Newsletter „Heiterblick“

Heiterblick #20: Was eine Leipzigerin über die Montagsdemo denkt

Guten Abend, Leipzig!

Kürzlich interessierte mich die Anekdote einer Frau, deren Eltern in einer sächsischen Kleinstadt leben. Die Eltern seien demonstrieren gegangen, schrieb sie auf Twitter. Der Grund: „Verzweiflung und Wut“. Bloß: Wer die Demo organisiert habe, das wussten sie nicht.

Wahrscheinlich geht es zur Zeit vielen so: Sie sehen es nicht so eng, wer mit ihnen protestiert, wer anmeldet, wer da vorne steht. So lange der Aufruf stimmig ist und genug Wut im Bauch ist, sind sie dabei.

Als ich am Wochenende die verschiedenen Demos in Leipzig begleitet habe, kam ich auf der Kundgebung der „Freien Sachsen“ mit solchen Menschen ins Gespräch. Da waren wirklich nette, ältere, gebildete, gutverdienende Leute. Etwa eine 60-jährige Leipzigerin mit einer Schwerter-zu-Pflugscharen-Fahne. Ich passte sie und ihren Ehemann ab, als sie gerade die Demo verließen. Wohin? „Wir gehen jetzt zu den Linken“, sagte sie.

Aha, manchen scheint es sogar so egal zu sein, wer eine Kundgebung organisiert, dass sie ganz entspannt zwischen Rechtsextremen und Linken hin und her laufen.

Warum sie nicht von Anfang an zu den Linken gegangen sei, fragte ich. „Ich würde mich als Linke bezeichnen, werde aber von den Linken als Rechte bezeichnet“, sagte sie.

Wahrscheinlich ist das ein Gefühl, das viele haben: Sie wissen nicht mehr so genau, wo sie hingehören. Die Parteien, die sie immer wählten, haben sich so grundlegend verändert, dass sie keine politische Heimat mehr haben.

Eine LVZ-Leserin schrieb uns kürzlich nach der Demonstration:

„Ich wehre mich entschieden gegen die Darstellung, dass alle Demonstranten entweder den linken oder rechten Gruppen (Freie Sachsen) zuzuordnen sind. Die meisten der Anwesenden waren wie ich besorgte und frustrierte Bürgerinnen und Bürger, die ihren Protest gegen die Politik der Regierung zum Ausdruck gebracht haben.“

Ich glaube, ich habe keine Angst vor einem heißen Herbst oder einem Wut-Winter. Wenn die Leute sauer sind, sollen sie bitte demonstrieren.

Aber man darf sich Sorgen machen, ob jemand aus der Wut Nutzen schlagen will.

Und, ob es gelingt.

Demo in Leipzig

Demo in Leipzig

 

Wo trifft sich Leipzig gerade?

Am Wochenende hat das Institut für Zukunft nach Corona- und Sommerpause wiedereröffnet. Das ist eine gute Nachricht – nicht nur für Menschen, die gern nach null Uhr Techno hören. Denn das IfZ verwandelt sich auch im Herbst 2022 wieder abwechselnd in einen entspannten Biergarten, einen Ort für politische Vortragsreihen, eine offene Text-und-Sound-Werkstatt oder einen Übungsraum für angehende DJs.

 

Fünf Empfehlungen aus LVZ+

  1. Ist er verrückt? Oder konsequent? Während andere versuchen bei Strom und Lebensmitteln zu sparen, gibt Ben Green sein altes Leben auf und zieht in den sächsischen Wald, wo er als Selbstversorger lebt. Ein Besuch.
  2. Die Empörung über die drohende Abschiebung von Pham Phi Son aus Chemnitz erreicht ganz Deutschland. Doch die Sache ist kompliziert. Wir haben den ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter getroffen.
  3. Die Gruppe um die Leipzigerin Lina E. soll ihre Angriffe auf Rechtsextreme gezielt trainiert haben, unter anderem in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Plagwitz. Was ist das für ein Ort?
  4. Warum musste der 19-jährige Jesse L. im Januar auf gewaltsame Weise sterben? Im Mordprozess am Landgericht Leipzig ließ der Angeklagte Max D. über seinen Verteidiger eine überraschende Erklärung abgeben.
  5. Deutschland will weg vom Gas, und Gerald Kräger soll dabei helfen. Seine Firma baut Heizungen in Nordsachsen. Er und seine Leute sind gefragt wie selten – und ratlos wie nie.

Extra: Wie das Wissen um den Nutzer unseren Journalismus besser macht – und warum uns Daten dennoch nicht steuern. Aus dem LVZ-Transparenz-Blog.

 

Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

  • „Wer jetzt noch nichts hat, wird seinen Ofen nicht heiß bekommen.“ – der Leipziger Kohlehändler Jürgen Enzel, der bis Jahresende ausverkauft ist.
  • „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“ – Ein Drittel aller im Rahmen des Sachsen-Monitor 2022 Befragten.
  • „Fast schon im Wochentakt werden Reifen zerschlitzt, Spiegel abgetreten oder die Ladesäule beschädigt. Wir fragen uns: Was ist die Botschaft dahinter?“ - das Leipziger Unternehmen teilAuto in einem ziemlich verzweifelten offenen Brief an den Stadtteil Connewitz.

Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,

Dein Josa

 

Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.

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