Karstadt-Schließung

Der letzte Tag – beim Abschied flossen Tränen

Leipzig. Schwarze 80- und 90-Prozent-Schilder verkünden Rabatte bei bunten Garnrollen. Ledertaschen liegen durchwühlt unter dem 20-Prozent-Schild. Süßwaren ergattern die Schnäppchenjäger für 30 Prozent des vom Hersteller empfohlenen Preises. Das Ende naht – für Karstadt in der Leipziger Petersstraße.

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Viele Regale sind am letzten Tag schon zusammengeschoben, die Kosmetikecke besticht mit gähnender Leere. Die Werbung für das Karstadt-Reisebüro, die aus den Lautsprechern schallt, bekommt einen leicht verzweifelten Anstrich angesichts der wenigen Konsuminseln, die sich nur noch in Teilen des Erdgeschosses befinden. Sie bannen die letzten Kunden auf einen Fleck, während der Springbrunnen immer noch fröhlich in die Höhe schießt – begleitet von lieblicher Musik.

Kein ruhmvoller Abschied für die einst so stolze Handelsstätte. Nach 105 Jahren gingen am Freitag die Türen für Leipzigs letztes historisches Warenhaus fast holterdipolter zu. Noch am Morgen hatte eine Karstadt-Sprecherin bestätigt, dass das Haus einen Tag eher als angekündigt den Betrieb einstellt – wahrscheinlich seien alle Restposten bis 15 Uhr aufgebraucht.

Bald darauf tauchten Zettel an den Türen auf: „Unsere Filiale ist heute ab 12:00 Uhr geschlossen!“ Mehr stand nicht darauf. Auch die Tiefgarage mit 340 Stellplätzen blieb schon ab Freitagabend zu. Ursprünglich sollten Kaufhaus und Garage am Samstag noch mal öffnen. Stattdessen erklang nun schon kurz vor Mittag ein letztes Mal „Time to say goodbye“ zum Spiel der 30 Meter hohen Fontäne – einige Besucher hatten Tränen in den Augen. Dann gingen die Türen zu, war Schluss.

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Zum letzten Mal schoss die imposante Wasserfontäne in die Höhe

Zum letzten Mal schoss die imposante Wasserfontäne in die Höhe.

Es wird wohl mindestens zwei Jahre dauern, bevor sich die Türen wieder öffnen. Wie die Stadtverwaltung gestern mitteilte, fand in dieser Woche ein Treffen mit dem Luxemburger Eigentümer der Immobilie statt. Diese Firma – Even Capital – hatte das Grundstück 2017 von einem Fonds gekauft. Der Eigentümer habe nun „erste Überlegungen“ zur Zukunft des Hauses vorgestellt, so Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). „Diese sehen weiterhin umfangreiche Einzelhandelsflächen in den unteren Etagen vor.“ Die denkmalgeschützte Fassade des 1914 eröffneten Warenhauses Althoff bleibe selbstverständlich erhalten. Zur Nutzung der oberen Etagen gebe es noch keine Entscheidung.

Jung betonte: „Wir hatten sehr vertrauensvolle Gespräche und sind uns mit dem Eigentümer einig, dass dieses Haus in bester Lage so schnell wie möglich weiterentwickelt und genutzt werden muss.“ Erklärtes Ziel des Eigentümers sei, das Gebäude langfristig zu einem zentralen Publikumsmagneten in der Leipziger City zu entwickeln. Dabei wolle er sich eng mit der Stadtverwaltung abstimmen. „In diesem Jahr sollen vor allem baurechtliche Fragen geklärt werden, dies wird einige Monate in Anspruch nehmen. Der anschließende Umbau des Hauses wird mindestens ein weiteres Jahr dauern“, hieß es weiter.

Bekanntlich muss Karstadt das Gebäude zum 31. März 2019 an den Eigentümer übergeben, weil der Mietvertrag an diesem Tag ausläuft. Eine Verlängerungsoption zu den alten Konditionen bis ins Jahr 2021 hatte Karstadt 2017 nicht genutzt.

Nach LVZ-Informationen ist noch völlig offen, ob der riesige Lichthof mit der Fontäne erhalten bleibt. Dies hänge von der künftigen Nutzung der oberen Etagen ab. Falls dafür Etagen geschlossen werden müssen, wären Eingriffe in die Statik nötig – das hätte eine längere Planungs- und Bauphase zur Folge. Falls der Lichthof bleibt, könnten 2021 zumindest Teile des Hauses wieder öffnen. Branchenfachleute halten eher eine Schließzeit bis 2022 oder 2023 für realistisch.

Laut Verdi-Gewerkschafter Jörg Lauenroth-Mago hat bisher „nur der geringste Teil“ der etwa 250 Karstadt-Angestellten einen neuen Job gefunden. „Ein Teil konnte bei der Deutschen Bahn unterkommen, für ungefähr 30 läuft eine Maßnahme in einer Transfergesellschaft.“ Für die meisten Kollegen müsse man aber berücksichtigen, dass deren Kündigung erst Ende März wirksam werde und „danach noch einiges geschehen kann“.

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Von Katharina Stork und Jens Rometsch

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