksamkeit nach Vorfällen – ob nun in Wurzen oder Bautzen – ähnlich belastend für beide Städte" gewesen sei. Inklusive der Zuspitzungen im Nachgang durch Demonstrationen linker Gruppierungen. Letztlich führten sie nur zu einer "lähmenden Wirkung in der Bevölkerung", so Hanspach. Was aber stets in den öffentlichen Anklagen fehlte, waren Lösungsansätze. Auch die Gründe, wieso gerade Wurzen oder Bautzen immer wieder mit so viel Echo bedacht werden, glauben beide Seiten zu wissen. "Denn Vorfälle rassistischer Art wurden nie geleugnet."

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Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD)

Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD)

Der Besuch in Bautzen habe Röglin in seiner Meinung bestätigt, mehr für die Jugendarbeit zu tun und weiterhin Nulltoleranz gegenüber rassistischer Gewalt zu üben. „Übrigens interessiert sich Bautzen für das Wurzener Projekt eines Skateparks.“

Migrantentreffen werden fortgesetzt

Derzeit, so die Stadtsprecherin und Integrationsbeauftragte, seien in Wurzen und den Ortsteilen 180 Flüchtlinge und Asylbewerber dezentral untergebracht. Bereits im Januar organisierte das Stadthaus erstmals ein Migrantentreffen, an dem über 40 Personen teilnahmen. „Uns ging es hierbei, um das Kennenlernen untereinander sowie natürlich der vertrauensvolle Kontakt zur Verwaltung.“ Die Premiere klappte. „Unsere Gäste äußerten sich nicht nur kritisch, sondern ebenso selbstkritisch, was sehr bemerkenswert war.“

Anfang der Woche fand nun die zweite Veranstaltung statt – diesmal mit Vertretern der Polizei. Unter den Besuchern weilte auch das jüngste Opfer. Sie und alle anderen Teilnehmer wurde seitens der Stadt und der Polizei ermutigt, jeden Vorfall zur Anzeige zu bringen. Den nächsten Termin will Hanspach gleichsam unter ein Thema stellen und gezielt auf Vereine zugehen.

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Von Kai-Uwe Brandt, Birgit Schöppenthau, Frank Schmidt und Thomas Lieb

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