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Bertelsmann-Studie

Chef der Leipziger Uni-Kinderklinik fordert die Schließung von Krankenhäusern

„Leipzig braucht nur einen großen Klinikstandort“: Wieland Kiess, Chef der Kinderklinik am Leipziger Uniklinikum (UKL).

„Leipzig braucht nur einen großen Klinikstandort“: Wieland Kiess, Chef der Kinderklinik am Leipziger Uniklinikum (UKL).

Leipzig. Wieland Kiess (61), Chef der Kinderklinik am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) plädiert für die Schließung der Hälfte aller deutschen Krankenhäuser. "Das würde die Personalsituation entkrampfen, die Qualität steigern und die Kosten um 50 Prozent senken", sagt der Pädiatrie-Professor. Kiess unterstützt damit ausdrücklich die Aussagen aus der jüngst veröffentlichten Bertelsmann-Studie.

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„Wir haben ein Systemproblem“

Es gehe nicht darum, die Leistungen von Ärzten und Pflegekräften an kleinen Standorten schlechtzureden, betont der Mediziner. „Die machen alle gute Arbeit. Aber es ist eben so, dass die Ausstattung in vielen Fällen nicht da ist – und die Erfahrung oft auch nicht, wenn ein bestimmter Eingriff nicht 150 mal pro Jahr durchgeführt wird, sondern nur zwei mal. Das kann gefährlich werden für den Patienten.“ Es gebe immer wieder schwere Fälle, die über Umwege zu spät am UKL landen würden, mit teils dramatischen Folgen. Bei einer Konzentration auf weniger Kliniken müssten die Patienten zwar weiter in ein zentrales Krankenhaus gefahren werden, sie würden dann aber „sofort dort landen, wo sie von erfahrenen Fachkräften in Medizin und Pflege behandelt werden“, sagt Kiess. „Wir machen alle Fehler, ich will aber deutlich machen: Wir haben ein Systemproblem.“

Selbst mit Blick auf die Großstadt Leipzig hält der Kinderarzt einen großen Klinikstandort für ausreichend. Der müsse dann allerdings „eine entsprechende Größe haben, exzellent ausgestattet und hervorragend organisiert sein“. Es gebe derzeit an allen Leipziger Häusern sehr gute Ärzte und Pflegekräfte – aber eben nicht gebündelt.

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„Extreme Konkurrenz um Ärzte und Pflegekräfte“

Am Ende würden weniger Standorte auch die Personalsituation entkrampfen, meint Kiess. „Es ist doch so, dass die zahlreichen Kliniken in extremer Konkurrenz stehen um Ärzte und Pflegekräfte.“ Häuser in der Region hätten dabei oft das Nachsehen gegenüber Kliniken in den Großstädten.

Das deutsche Gesundheitssystem sei zwar im internationalen Vergleich immer noch gut, so der Chef der Leipziger UKL-Kinderklinik. „Aber es ist im Vergleich extrem teuer – und es könnte noch deutlich besser sein.“ Zentralere Strukturen seien neben dem Klinikwesen auch im Rettungsdienst von Vorteil, erklärt Kiess und verweist auf aus seiner Sicht erfolgreiche Beispiele in Dänemark, Kanada oder Australien. Selbst in Rumänien vergehe, verglichen mit Deutschland, die Hälfte der Zeit zwischen einem Herzinfarkt und der Behandlung mit dem Herzkatheter.

Kritik aus den Regionen

Die jüngst veröffentlichte Bertelsmann-Studie, nach der mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser geschlossen werden sollte, war zuletzt auf heftige Kritik gestoßen – vor allem in ländlichen Regionen, auch im Raum Leipzig (die LVZ berichtete). So wandten sich sämtliche Landtagskandidaten im Kreis Leipzig gegen die Schlussfolgerungen der Studie. Anja Jonas, FDP-Direktkandidatin im Muldental, erklärte zum Beispiel, dass sich die Studie auf eine verbesserte medizinische Qualität bei hochkomplexen Krankheitsbildern in großen Fallzahlen stütze und daraus eine Zusammenlegung von Krankenhäusern ableite. "Die überwiegende Masse der Patienten hat jedoch vergleichsweise leichte Erkrankungen", so Jonas. Die Schließung weiterer Krankenhäuser wäre "ein Verlust medizinischer Versorgung", so die FDP-Kreisvorsitzende. Auch die Zahl der Hausärzte könne dies in den ländlichen Regionen nicht ausgleichen.

Von Björn Meine

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