Vorab-Premiere im Cinestar

60 Jahre Mauerbau: LVZ-Leserin sieht in ARD-Film eine Geschichte, die sie selbst so erlebte

160 LVZ-Leserinnen und Leser haben am Dienstagabend im Cinestar eine Vorabpremiere des ARD-Films „Dreieinhalb Stunden“ gesehen, den das Erste kommenden Samstag ausstrahlt.

160 LVZ-Leserinnen und Leser haben am Dienstagabend im Cinestar eine Vorabpremiere des ARD-Films „Dreieinhalb Stunden“ gesehen, den das Erste kommenden Samstag ausstrahlt.

Leipzig. Es ist ein Dorf in Niedersachsen, in dem die zehnjährige Leipzigerin Angelika Pohler im August 1961 wie jedes Jahr ihre Ferien verbringt. Ihr Onkel ist dort Landwirt, Angelikas Vater hilft bei der Ernte. Ihre Schwester ist auch dabei. „Nur meine Mutter blieb allein in Leipzig.“

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60 Jahre später steht Angelika Pohler in einem Kino und erzählt ihre Geschichte. Mittlerweile ist sie 70 und eine von 160 LVZ-Leserinnen und Lesern, die am Dienstagabend im Leipziger Cinestar die Vorab-Premiere eines Fernsehfilms über den Mauerbau am 13. August 1961 erlebt haben. Der Film, den das Erste kommenden Samstag zur Prime Time zeigen wird, erzählt von einer Zugfahrt von München nach Berlin.

Auf der Strecke, dreieinhalb Stunden vor dem Grenzübertritt in die DDR, hören die Reisenden im Radio vom Mauerbau. Schnell spricht sich in den Abteilen herum, dass sie in ein Land zurückfahren, das ihnen die Reise nach Westen danach fast unmöglich machen wird. Wer nutzt die vorerst letzte Gelegenheit, einfach hierzubleiben? In Nürnberg, Bamberg oder Ludwigsstadt auszusteigen? Es bleibt wenig Zeit für eine existenzielle Entscheidung.

LVZ-Reporter Josa Mania-Schlegel mit Produzentin Sybille Stellbrink, den Drehbuch-Autoren Robert Krause und Beate Fraunholz sowie den Schauspielern Hannah Schiller und Jan Krauter (von links) vor der Cinestar-Leinwand.

LVZ-Reporter Josa Mania-Schlegel mit Produzentin Sybille Stellbrink, den Drehbuch-Autoren Robert Krause und Beate Fraunholz sowie den Schauspielern Hannah Schiller und Jan Krauter (von links) vor der Cinestar-Leinwand.

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Sechs Tage für eine existenzielle Entscheidung

Nach der Filmvorführung fragt LVZ-Reporter Josa Mania-Schlegel fast ein bisschen verschämt, ob denn hier im Saal vor 60 Jahren vielleicht auch jemand in so einem Zug gesessen habe. „Oder kennen Sie jemanden, dem das passiert ist?“ Auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist: Besser einmal zu viel als einmal zu wenig gefragt. Da steht Angelika Pohler auf – und erzählt von ihrem Sommer 1961. „Wir saßen in so einem Zug“, sagt sie. „Allerdings erst am 19. August. Der Zug war abgesehen von uns leer. Gruselig.“

Für die Entscheidung, das Leben auf den Kopf zu stellen oder auch nicht, blieben ihnen immerhin nicht nur dreieinhalb Stunden, sondern sechs Tage. Eine aufreibende Zeit: „Der Bürgermeister, der Pfarrer, der Tierarzt des Dorfs – alle kamen sie zum Bauernhof meines Onkels, um mit meinem Vater und uns zu beratschlagen, ob wir hierbleiben sollen. Und wie wir vielleicht unsere Mutter nachholen.“

Was sich die Filmleute ausgedacht haben, erlebte sie vor 60 Jahren am eigenen Leib: Angelika Pohler war am 13. August 1961 mit Vater und Schwester in Niedersachsen in den Ferien. Als die Familie vom Bau der Mauer erfuhr, war die Frage: Kehren sie nach Leipzig zurück oder bleiben sie im Westen?

Was sich die Filmleute ausgedacht haben, erlebte sie vor 60 Jahren am eigenen Leib: Angelika Pohler war am 13. August 1961 mit Vater und Schwester in Niedersachsen in den Ferien. Als die Familie vom Bau der Mauer erfuhr, war die Frage: Kehren sie nach Leipzig zurück oder bleiben sie im Westen?

Handys gab es damals sowieso noch nicht, die Familie besaß in Leipzig aber nicht einmal ein Festnetztelefon. „Meine Mutter heulte sich tagelang die Augen aus.“ Sie wusste nicht, wann sie ihren Mann mit den zwei Töchtern wiedersehen würde. Sie konnte die Alternativen nicht einmal mit ihnen besprechen.

