Klimawandel

Moore, Muscheln, Auwald - Dürren gefährden Naturschutzprojekte

Leipzig: Julia van Braak und Tom Künne, Mitarbeiter der Universität Leipzig, sammeln mit Hilfe einer Gondel von einem Kran aus Proben im Auwald im Rahmen des German Centre for Integrative Biodiversity Research (iDiv) Halle-Jena-Leipzig.

Leipzig: Julia van Braak und Tom Künne, Mitarbeiter der Universität Leipzig, sammeln mit Hilfe einer Gondel von einem Kran aus Proben im Auwald im Rahmen des German Centre for Integrative Biodiversity Research (iDiv) Halle-Jena-Leipzig.

Leipzig/Plauen/Pobershau. Seit Wochen sind Naturschützer im Vogtland alarmiert. Installierte Messgeräte überwachen kleine Bäche, in denen die seltenen Flussperlmuscheln leben. Fast zwei Jahrzehnte lang wurden sie in einer Zuchtstation aufgepäppelt und schließlich 2021 ausgewildert. „Sollten die Wasserstände weiter sinken, greifen wir ein und evakuieren. Sonst würden sie absterben“, sagt Thomas Findeis von der Naturschutzbehörde des Vogtlandkreises. Diese drastische Maßnahme musste zuletzt 2018 ergriffen werden.

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Eigentlich sollen die kleinen Weichtiere mit harter Schale nach ihrer Auswilderung in Ruhe gedeihen, erklärt Findeis. Das Naturschutzprojekt nahm vor rund 20 Jahren seinen Anfang, neben dem Vogtlandkreis sind unter anderem die TU Dresden und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt beteiligt. Ein großer Schritt erfolgte letztes Jahr, als 1200 Flussperlmuscheln ausgewildert wurden - mit Sendern an der Schale, um sie wieder aufspüren zu können.

„In den Trockenjahren leiden die Waldökosysteme besonders.“

„Die Tiere sind zu wertvoll, um sie zu verlieren. Wir kämpfen um jedes einzelne“, so Findeis. Die Art gelte als extrem vom Aussterben bedroht. Im Freistaat kommt sie nur noch im Vogtland vor – in Nebenbächen der Weißen Elster, die wie fast alle ihre Seitengewässer einst selbst mit Flussperlmuscheln besiedelt war. Auch die Bachforelle als Wirt für junge Flussperlmuschel-Larven wird aus den Bächen gerettet. „Denn sie sichern die nächste Muschelgeneration.“

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Auch im Leipziger Auwald sorgen sich Experten angesichts fehlender Niederschläge - hier vor allem um die Vielfalt des Baumbestandes. „In den Trockenjahren leiden die Waldökosysteme besonders. Bei uns sind der Bergahorn, die Eiche und vor allem die Esche in einem schlechten Zustand“, sagt Rolf Engelmann, Biologe an der Universität Leipzig und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Leipziger Stadtwald. Ein Monitoring-Programm überwache aktuell eintausend Eschen in einem der größten innerstädtischen Auwälder Europas. Es habe sich gezeigt: Die Bäume seien derart geschwächt, dass sie Pilzkrankheiten wie dem Eschentriebsterben nichts mehr entgegensetzen können. Viele seien stark geschädigt.

Moore leiden – Nasswiesen und Kleingewässer auch

„Wir gehen davon aus, dass ungefähr die Hälfte des gesamten Eschen-Bestandes im Auwald in den nächsten Jahren absterben wird“, ergänzt Engelmann. Eigentlich soll das 5900 Hektar große Landschaftsschutzgebiet auf natürliche Art das Klima im Raum Leipzig verbessern. Aber um die Aue intakt zu halten, wären regelmäßige Flutungen notwendig und ehemalige Wasserläufe der Zuflüsse müssten revitalisiert werden. „Das ist im urbanen Umfeld nicht immer einfach.“ Dabei hätten sich im Leipziger Auwald Tierarten zurückgezogen, die sonst in vielen Regionen bereits ausgestorben seien, sagt Engelmann und nennt einige Insekten- und Spechtarten.

Der Auwaldkran ermöglicht es Wissenschaftlern, in die Baumkronen vorzudringen. Fehlende Niederschläge gefährden auch im Leipziger Auwald den Baumbestand.

Der Auwaldkran ermöglicht es Wissenschaftlern, in die Baumkronen vorzudringen. Fehlende Niederschläge gefährden auch im Leipziger Auwald den Baumbestand.

Auch in den Feuchtgebieten entlang des Erzgebirgskamms ist die Trockenheit zum Problem geworden. „Nicht nur die Moore leiden, sondern auch Nasswiesen oder Kleingewässer, von denen einige bereits ausgetrocknet sind“, sagt Anke Haupt vom Naturpark Erzgebirge/ Vogtland von der Außenstelle Pobershau. Seit 20 Jahren bemühten sich die Naturschützer, die sogenannten Hochmoore in der Region in bis zu 900 Metern Höhe zu revitalisieren, die durch Entwässerungsgräben zerstört wurden. „Dabei versuchen wir, so viel Feuchtigkeit wie möglich anzustauen. Oftmals geht es nur darum, den derzeitigen Zustand zu erhalten. Verbesserungen in den Mooren benötigen sehr lange Zeiträume mit gleichmäßigen Niederschlägen.“

Pegelstände sinken zu schnell ab

Eine Besonderheit der Hochmoore im Erzgebirge ist, dass sie sich ausschließlich aus Niederschlag speisen – mindestens 1000 Millimeter im Jahr benötigen sie. Das Wasserdefizit aus vergangenen Trockenjahren sei noch nicht wieder ausgeglichen, sagt Haupt. „Auch aktuell sinken die Pegelstände zu schnell ab.“ Für einige Tiere und Pflanzen jedoch sei das Moor der einzige Lebensraum, etwa für Torfmoose oder spezielle Schmetterlings- und Libellenarten. Außerdem würden gesunde Moore klimaschädliche Stoffe wie Kohlenstoff oder Methan speichern.

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Sachsens Umweltministerium zufolge beträgt das Niederschlagsdefizit im Freistaat seit 2018 ungefähr 525 Millimeter. „Damit fehlen seit 2018 über 70 Prozent eines Jahresniederschlags“, so ein Sprecher. Auch für das hydrologische Jahr 2022, das am 1. November 2021 begann, habe sich bereits wieder ein Defizit von 20 Prozent aufgebaut. „Die zu geringen Niederschläge der letzten Jahre wirken sich auf verschiedene Naturschutzgroßprojekte aus“, heißt es weiter. Als Beispiele nennt das Ministerium die Teichgebiete Niederspree-Hammerstadt in Ostsachsen oder das Presseler Heidewald- und Moorgebiet (Landkreis Nordsachsen).

Von Katrin Mädler/dpa

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