Enttäuschung über Kündigung

Der Traum von der Landarzt-Praxis: Iraker fühlt sich in Wurzen ausgebremst

Arzt Patient Stetoskop

Arzt Patient Stetoskop

Wurzen/Leipzig. Der Weg zu seinem Traumberuf – für Mohamed Baker Jafar ist es ein ausgesprochen langwieriger und steiniger. Einer mit ungeahnten Hürden. Der gebürtige Iraker, der seit 1996 in Deutschland lebt, möchte endlich Arzt sein. Anderen helfen. Letzter Abschnitt für den angehenden Allgemeinmediziner ist eine einjährige Facharzt-Ausbildung im Krankenhaus.

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Schock über Kündigung

In Wurzen fand sie Ende Februar nach vier Monaten ein plötzliches Ende – mit einer Kündigung. „Ich war sprachlos“, sagt der 49-Jährige, der damit nicht gerechnet hatte. Der schockiert war und sich seitdem fragt, was wohl geschehen sein mag. Warum er so behandelt wurde. Jafar war in der Notaufnahme der Wurzener Klinik tätig, es habe dort keine größeren Probleme gegeben. „Ich will Respekt“, sagt ein Mann, der sich hier zu Hause fühlt, der Steuern zahlt, der mit seiner Frau und den vier Söhnen in Leipzig lebt. Der angekommen ist.

Schlimmer Verdacht

Um sich gegen die Kündigung zu wehren, reichte er am Arbeitsgericht Leipzig Klage ein. Mittlerweile hat er diese auf Anraten seiner Anwältin wieder zurückgezogen. „Ich habe kein Vertrauen in die Justiz“, sagt er im Gespräch mit der LVZ. Und äußert einen schlimmen Verdacht: Dass die Kündigung wegen seiner Herkunft – also aus rassistischen Gründen – erfolgt sein könnte. Konkret wird er an diesem Punkt aber nicht. Die Muldentalkliniken weisen den Vorwurf auf Schärfste zurück und machen auf LVZ-Nachfrage “wirtschaftliche Zwänge“ geltend.

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Flüchtling mit vielen Problemen

Rückblende: Schon als junger Mann wollte Jafar Mediziner werden. Mit 18 Jahren habe er in der Heimat mit dem Studium begonnen, erzählt er. Doch er konnte es nicht beenden. Nach dem zweiten Golfkrieg brach er seine Ausbildung ab – aus Angst. Er verließ das Land, „ich hatte dort alles“ und kam nach Leipzig. Auf einmal war er Flüchtling. Ein Exot damals. Und er hatte eigenen Schilderungen zufolge plötzlich viele Probleme. Etwa mit der deutschen Sprache, es habe damals noch keine Sprachkurse gegeben wie sie jetzt üblich sind. Jafar lernte, schlug sich mit Jobs durch, arbeitete unter anderem als Verkäufer und Pizzabäcker. Doch die soziale Anerkennung fehlte ihm. 2003 bis 2006 absolvierte er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Einen Studienplatz für Medizin hatte er bis dahin nicht bekommen. Auch, weil ihm Dokumente über das bereits absolvierte Studium im Irak fehlten, sagt er. Es hat dann doch noch geklappt. Inzwischen ist Jafar Arzt in Weiterbildung im vierten Ausbildungsjahr, im Herbst 2018 wäre die Facharztprüfung. Dieser Termin wird nun aber wohl nicht zu schaffen sein.

Gutes Zeugnis der Klinik Wurzen

Am 1. November vorigen Jahres hatte er im Krankenhaus Wurzen angefangen. „Es lief gut“, sagt er. Und auch die Klinik bescheinigte ihm ein gutes Zeugnis für die vier Monate. „Seine Tätigkeit war jederzeit gekennzeichnet von Gewissenhaftigkeit und Vorsicht im medizinischen Handeln, Freundlichkeit gegenüber den Patienten sowie korrektem, offenem und fairem Umgang mit den anderen ärztlichen Kollegen“, heißt es in einem Schreiben vom 13. März. Unterzeichnet vom Chefarzt, dem Leitenden Oberarzt und der Leitenden Oberärztin. „Fachlich gab es keine Einwände“, erklärt Ingo Herrmann (51), Personalchef der Muldentalkliniken, auf Anfrage und betont: „Es tut mir leid für Herrn Jafar.“

Klinik spricht von wirtschaftlichen Zwängen

Für die Kündigung in der Probezeit habe es „betriebsbedingte Gründe“ gegeben. Herrmann argumentiert „mit dem Wirtschaftlichkeitsgebot für die Klinik, wir mussten handeln.“ Es sei bedauerlich, aber es gibt manchmal Zwänge“, sagt der Personalchef. Auch andere Mitarbeiter seien relativ kurzfristig davon betroffen gewesen. Weitere Details dazu wolle er öffentlich nicht erläutern.

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Den Vorwurf des Rassismus weist die Klinik jedoch entschieden zurück. „Die Ärzte- und Pflegschaft in den Muldentalkliniken ist so ’bunt’, dass hier andersgeartete Vorwürfe schwer nachvollziehbar sind“, sagt Brigitte Kaltwasser, zuständig für Kommunikation im Unternehmen. Und auch Ingo Herrmann ergänzt, dass eine Vielzahl von Nationalitäten am Standort arbeite. Auch in Fach- und Führungspositionen gibt es Ärzte mit Migrationshintergrund, sie fühlten sich heimisch. Etwa aus Äthiopien, Nicaragua und der Türkei. Herrmann erklärt, dass es einen Dolmetscher-Pool gebe, der bei dieser „gelebten Praxis“ helfe.

Mit solchen Vorwürfen, wie sie Jafar erhebt, sehe sich die Klinik, einer der größten Arbeitgeber im Muldental, in den Krankenhäusern in Wurzen und Grimma sind rund 600 Mitarbeiter beschäftigt, erstmals konfrontiert, erklärt Herrmann und gesteht: „Ich bin erschrocken darüber.“

Neue Stelle in Chemnitz

Jafar allerdings hält an seinem Verdacht fest und berichtet von einem Kollegen mit arabischen Wurzeln, der ebenfalls nicht mehr da sei. In seinem Fall seien „die sprachlichen Defizite so hoch gewesen“, sagt der Personalchef, folglich die Kommunikation mit den Patienten und Ärzten zu schwierig.

Mohamed Jafar versucht das Kapitel Wurzen abzuschließen. Der „Arbeitsjunkie“, wie er sich selbst bezeichnet, macht zurzeit viele Bereitschaftsdienste in der Region. Mitte April wird er nach einem kurzen Urlaub in Syrien eine neue Stelle im Diakonissenhaus Chemnitz antreten. Und hofft, sich danach den Traum von der eigenen Praxis auf dem Land erfüllen zu können. Sein Antrag bei der Landesärztekammer auf Anerkennung der viermonatigen Arbeit in Wurzen läuft noch.

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Von Saskia Grätz

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