Newsletter „Heiterblick“

Heiterblick #18: Ein Sehnsuchtsort namens Leipzig am Main

Guten Abend, Leipzig!

Zu den Dingen, die man gelernt hat für sich zu reklamieren, obwohl sie einem überhaupt nicht gehören (oder auch nur zustehen), zählen Stadtviertel.

Oberflächlich betrachtet gehört beispielsweise Schleußig den Familien. Und Connewitz den in die Jahre gekommenen Punks. Würde sich beispielsweise ein Häufchen älterer, lärmender Punks nach Schleußig begeben, würden die Leute dort irgendwann die Polizei rufen. In Connewitz werden sie geduldet.

Natürlich passiert so etwas nicht. Man weiß schließlich, wo man hingehört. Und selbst wenn – man würde sich doch recht schnell an den gemeinsamen, viel größeren Feind erinnern: gut verdienende, gar neureiche Leute, die alles immer teurer machen.

Seit einer Weile sieht man die Gutverdienenden häufiger in Leipzig. Sie gehen ins Renkli, wo man sich den Wein schon leisten können muss. Oder ins Paps, das hochwertigere Zutaten verwendet als alle Läden ringsherum.

Kürzlich haben Renkli und Paps einen gemeinsamen Abend veranstaltet: auf dem Balkon des Ring-Cafés. Es gab einen DJ, bunte Lichter und Wein für acht Euro das Glas. Eine Flasche kostete 30.

Bestimmt ahnen Sie schon, was jetzt kommt. Ein bissiger Rant gegen die Neureichen in Leipzig, die unsere schöne Stadt nur immer teurer machen. Weil sie Mieten zahlen können, die viele andere nicht zahlen können. Weil dank ihnen bald nur noch Acht-Euro-Wein ausgeschenkt wird.

Die Zahlen sind eindeutig. Das durchschnittliche verfügbare Einkommen in Leipzig beträgt 19.574 Euro. Also 1631 Euro im Monat auf dem Konto. Viele Flaschen 30-Euro-Wein sind da nicht drin. Leipzig liegt nicht am Main. Oder am Starnberger See, wo das jährliche Durchschnittseinkommen bei 38.509 Euro liegt.

Aber nein. Wie öde und falsch wäre es, gegen diese Leute zu ranten. Viel eher finde ich, man sollte auch mit diesem Milieu viel toleranter sein. Die Gutverdienenden sind letztlich auch nur Punks: Es braucht eben einen Ort für sie, an dem sie geduldet werden. Also: Wo ist noch Platz?

Interessanterweise kristallisiert sich zur Zeit ein passender Ort heraus. Es ist, glasklar, die Innenstadt. In einem Seitenflügel der Deutschen Bank speisen, trinken, feiern sie im ZIHNØ. In der Gottschedstraße lassen sie ihre Lamborghini-Motoren aufheulen. Einige bestellen auch einen Frozen Americano im Grato.

Wahrscheinlich könnten sich in Lindenau, Schleußig, Connewitz, Reudnitz – also in all den bereits von unterschiedlichen Milieus reklamierten Stadtteilen – alle Menschen darauf einigen: „Wein in der Innenstadt für acht Euro? Ach, macht 18 draus! So lange ihr halbwegs den Ring als eure Grenze anseht. Und bloß keine Wohnung in unseren Kiezen anmietet. Alles gut. <3“

Zack, fertig ist der Milieuschutz für Leipziger Besserverdienende. Besonders praktisch ist, dass das neue Innenstadt-Milieu selbst überaus tolerant ist. Wer sich entsprechend kleidet und bereit ist, die kiezüblichen Preise zu bezahlen, kann auch mal hin und wieder eine Nacht in Leipzig am Main verbringen.

Blick von oben herab? Oder doch einfach nur: Ein anderes Milieu? Die Aussicht vom Ring-Café während der Renkli-Paps-After-Work-Party.

Blick von oben herab? Oder doch einfach nur: Ein anderes Milieu? Die Aussicht vom Ring-Café während der Renkli-Paps-After-Work-Party.

Die Korean Chicken Wings in der "Sommerfrische". Kostenpunkt 11,80 Euro.

Die Korean Chicken Wings in der "Sommerfrische". Kostenpunkt 11,80 Euro.

Wo trifft sich Leipzig gerade?

