Spenden

„Bitte keine Kleidung!“ Wie können die Leipziger den Ukrainern jetzt am besten helfen?

Großer Andrang an der Sammelstelle für Hilfsgüter in Leipzig-Probstheida. Statt Kleidung werden dort vor allem Medikamente und Babysachen eingepackt.

Großer Andrang an der Sammelstelle für Hilfsgüter in Leipzig-Probstheida. Statt Kleidung werden dort vor allem Medikamente und Babysachen eingepackt.

Leipzig. Es sind nur zwei Kartonfetzen. Aber sie stecken einerseits voller Informationen und sind andererseits von großer Symbolik. Mit viel Packband kleben sie auf einem Wellblechzaun an einer alten Scheune im Leipziger Stadtteil Probstheida. Darunter ein selbst gemaltes Bild in den ukrainischen Landesfarben: blau und gelb. Das zusammengeschusterte Schild versinnbildlicht ziemlich genau, wie improvisiert eine ungeheuer beeindruckende Aktion ist, die sich hinter der Einfahrt verbirgt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Kleidung wird zurzeit nicht benötigt: Hinweisschild an der Einfahrt zur Hilfsgüter-Sammelstelle in Probstheida.

Kleidung wird zurzeit nicht benötigt: Hinweisschild an der Einfahrt zur Hilfsgüter-Sammelstelle in Probstheida.

Es ist eine Sammelstelle für Hilfsgüter für die Ukraine: Aus der privaten Initiative von fünf befreundeten Leipzigern mit ukrainischen oder kasachischen Wurzeln ist seit dem Wochenende innerhalb von nur vier Tagen der Anlaufpunkt für hunderte hilfsbereite Leipzigerinnen und Leipziger geworden. „Es ist ein Chaos“, seufzt Lydia Maul, eine der Initiatorinnen. Aber sie sagt es mit einem Lächeln: „Gott sei Dank gibt es hier so viele tolle Leute, die Sachen spenden und mit anpacken.“

Am Sonnabend und am Sonntag fuhren jeweils zwei Transporter in die Ukraine. Da war der Startpunkt noch ein privater Carport in Stötteritz. Seit Montag werden die Spenden in besagter Scheune gesammelt, Russenstraße 48 lautet die Adresse. Noch am selben Tag machte sich ein Lkw auf den Weg, am Dienstag beluden die Helfer einen Zwölftonner mit dem Ziel Kiew, am Mittwoch soll ein weiterer Lkw folgen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lieber Medikamente als Kleidung

Obwohl die Zeitspanne kurz ist, haben sich die transportierten Güter bereits verändert: Zunächst waren vor allem Winter-Klamotten, Schuhe und Decken gefragt. Doch jetzt verbreiten die zwei zusammengeklebten Kartons an der Einfahrt in dicken schwarzen, rot umrandeten Buchstaben die ausdrückliche Botschaft: „Bitte keine Kleidung!“ Darunter ist aufgezählt, was stattdessen gebraucht werde: Schlafsäcke, Isomatten, Socken, Konservendosen, Nüsse, Medikamente, Wundcreme und Schmerzmittel, Bandagen, Binden, Pflaster. Klein daneben ist noch zu lesen: Batterien, Taschenlampen, Proteinriegel, Energy-Getränke. „Danke“ steht daneben. Ein kleines Herz ist aufgemalt.

Medikamente gehören zu den wichtigsten Hilfsgütern, die von Probstheida aus in die Ukraine gebracht werden.

Medikamente gehören zu den wichtigsten Hilfsgütern, die von Probstheida aus in die Ukraine gebracht werden.

Lydia Mauls Telefon klingelt. Nachdem sie wieder aufgelegt hat, sagt sie: „Wir brauchen auch wieder Babynahrung und Windeln.“ Zuletzt habe es zwar geheißen, davon sei genug vorhanden, aber offenbar stimmte das nicht. Auf dem Kartonschild will sie das gleich ergänzen. Zwei weitere Güter schreibt sie dagegen nicht auf die Pappe, von ihnen spricht sie lediglich: „Schutzwesten und Helme.“ Aber wer hat so etwas schon im Schrank oder im Keller liegen?

Große Hilfsbereitschaft: Leipzigerinnen und Leipziger stehen in Probstheida an, um Güter abzugeben.