Auch Robert Krause kennt eine solche Geschichte. Seine Großmutter saß am 13. August 1961 in einem Zug von Bremen zurück in den Osten. Krause ist 51 und Autor: Zusammen mit Beate Fraunholz schrieb er das Drehbuch für „Dreieinhalb Stunden“. Auch die beiden stehen jetzt im Cinestar. Als sie von Angelika Pohler hören, dass es ihr schwergefallen sei, sich den Film anzuschauen, „weil er so authentisch war“, ist es ein beeindruckendes Lob. Außer mit seiner Oma – und sie sei schon vor einigen Jahren gestorben – habe er bislang mit niemandem gesprochen, der das wirklich erlebt habe, sagt Krause.

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Innerliche Zerrissenheit auf der Leinwand

Jan Krauter ist Schauspieler, und er hat die innere Zerrissenheit im Spätsommer 2020 bei den Dreharbeiten in Görlitz, Nossen und Berlin für seine Rolle als Familienvater nachempfunden. Die Figur möchte mit der Tochter im Westen bleiben, aber die Ehefrau und der Sohn wollen in die DDR zurück. „Als die Mauer gebaut wurde, war ich minus 23 Jahre alt“, sagt der 37-Jährige. Er ist in Wilhelmshaven geboren, „meine Berührungspunkte zur DDR waren äußerst gering“. Wie ein Paar in einer solch unlösbaren Situation zu einer Entscheidung kommt, das habe ihn aber umgetrieben.

Seine 21-jährige Kollegin Hannah Schiller spielt eine jugendliche Sportlerin, die während der Zugfahrt erkennt, dass sie von ihrer Trainerin gedopt wird. Zur Vorbereitung habe sie sich etliche Dokumentationen über den DDR-Sport angeschaut, berichtet sie den Kinobesuchern. „Dadurch ist es für mich nachvollziehbar geworden, warum meine Figur trotz des Dopings in die DDR zurückkehrt“ – am Horizont eine olympische Medaille.

Jan Krauter spielt in „Dreieinhalb Stunden“ einen Familienvater, der im Westen bleiben will – anders als seine Frau. Vor der Cinestar-Leinwand stehen links neben ihm Produzentin Beate Fraunholz und Schauspielerin Hannah Schiller, rechts Produzent Henning Kamm.

Jan Krauter spielt in „Dreieinhalb Stunden“ einen Familienvater, der im Westen bleiben will – anders als seine Frau. Vor der Cinestar-Leinwand stehen links neben ihm Produzentin Beate Fraunholz und Schauspielerin Hannah Schiller, rechts Produzent Henning Kamm.

Kein Urteil darüber, welche Entscheidung richtig war

In Erzählweise, Kameraführung, Musik sei "Dreieinhalb Stunden" kein klassischer historischer Film, findet Produzent Henning Kamm. "Ein junges Publikum anzusprechen, war uns ein extremes Anliegen", erklärt er. Aber nicht nur, betont Produzentin Sibylle Stellbrink: "Die Herausforderung war, beiden Seiten gerecht zu werden." Weder sollte es ein Film werden, der dem Westen erklärt, wie das damals im Osten war, noch andersherum. Kamm: "Wir fällen auch kein Urteil darüber, welches die richtige Entscheidung war" – im Zug sitzen zu bleiben oder auszusteigen.

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Für einen Film über die deutsch-deutsche Geschichte nehmen überdies die Narben an Körper und Seele, die das NS-Regime und der Zweite Weltkrieg bei Opfern und Tätern hinterlassen hatten, eine ungewöhnlich große Rolle ein. „Der Krieg war damals gerade mal 16 Jahre vorbei“, sagt Drehbuchautor Robert Krause. „Dass fast alle Figuren eine Kriegsvergangenheit haben, mussten wir uns selbst erst bewusst machen.“ Krause ist Jahrgang 1970.

Ein eindrucksvoller Abend: LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa, Degeto-Geschäftsführer Thomas Schreiber und Produzent Henning Kamm (von links).

Ein eindrucksvoller Abend: LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa, Degeto-Geschäftsführer Thomas Schreiber und Produzent Henning Kamm (von links).

Ein eindrucksvoller Abend. Wenn es die Corona-Inzidenz erlaubt, wollen die Reporterinnen und Reporter der LVZ in Zukunft wieder weit häufiger persönlich mit den Leserinnen und Lesern ins Gespräch kommen, verspricht Chefredakteurin Hannah Suppa im Kinosaal. Immerhin gibt es auch für eine Zeitung kaum etwas Ergreifenderes, als wenn eine Zeitzeugin wie Angelika Pohler so berührend erzählt, wie sie sich vor 60 Jahren mit Vater und Schwester entschied, doch nach Leipzig zurückzufahren – und die Tränen in den Augen ihrer Mutter auf einmal vor allem Freudentränen waren.

Das Erste strahlt die Degeto-Produktion "Dreieinhalb Stunden" am Samstag, 7. August, 20.15 Uhr, aus. In der ARD-Mediathek ist der Film ab Donnerstag, 5. August, abrufbar.

Von Mathias Wöbking

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