Antisemitische Vorwürfe

Gil Ofarim: Staatsanwaltschaft Leipzig erhebt Anklage wegen Verleumdung

Gil Ofarim behauptet, am 4. Oktober im Hotel Westin antisemitisch beleidigt worden zu sein. Die Leipziger Staatsanwaltschaft erhebt nun Anklage wegen Verleumdung.

Gil Ofarim behauptet, am 4. Oktober im Hotel Westin antisemitisch beleidigt worden zu sein. Die Leipziger Staatsanwaltschaft erhebt nun Anklage wegen Verleumdung.

Leipzig. Die Staatsanwaltschaft Leipzig erhebt gegen den Sänger Gil Ofarim Anklage wegen falscher Verdächtigungen und Verleumdung. Das teilte die Behörde am Donnerstag mit. Der 39-Jährige hatte im Oktober 2021 in einem im Internet veröffentlichten Video behauptet, im Leipziger Hotel Westin antisemitisch beleidigt worden zu sein. Das Video wurde weltweit mit Bestürzung und großer Anteilnahme aufgenommen.

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Aus Sicht der Anklagebehörde gebe es für die Anschuldigungen des Sängers allerdings keinen hinreichenden Tatverdacht. Die noch im Oktober aufgenommenen Ermittlungen gegen einen konkret beschuldigten Mitarbeiter des Hotels seien entsprechend eingestellt worden.

Ofarims Vorwurf: Beleidigung wegen Davidstern

Das Geschehen liegt bereits ein knappes halbes Jahr zurück. Gil Ofarim wollte am 4. Oktober nach einer Fernsehaufzeichnung im Hotel Westin übernachten. Am Abend nahm er vor dem Eingang ein Video auf und veröffentlichte es am Tag danach auf Instagram. In dem kurzen Film erklärt der sichtlich emotionale Sänger, ein Gast sowie der verantwortliche Mitarbeiter am Check-In („Herr W.“) hätten ihn aufgrund seiner Kette mit dem Symbol des jüdischen Davidsterns antisemitisch beleidigt. Der Mitarbeiter habe ihm erklärt, er könne nur im Hotel übernachten, wenn er die Kette abnehme.

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Die Leipziger Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, ließ Zeugen vernehmen und Videoaufnahmen aus der Hotellobby auswerten. Ein digitalforensisches Gutachten eines Experten – für das die Szenerie vor Ort auch noch einmal nachgestellt wurde – sollte unter anderem klären, ob Gil Ofarim im Hotel die Kette überhaupt getragen hatte und ob diese von den anderen Personen zu sehen war.

Laut Oberstaatsanwaltschaft Ricardo Schulz seien die Ergebnisse des Gutachtens nun Teil des Gesamtbildes hinter der Anklage. „Es waren alles Aufnahmen ohne Ton, weshalb das aber nur als ein Baustein im Ganzen zu sehen ist“, so Schulz gegenüber der LVZ. Mehr Details zu den Erkenntnissen sollen erst während der Gerichtsverhandlung bekannt gegeben werden.

Aufnahme einer Überwachungskamera in der Hotellobby.

Aufnahme einer Überwachungskamera in der Hotellobby.

Staatsanwaltschaft: „Geschehen hat sich so nicht ereignet“

Die mit Spannung erwartete Beurteilung der Strafbehörde liest sich zumindest eindeutig: „Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat sich in der Gesamtschau der hieraus gewonnenen Erkenntnisse das Geschehen, wie es von Gil Ofarim in seinem veröffentlichten Video geschildert worden ist, tatsächlich so nicht ereignet. Die Staatsanwaltschaft konnte im Ergebnis der Ermittlungen keine Feststellungen treffen, welche die Schilderung des Gil Ofarim zum Geschehensablauf bestätigen“, hieß es am Donnerstag.

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Entsprechend seien die Ermittlungen gegen den Hotelmitarbeiter eingestellt worden. Stattdessen sieht die Staatsanwaltschaft nun hinreichenden Tatverdacht bei Gil Ofarim. Der 39-Jährige habe sein Video „mit dem Wissen um die Unwahrheit seiner Aussagen und in Kenntnis der sich daraus für den betroffenen Hotelmitarbeiter ergebenden ehrverletzenden und in der öffentlichen Meinung herabwürdigenden Folgen und der diesen Aussagen folgenden polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen den betroffenen Hotelmitarbeiter“ aufgenommen und veröffentlicht.