Große Hilfsbereitschaft: Leipzigerinnen und Leipziger stehen in Probstheida an, um Güter abzugeben.

"Wir fahren in die Ukraine hinein, nicht nur an die Grenze", betont die 46-Jährige. Dorthin, wo viele Menschen zurzeit oft im Freien tagelang auf ihre Ausreise warten. Es ist ein wichtiger Unterschied. Einige Hilfsorganisationen raten momentan davon ab, Sachspenden vor die Grenze zu schicken, denn die Supermärkte und Drogerien in Polen und der Slowakei können den Bedarf aktuell decken. Wichtiger seien Geldspenden, sagte Axel Steier von der Dresdner Initiative "Mission Lifeline" in einem LVZ-Interview.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Unter anderem sammeln die "Aktion Deutschland hilft", die Diakonie Sachsen, die Caritas, die Landesärztekammer und die Arbeiterwohlfahrt Sachsen. An der Anlaufstelle in Probstheida wollen sie dagegen eigentlich kein Geld annehmen. Trotzdem landet manche Münze und mancher Schein in einer Spendenbox. Um damit etwa Benzin und Umzugskartons zu bezahlen.

Lesen Sie auch

Wie groß die Hilfsbereitschaft in Leipzig ist, zeigt auch eine Wohnungsbörse des Projektbüros "Linxxnet" der Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Linke). Stand Dienstag bieten dort seit Inbetriebnahme am Sonnabend mehr als 240 Leipzigerinnen und Leipziger an, Geflüchtete bei sich aufzunehmen. Nagel zufolge gab es bereits rund 40 Anfragen an die Inserenten. Da diese aber direkt erfolgen, habe das Büro keinen Überblick, ob schon Ukrainerinnen und Ukrainer in Leipzig Quartier bezogen hätten.

Helferinnen sortieren in der Scheune die Waren und packen Umzugskisten.

Helferinnen sortieren in der Scheune die Waren und packen Umzugskisten.

Auch Guido Dalibor will nicht mit Spenden, sondern mit Tatkraft helfen. Als er zur Sammelstelle in Probstheida kommt, bietet er sich selbst an: „Brauchen Sie noch jemanden, der am Wochenende einen Transporter fährt?“ Die Augen von Anna Mokk werden groß. Sie gehört ebenfalls zu den Initiatorinnen. „Haben Sie einen Transporter?“ – „Den kann ich vielleicht besorgen.“ – „Dann stehen Sie ganz oben auf der Liste!“ Der 49-Jährige ist Kurierdienstfahrer. „Was Putin da macht, das geht einfach nicht. Daher möchte ich helfen“, sagt er. Benötigt werden vor allem deutsche Fahrer. „Denn sie kommen schnell wieder raus aus der Ukraine.“ Andere unterstützen die Aktion, indem sie Kisten packen und in die Fahrzeuge hieven. Manchmal bieten sich spontan so viele Menschen an, dass einige auf später vertröstet werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Die Hilfsbereitschaft zeigt sich auch an den vielen Menschen, die mit anpacken.

Die Hilfsbereitschaft zeigt sich auch an den vielen Menschen, die mit anpacken.

Weil ihr Projekt so schnell solche Ausmaße angenommen hat, soll daraus jetzt ein Verein werden. Wie sie das alles stemmen? „Wir sparen am Schlaf“, sagt Lydia Maul. „Drei Stunden pro Nacht müssen reichen.“ Mit ihrem Mann Myroslav Chemerys, der sich ebenfalls engagiert, betreibt sie eine kleine Immobilienfirma. „Unsere eigentliche Arbeit versuchen wir, dazwischen zu legen.“ Der Stress könnte bald noch größer werden: Nach dem Carport in Stötteritz wird wohl auch die Scheune in Probstheida nur eine Übergangslösung sein. Sei seien bereits im Gespräch für eine größere Halle und Fläche, berichtet Lydia Maul. Kurz wirkt ihr Blick erschöpft, aber dann lächelt sie wieder: „Wir müssen das alles schaffen“, sagt sie.

Nachtrag: Am 3. März ist die Sammelstelle umgezogen. Neue Adresse: Kohlrabizirkus Leipzig, Südliche Halle Tor S3, An den Tierkliniken 38. Annahme zwischen 7 und 17 Uhr.

Von Mathias Wöbking

Mehr aus Leipzig

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.