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Teil 2 der LVZ-Serie zur Sprengung der Leipziger Unikirche

Der erfüllte Traum vom Paulinum

Der frühere Kustos Rainer Behrends am Modell der alten Universitätskirche vor dem Paulinum.

Der frühere Kustos Rainer Behrends am Modell der alten Universitätskirche vor dem Paulinum.

Leipzig.Im Jahr 1968 war der junge Kunsthistoriker Rainer Behrends Assistent an der Sektion Kulturwissenschaften und Germanistik der Karl-Marx-Universität. Ihm sollten bald neue Aufgaben übertragen werden. Die dritte Hochschulreform der DDR hatte für die Zerschlagung der alten Strukturen an Universitäten und Hochschulen gesorgt. Hinsichtlich der Sicherung der unter äußerstem Zeitdruck geretteten Kunstschätze der Paulinerkirche, die provisorisch im einstigen Reichsgericht (heute Bundesverwaltungsgericht) unter völlig unzureichenden Bedingungen eingelagert worden waren, bestanden erhebliche Bedenken. Um einen Überblick zum erhaltenen Bestand zu schaffen, wurde eine Diplomarbeit durch die Universität zur Erfassung der Kunstgegenstände veranlasst.

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Recherche-Ergebnisse bleiben unter Verschluss

Die Studentinnen Karin Asche und Irene Persch schrieben diese Arbeit am Kunsthistorischen Institut. Ihr Betreuer: Rainer Behrends. Für die Öffentlichkeit zugänglich war die Recherche, die unter anderem die absolut unwürdige Lagerung der Kunstwerke fotografisch dokumentierte, keineswegs. Die Arbeit, die derzeit als Zeitdokument in der Ausstellung „Transformation – Von der Universitätskirche zum Paulinum“ in der Galerie im Neuen Augusteum präsentiert wird, wurde als „streng vertraulich“ eingestuft: „Der besondere Charakter verbietet deren öffentliche Verteidigung.“

Kustos versucht, Erinnerung an Unikirche wachzuhalten

Behrends, 1971 zum Kustos und damit zum Sachwalter des Kunstbesitzes der Alma mater berufen, versuchte in den folgenden DDR-Jahren unter schwierigen politischen und finanziellen Voraussetzungen, die Erinnerung an St. Pauli wachzuhalten. Im Innenhof der Universität konnten Ende der 1970er-Jahre unter den Arkaden, quasi eine Art Kreuzgang, restaurierte Steinepitaphe aufgestellt werden. Und die vor der Sprengung bewahrte Glocke der Kirche wurde sichtbar im Uni-Innenhof an einem Betonpfeiler angebracht. An diesem Ort sollte auch das Leibniz-Denkmal, das vor der Zerstörung des Augusteums abgebaut und eingelagert worden war, wieder aufgestellt werden. Dagegen sprachen statische Gründe. Die genannten Präsentationen wurden laut Behrends möglich, weil es in der SED-Kulturpolitik eine historische Neubewertung gab. „Man denke hierbei nur an die Martin-Luther-Ehrung und an die Rückkehr des Reiterstandbildes Friedrichs des Großen an der Berliner Prachtstraße Unter den Linden. In dieser Phase konnten wir das restaurierte Leibniz-Denkmal an der Spitze der Universitätsstraße gegenüber der Moritzbastei wieder aufstellen“, erzählt der 81-jährige Behrends.

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Eine Forderung von einst ist jetzt Wirklichkeit

Der damalige Kustos sorgte auch für einen neuen Stellenwert der Kunst an der Universität. 1979 öffnete die Galerie im Hörsaalbau, 1983 folgte das Ausstellungszentrum im Krochhaus. Nach 1990 wurde die Kustodie eine zentrale Einrichtung der Rektorats. Doch über die Zukunft der Kunstwerke der Paulinerkirche sollte noch weitere zehn Jahre wenig Klarheit bestehen. „1997 fand im Krochhaus die Ausstellung ,Die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig und ihre Kunstwerke‘ statt. Das war der Durchbruch“, erinnert sich Behrends. In seiner Rede zur Eröffnung der Schau ging er auf das „seitherige Schicksal der geretteten Bildwerke“ ein. „Diese Werke sind keine musealen Gegenstände. Das wird einerseits aus ihren äußeren Abmessungen ersichtlich, andererseits sind sie nicht von ihrer liturgischen Funktion zu trennen. Schließlich sind sie so eng mit der Geschichte der Universität verbunden, sind Teil derselben, dass sie allein hier eine wahre und dauerende Heimstatt finden können. Eben Gesagtes führt dazu, dass ein Raum geschaffen werden muss, der dem wirklichen Wert dieser Arbeiten entspricht. Und tatsächlich: Die Universität bedarf dringlich eines Raumes für ursächlich universitäre Erfordernisse, der ihr seit über einem halben Jahrhundert fehlt – einer Aula ebenso wie eines Festsaales und eines liturgischen Zentrums.“ Behrends sprach damit Jahre vor diversen Wettbewerben und Beschlüssen vom – Paulinum.

Mit Blick auf den Neubau der Universität am Augustusplatz sagt er heute: „Ich bin traurig und glücklich. Traurig, dass ich zu meinen Dienstzeiten nicht an einem solchem Projekt mitarbeiten konnte, glücklich über eine moderne und zugleich erinnernde Gestaltung, so wie ich sie mir immer gewünscht habe.“

Von Thomas Mayer

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