Newsletter „Heiterblick“

Heiterblick #21: Wie Leipzig knutschend durch die Krise kommt

Guten Abend, Leipzig!

Machen uns Krisen zäher? Können wir an Krisen wachsen? Oder schwächen sie uns, treiben sie uns auseinander?

Gestern habe ich vielleicht eine Antwort darauf bekommen. Am Wilhelm-Leuschner-Platz – das hat man vielleicht mitbekommen – war am Vormittag eine alte Fliegerbombe aufgetaucht. Am späten Nachmittag dokumentierte ich zusammen mit unserer Foto-Hospitantin Stella Weiß, wie die Innenstadt geräumt wurde.

Einer unserer Stops: Das Cine Star. Geschlossen. Und alle paar Minuten trudelten jetzt Grüppchen ein. Mit dem festen Vorhaben, jetzt ins Kino zu gehen. Vielleicht schon länger geplant. Schon Tickets gekauft. Schon Babysitter engagiert. An der Glastür lasen sie die Zettel: Heute keine Vorstellung.

Aber niemand reagierte genervt. Viele lachten. Eine Gruppe Fremder schloss sich zusammen und zog weiter ins Passagekino. Ein Pärchen drehte ab und knutschte auf der Treppe rum, was man eben so nach dem Kino tut.

Im Lukas-Bäcker war es ähnlich. Die Leute füllten sich völlig entspannt ihren Kaffee in Pappbecher um und zogen weiter.

In Restaurants wurde in Seelenruhe abkassiert, ausgetrunken, aufgegessen.

Und Mike vom Bratwurststand verkaufte den letzten Rest von seinem Rost schnell gegen Spende und packte dann ein.

Vielleicht sind wir genügsamer geworden. Mit Corona im Rücken und mit Blick auf den Winter, in dem Kultur und Gastronomie vielleicht wieder teilweise abgeschaltet wird, weil wir sparen müssen, ist man dankbar für alles, was geht. Man nimmt es gelassener, wenn plötzlich etwas nicht geht. Kennen wir jetzt ja.

Die hohe Kunst dieses Winters wird darin liegen, dass wir uns fair und einheitlich einschränken. Wir können nicht kleine Kinos abschalten, während andere ihre Pool- und Fußbodenheizung unter Volllast laufen lassen.

Absurder Vergleich? Es geht auch kniffliger. Darf RB Leipzig seine Rasenheizung hochfahren? Sein Flutlicht anschmeißen? Wo sind Strom und Gas gut angelegt, wo nicht? An solchen Fragen wird entschieden, ob uns die Krise uns stärkt oder schwächt.

Denn schwächen wird sie uns ohnehin: Die Gas- und Stromnachzahlungen kommen auf jeden Fall. Manche werden sie stärker treffen als andere. Um das zu verkraften, muss wenigstens der ganze Rest vom Leben stimmen. Und sei es das eine Fußballspiel, auf das man sich im Monat freut.

Ob wir es gut gemacht haben, wird sich dann auch daran zeigen, ob auch bei der nächsten Fliegerbombe wieder jemand knutschend vor dem Kino steht.

Die Innenstadt musste nach dem Fund der Bombe weiträumig evakuiert werden. Anwohnerinnen und Anwohner mussten ihre Häuser verlassen und Geschäfte schließen.

Die Innenstadt musste nach dem Fund der Bombe weiträumig evakuiert werden. Anwohnerinnen und Anwohner mussten ihre Häuser verlassen und Geschäfte schließen.

Wo trifft sich Leipzig gerade?

Durch Energiekrise und gestiegene Gaspreise steht die Brauerei Plagwitz kurz vor der Pleite. Aber Jakob Treige hat eine Idee, wie er die Brauerei durch die Krise bekommt.

Durch Energiekrise und gestiegene Gaspreise steht die Brauerei Plagwitz kurz vor der Pleite. Aber Jakob Treige hat eine Idee, wie er die Brauerei durch die Krise bekommt.

Jakob Treige hat vor drei Jahren mit Bierbrauen angefangen. Mit exorbitant steigenden Energie- und Getreidekosten konnte er damals nicht rechnen. Deshalb braut er jetzt über den Winter viel anderes Zeug: Bierlikör, Cider, Honigvodka. In seiner Kneipe namens „Kessel Buntes“ seiner sogenannten „Plagwitzer Brauerei“ (ein Raum mit ein paar Kesseln) kann man alles kosten. Und vielleicht auch noch ein paar allerletzte Biere abstauben.

Fünf Empfehlungen aus LVZ+

  1. Kann man gleichzeitig für Zeitung und Feuerwehr arbeiten? LVZ-Reporterin Christine Jacob beweist seit fünf Jahren, dass es geht. Im Podcast „LVZ Unsere Story“ erinnert sie sich an den Schicksalstag, an dem sie ihre Entscheidung fällte.
  2. Sie kommen bei Unfällen, Bränden und wenn es stürmt – direkt von der Arbeit, vom Geburtstag ihrer Kinder oder vom Klo. Mehr als 95 Prozent der Feuerwehrleute in Sachsen sind Freiwillige. Aber wie freiwillig kann etwas sein, das alle brauchen? Das System Feuerwehr – am Beispiel von Arzberg.
  3. Das Hip-Hop-Trio K.I.Z witzelt in seinen Texten über Frauenleichen oder Sex mit Minderjährigen. Warum wird es dafür geradezu verehrt – vor allem von Linken? Ein Abend in der Leipziger Arena.
  4. 3000 Kilometer Abwasserkanäle verlaufen unterirdisch durch Leipzig. Von Ehering und Essensreste – was Leipziger die Toilette runterspülen, aber nicht sollten, hat Sven Lietzmann bei einem Besuch in Leipzigs Unterwelt erklärt.
  5. Parks statt Parken? Am Parking Day entstehen auf Leipziger Parkplätzen Freilicht-Cafés, Büchereien und Konzertbühnen. Der Tag soll zeigen, wie öffentlicher Raum ohne Autos aussehen könnte.

Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

  • „Russenliege, wenn man das heute noch sagen darf.“ – Verkäufer einer Gartenliege auf eBay-Kleinanzeigen (meine Kollegin Friederike Pick hat ihn gefunden!)
  • „Lassen Sie es sich schmecken - und ab in Sicherheit!“ – Bratwurst-Mike gestern Nachmittag in der fast leeren Leipziger Innenstadt.
  • „Ich habe jedes Mal Angst, wenn ich mich auf den Asphalt setze.“ – Leipziger Klima-Aktivistin Maike Grunst.

Zuletzt hat mich interessiert

2003 hat der MDR eine Doku-Soap herausgebracht, und… Moment, bitte dranbleiben, es lohnt sich! Jedenfalls wollte der MDR „das Leben der Menschen in der Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Thüringen“ dokumentieren. Titel der Serie: „Artern - Stadt der Träume“. Und ganz ehrlich, es ist ein Zeitdokument. Nachwendeostdeutschland in Reinform. Man hat so etwas noch nicht gesehen. Eine Freundin schrieb mir: „Es ist wirklich ein Quell unendlicher Freude (und des Grauens).“ Am besten mit dieser unendlich närrischen Szene einsteigen. Auf YouTube gibt es dann die ganze Staffel for free.

Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,

Dein Josa

Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.

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