Darüber hinaus wird dem 39-Jährigen zur Last gelegt, bei der polizeilichen Vernehmung am 12. Oktober seine Behauptungen „in Kenntnis ihrer Unwahrheit nicht nur wiederholt und nunmehr ausdrücklich angezeigt“, sondern auch den Hotelmitarbeiter wegen falscher Verdächtigung angezeigt „und sich damit selbst einer falschen Verdächtigung strafbar gemacht“ zu haben.

Bei Verurteilung drohen Geld- und Freiheitsstrafen

Ob es tatsächlich so ist, muss das Gericht klären. Strafrechtlich geht es laut der Ankläger um Verleumdung im Sinne von Paragraph 164 und um falsche Verdächtigungen nach Paragraph 187 des Strafgesetzbuches. Im Falle einer Verurteilung sehen die Gesetzgebenden je nach Schwere der Tat jeweils Geldbußen oder Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren vor.

Wann es zur Verhandlung in Leipzig kommt, ist noch unklar. Nach Zustellung der Anklage hat unter anderem der Beschuldigte drei Wochen Zeit, sich gegenüber dem Gericht zu äußern. Aufgrund des großen überregionalen Interesses an dem Fall sei die Anklage nicht am eigentlich zuständigen Amtsgericht, sondern am Landgericht Leipzig eingereicht worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Die zuständigen Richterinnen und Richter müssen nun entscheiden, ob sie die Argumente als ausreichend stichhaltig für einen Prozess betrachten. Falls dem so sein sollte, werden mögliche Zeuginnen und Zeugen für die Verhandlung benannt und Termine bestimmt.

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Am Abend der Veröffentlichung des Videos mit den Anschuldigungen versammelten sich spontan etwa 500 Menschen vor dem Hotel.

Am Abend der Veröffentlichung des Videos mit den Anschuldigungen versammelten sich spontan etwa 500 Menschen vor dem Hotel.

Sänger blieb bei Vorwurf – keine Stellungnahme zur Anklage

Gil Ofarim selbst hat in Folge des weltweiten Echos auf seine Anschuldigungen mehrfach Stellung zum Vorfall im Leipziger Hotel bezogen und ist bisher durchgehend bei seiner Version geblieben. Der Sänger schränkte jedoch ein, dass er sich nicht sicher sei, den Stern, den er immer trage, an diesem Abend über oder unter dem T-Shirt getragen zu haben. Zur Anklage wollte sich der 39-jährige Sänger gegenüber der LVZ nicht äußern. Ofarims Management teilte am Donnerstag auf Anfrage mit, dass derzeit keine Auskünfte gegeben werden könnten und bat dafür um Verständnis. Der Instagram-Kanal des Sängers, auf dem das Video bis vor kurzem noch stand, war am Donnerstag nicht mehr zu erreichen.

Reaktion des Hotels: „Sind alle äußerst erleichtert“

Parallel zu den Ermittlungen der Staatanwaltschaft hatte das Hotel Westin selbst eine Anwaltskanzlei beauftragt, den Sachverhalt zu klären. Auch dabei wurden Zeugen vernommen, Videoaufnahmen ausgewertet und später den Behörden zur Verfügung gestellt. Die sogenannten Compliance-Untersuchungen im Auftrag des Hotels kamen zum Schluss, dass es keine Anhaltspunkte für Straftaten durch Mitarbeitende gegeben habe.

Mit Genugtuung nahm die Betreibergesellschaft nun die Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft auf. „Das gesamte Team des Hotels The Westin Leipzig ist nach langen Wochen und Monaten über die Entscheidung der Staatsanwaltschaft äußerst erleichtert“, hieß es am Donnerstag. „Als internationales Hotel stehen wir täglich für Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt“, so Hotelmanager Andreas Hachmeister. Er sei froh, nun wieder optimistisch in die Zukunft blicken zu können.

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Von Matthias Puppe

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