Weil dieser Sommer vielleicht niemals endet, ist es für diesen Tipp noch nicht zu spät. Schon seit April hat immer sonntags die „Sommerfrische“ geöffnet: Der große Garten der Villa Hasenholz, einer Gründerzeitvilla am Rand des Leipziger Auenwalds in Leutzsch. Hier kann man koreanisches Hühnchen mit Kimchi essen, dazu gibt es Live-Jazz und frisch gezapftes Bier aus der Region. Ein wirklich besonderer, etwas unwirklicher Ort, auch aufgrund der frei herumlaufenden Heidschnucken. Wer jetzt nicht sofort weiß, was Heidschnucken sind: Einfach mal hinfahren.

Villa Hasenholz, Gustav-Esche-Str. 1, 04179 Leipzig. Geöffnet nur bei schönem Wetter und an Sonn- und Feiertagen von 12-20 Uhr.

Fünf Empfehlungen aus LVZ+

  • „Das hältste nicht aus hier!“ – In Sachsens brennenden Wäldern kämpfen Feuerwehrleute gegen Flammen – und damit an vorderster Front der Klimakrise. Noch mehr beschäftigt sie ein anderes Problem. Unterwegs mit der Feuerwehr im sächsischen Waldbrand-Gebiet
  • „Ich wollte das nicht erleben“ – Feuerwehr-Chef Karsten Neumann spricht darüber, was die Brände im Nationalpark Sächsische Schweiz so besonders macht, was er kürzlich mit Michael Kretschmer im Wald erlebte – und eine Idee von Donald Trump.
  • Im 18. und 19. Jahrhundert haben Maler die Sächsische Schweiz als romantischen Sehnsuchtsort erfunden. Seit mehreren Wochen mischen sich dort Nebel- und Rauchschwaden. Neben dem Verlust von Natur geht es auch ans Eingemachte unserer kulturellen Identität.
  • Seit seinem Rauswurf beim MDR macht Kabarettist Uwe Steimle sein eigenes Programm bei Youtube. Er tourt auch wieder - und mischt Satire mit politischer Agitation.
  • 20 Jahre nach der großen Flut gehören Grimma und Döbeln zu den schönsten Städten Sachsens. Wie soll man über etwas glücklich sein, das erst durch Leid und Schmerz möglich wurde? Ein Besuch.

Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

„Wtf ich muss in der 14 stehen. In der 14! #plagwitz“– Kim @Gewaesch auf Twitter.

„Die einzigsten Glücksmomente… eigentlich Null. Ich könnt‘ kotzen.“– Sächsischer Radfahrer, der sich den Passo di Tremalzo hochquält.

„Bier wird teurer. Es wird Zeit Biernotgemeinschaften zu gründen und ich würde mich über eine Aussage von @sternburgbier freuen, die ungefähr so klingt: ‚Das Bier ist sicher.‘“– Grünen-Stadtrat Jürgen Kasek per Twitter zu kommenden Bierpreiserhöhungen.

Zuletzt hat mich interessiert

In einigen Leipziger Cafés und Bars liegt jetzt wieder die aktuelle „We Ride Leipzig“ aus. Ein Magazin, das die Menschen der Stadt zusammen mit ihren Fahrrädern porträtiert. Gutes Konzept, irgendwie. Sage jetzt ich als chronischer Miet- und Leasing-Rad-Nutzer, der gar kein eigenes besitzt. Sei‘s drum. In der aktuellen Ausgabe stellt sich auch LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa dem Vorwurf, LVZ würde in Wahrheit für „Leipziger Verkehrszeitung“ stehen (wird so immer mal auf Twitter behauptet). Das Interview und die ganze Ausgabe kann man hier nachlesen.

Regisseur Christoph Boekel ist 1985 den Weg seines Vaters nachgereist, dessen Division 1941 an die Ostfront verlegt wurde – und bis kurz vor Moskau kam. Boekel hat die Tagebücher des Vaters, die alles penibel beschreiben und auch rechtfertigen. Er besucht die Dörfer, die sein Vater und die Wehrmacht stürmten. Er spricht mit russischen Bauern, die alles miterlebten. Herausgekommen ist damals die Dokumentation „Die Spur des Vaters“ (1989), die ganz langsam erzählt ist, mich aber trotzdem unglaublich gefesselt hat. Jetzt noch ein paar Wochen online in der 3Sat-Mediathek.

Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,

Dein Josa

Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.

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