Uni-Projekt

Aufholen nach Corona an Leipziger Schulen: „Erlebnisse des Scheiterns gehören dazu“

Aufholen nach Corona in Kleingruppen: Studentin Joana De Andrade unterrichtet im Projekt „Universität nützt Schule“ (UnS) der Uni Leipzig vier Schulstunden pro Woche Zweitklässler der Ernst-Pinkert-Schule in Reudnitz.

Aufholen nach Corona in Kleingruppen: Studentin Joana De Andrade unterrichtet im Projekt „Universität nützt Schule“ (UnS) der Uni Leipzig vier Schulstunden pro Woche Zweitklässler der Ernst-Pinkert-Schule in Reudnitz.

Leipzig. Für die beiden Siebenjährigen ist es kaum zu glauben. „Hey, da kommt noch ein A hin!“, ruft Elias. Matthes unterstützt ihn: „Du musst da noch ein A hinmachen“, fordert er die Studentin Joana de Andrade auf. Insgesamt sitzen zehn Zweitklässler im Raum. Ihre Aufgabe: geheime Gegenstände zu erfühlen und aufzuschreiben, um was es sich wohl jeweils handelt. Milos Utensil ist dran. „Koschltiera“ steht auf Elias’ Blatt, bei Matthes „Koscheldia“, Daliah hat „Kuscheltia“ notiert.

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Wie auch immer das Teil also genau buchstabiert wird, fest steht: Das Wort endet mit einem A. Aber Joana de Andrade schreibt einfach kein A an die Tafel. „Das Kuscheltier“, ist da zu lesen. Ratlosigkeit. „Tiiirr“, spricht sie überdeutlich und erklärt, dass ein E hinter einem I den Laut dehnt.

Probleme mit dem Zuhören und Lesen

Das Missverständnis mit dem A ist in der Altersklasse weit verbreitet und für sich kein Grund für übergroße Sorgen. Aber wie der aktuelle IQB-Bildungstrend zeigt, sind die Lernrückstände in der Corona-Pandemie auch in Sachsen massiv gewachsen: 2021 haben 26,3 Prozent der sächsischen Viertklässler in Orthografie den Mindeststandard nicht erreicht, 2016 waren es lediglich 19,1 Prozent gewesen. In Mathematik hinkten zuletzt 13,4 Prozent hinterher, fünf Jahre zuvor dagegen 8,8 Prozent. 12,9 Prozent haben Probleme mit dem Lesen (2016: 7,2 Prozent) und glatte zehn Prozent mit dem Zuhören (2016: 8,8 Prozent).

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Es mag tröstlich erscheinen, dass das IQB – das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Berliner Humboldt-Uni – im besagten Bildungstrend den Freistaaten Sachsen und Bayern noch die besten Noten gibt: Im bundesweiten Mittel verpassen je nach Fach zwischen vier und neun Prozentpunkte mehr Altersgenossen die Mindestanforderungen. Aber aufholen müssen eben alle Bundesländer – auch Sachsen.

„Bei ihr können wir auch mal Spaß haben“: Zweitklässler der Ernst-Pinkert-Schule mit Studentin Joana De Andrade.

„Bei ihr können wir auch mal Spaß haben“: Zweitklässler der Ernst-Pinkert-Schule mit Studentin Joana De Andrade.

„Ich wollte es zunächst nicht wahrhaben“, sagt Winnie Heine, Leiterin der Ernst-Pinkert-Grundschule in Reudnitz. Das ist die Schule, auf die Elias, Matthes, Milo und Daliah gehen. „Aber die Lücken sind wirklich da.“ Nicht nur im Stoff, sondern vor allem in den sozialen Fertigkeiten, hat sie beobachtet: „Auch die Kindergärten waren im Lockdown. Das Miteinander in einer Gruppe, die gegenseitige Rücksichtnahme, das Einhalten von Regeln – all das wurde weniger eingeübt.“ Mit Folgen für den Unterricht, wie Astrid Kallweit betont, Klassenlehrerin der 2d: „Viele Schüler haben Probleme mit der Aufmerksamkeit und Konzentration.“ Ob ein Kind die Schul-Lockdowns verkraftet habe oder nicht, habe in erster Linie an den Eltern gelegen. „Viele waren von der Situation überfordert.“

5,6 Millionen Euro aus bundesweitem Milliarden-Programm

Um die Lücken zu schließen, haben Bund und Länder 2021 das Zwei-Milliarden-Euro-Programm „Aufholen nach Corona“ gestartet. Allein in Leipzig, Nordsachen und im Landkreis Leipzig hat das Landesamt für Schule und Bildung seither rund 4000 Verträge mit außerschulischen Anbietern mit einem Gesamtbudget von etwa 5,6 Millionen Euro geschlossen. „Rund 85 Prozent aller Schulen in Sachsen nutzen das Programm“, sagt Behördensprecher Roman Schulz. „Die Quote spricht für eine gute Akzeptanz.“

Vielerorts wiederholen Lehrerinnen und Lehrer im Ruhestand den Stoff in zusätzlichen Unterrichtsstunden. An der 20. Oberschule versucht ein Workshop, die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen mittels Yoga zu stärken. Der Soziokulturverein Haus Steinstraße bietet an der Albert-Schweitzer-Förderschule einen theaterpädagogischen Kurs an, der Selbstbewusstsein und Gruppengefüge kräftigen soll.

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Die Uni Leipzig bindet in mehreren unterschiedlichen Vorhaben ihre Studierenden ein – zum Beispiel eben Joana de Andrade, die junge Frau, die weiß, dass sich „Kuscheltier“ ohne A schreibt. „Die Arbeit fordert mich sehr“, gibt sie zu. „Aber ich mache gute Erfahrungen.“ Das Projekt nennt sich „UnS“ – Universität nützt Schule – und ist so angelegt, dass es beiden Seiten hilft: Schule und Uni.

89 Schulen beteiligen sich am Uni-Projekt

„Studierende können früh im Studium kennenlernen, wie die Praxis an einer Schule aussieht“, erklärt Katharina Eisermann, die UnS am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung betreut. Eine Teilnahme ist von Studienbeginn bis kurz vor dem Abschluss möglich und wird mit 15 Euro pro Stunde entlohnt. 269 Studentinnen und Studenten unterrichten zurzeit in 89 Grund-, Ober- und Förderschulen sowie Gymnasien insgesamt 356 Kleingruppen mit zehn bis zwölf Schülern für jeweils vier Schulstunden pro Woche. Nicht nur in Leipzig: Unter anderem sind auch Projektschulen in Dresden und Plauen dabei.

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An diesem Tag ist es schwierig, die Stunde in Gang zu halten. „Erlebnisse des Scheiterns gehören dazu“, seufzt Joana de Andrade. Jonas fühlt sich schlecht, er darf am offenen Fenster sitzen. Dann beansprucht aber auch Sophia dasselbe Recht, und Fabienne gesellt sich zu ihr. Das Durcheinander wird größer. Für Lehrerin Astrid Kallweit ist das nicht ungewöhnlich: „Schulalltag ist oft verrückt. Pläne zu machen, ist wichtig – aber ebenso, kreativ zu sein, wenn sich Pläne nicht verwirklichen lassen.“ Im UnS-Projekt erhalten Kinder, die im normalen Unterricht oft untergehen, mehr Aufmerksamkeit. Hier ist es in Ordnung, wenn die Kleingruppe mit den schwächeren Schülern langsamer als die Kleingruppen mit den stärkeren vorankommt. „Ich freue mich über jedes Kind, das selbstständig zu arbeiten lernt“, sagt Kallweit.

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Am Ende der UnS-Stunde spricht Joana de Andrade kurz allein mit Sophia und erklärt danach, warum: „Wenn man eine persönliche Beziehung aufbaut, klappt es beim nächsten Mal oft schon besser.“ Ihr Studium schließt die 25-Jährige bald ab, sie steckt im elften Semester. Trotz solcher Rückschläge bestärke sie die praktische Erfahrung in ihrem Berufswunsch, fügt sie an. Matthes aus der 2a jedenfalls findet, dass sie schon jetzt eine prima Lehrerin ist: „Sie kann gut erklären“, sagt er. „Und sie schimpft nicht so viel. Bei ihr können wir auch mal Spaß haben.“ Spaß mit A in der Mitte wohlgemerkt.

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