Newsletter „Heiterblick“

Heiterblick #25: Leipzigs wirrstes Plakat und ein großes Trauma

Guten Abend, Leipzig!

Kürzlich bekam ich das Feedback einer Leserin. Sie erzählte mir, dass sie diesen Newsletter ganz gern lese. Insbesondere, wenn es um leichtere Themen geht. In den Tagen des Kriegsbeginns, sagte sie, sei „Heiterblick“ furchtbar gewesen. Zu schwer, zu kompliziert.

Ich nahm mir also vor, für diesen Mittwoch wieder ein leichtes Thema zu finden. Während ich auf die 11 in Richtung Markkleeberg-Süd wartete, dachte ich darauf herum, als ein Auto neben mir an der Ampel hielt, um meine Pläne zu durchkreuzen.

Es handelte sich um einen Transporter mit großer Ladefläche hinten – und drei Sitzen vorne. Drei Männer mit Ruß in den Gesicht saßen darin. Vor sich in die Windschutzscheibe hatten sie einen schwarzen A4-Zettel gelegt, auf dem in weißer Schrift stand:

„Putin blickt

neidisch auf die

Grünen, die in 6

Monaten ein

Land vernichten

ohne einen

Schuss

abzugeben.“

Als die Ampel umschaltete und die drei Männer weiterfuhren, sah ich, was sie hinten auf ihrem Auto geladen hatten: Einen Berg schwarze Kohle. Die Männer profitieren also aktuell vom Weltgeschehen: Kohle ist so rar und teuer wie nie.

Und nun, tja, wurden die Gedanken wieder schwerer. Ich musste daran denken, dass das doch etwas typisch ostdeutsches ist. Man profitiert vom Gang der Dinge, fühlt sich aber trotzdem benachteiligt. Mit der Wiedervereinigung bekam der Osten einen Schub in Sachen Lebensstandard wie wahrscheinlich noch keine andere Region der Welt.

Und trotzdem beschwerte man sich: Man hatte doch mehr erwartet. Ging es denen drüben im Westen nicht noch ein gutes Stück besser? War man doch gar kein vereintes Land? Die Ostdeutschen verstanden, dass die Wiedervereinigung eigentlich eine Übernahme war. Der Schmerz darüber ist heute noch spürbar.

Kürzlich traf ich einen Arbeiter aus dem Leipziger Porschewerk, dem es genauso ging. Er verdient in dem Werk so gut wie kaum jemand in Leipzig. Und trotzdem beklagte er sich bei mir. Die Leute in Stuttgart, also im Porsche-Hauptquartier, sagte er mir, würden noch deutlich besser verdienen. Der Osten sei immer noch eine Art verlängerte Werkbank.

Noch ein Beispiel: Vor einer Weile bin ich durch den Harz gefahren. Am Straßenrand hatte jemand auf seinen Fachwerkhof ein riesiges Plakat gespannt:

„Unser Hof hat

Napoleon, Hitler,

Stalin und Co. überlebt.

Unser Hof überlebt auch

die Grünen!“

Der Spruch ist kämpferischer, aber ähnlich verrückt wie jener der Leipziger Kohlemänner. Wahrscheinlich könnte man viele Belege dafür finden, dass die Grünen eher Politik für Städter, als für Landleute machen. Eher für Akademiker, als für Köhler. Und warum das ein Problem ist.

Aber deswegen gleich mit Stalin vergleichen, mit Hitler? Putin?

Seit einer Weile hängen an Leipziger Kirchen Plakate, die versuchen, den brachialhistorischen Vergleichen etwas Wind aus den Segel zu nehmen:

„22 ist nicht 89 –

Wir leben in keiner Diktatur“

Es scheint einen ostdeutschen, vielleicht auch typisch Leipziger Hang zum Größenwahn zu geben. Nicht im Sinne von: Man hält sich selbst für die Größten. Sondern: Man hält sich für klein und für einen Spielball der Geschichte. Was man ja auch gerade noch war.

Es ist also wie bei jeder Plakatwerbung: Man kann den ganzen großen Minderwertigkeitskomplex dahinter mitdenken. Oder einfach weggucken.

Nur allein darüber zu lachen oder zu schimpfen, wäre mir eine Spur zu einfach.

Drei Leipziger Kohlemänner und ein Zettel mit historischem Hintergrund

Drei Leipziger Kohlemänner und ein Zettel mit historischem Hintergrund

Wo trifft sich Leipzig gerade?

"The Breakfast Club" in einem großbürgerlichen Hinterhaus auf der Karl-Liebknecht-Straße.

"The Breakfast Club" in einem großbürgerlichen Hinterhaus auf der Karl-Liebknecht-Straße.

Was ist die Lieblingsmahlzeit der Franzosen? Sicher das Abendessen, üppig und mit Rotwein. Italiener? Vielleicht die schnelle, aber zauberhafte Nudel zum Mittag. Deutsche würden garantiert das Frühstück nennen. Getreide, Körner, Brot, Aufschnitt und Aufstrich: Deutsche Qualitäten finden alle morgens auf dem Esstisch statt. Ganz so bieder ist das Frühstück im „Breakfast Club“ nicht. Hier gibt es auch Shakshuka, oder Waffeln. Und es muss auch nicht ganz preußisch früh schon losgehen, darf sich bis in den späten Nachmittag ziehen. Aber: Das Konzept Frühstück ist weiterhin gesetzt. Das ist spätestens bewiesen, wenn sich dieser Laden hier hält.

The Breakfast Club, Karl-Liebknecht-Straße 12. Geöffnet täglich außer dienstags von 9 bis 16 Uhr. Hier geht zum Menü.

Fünf Empfehlungen aus LVZ+

  1. „The Breakfast Club“ im Wünschmann-Haus auf der Karl-Liebknecht-Straße bläst frischen Wind in die Leipziger Gastro-Szene – nicht nur morgens, verspricht Betreiber Aimal Barikzay. Wir haben uns das neue Lokal angeschaut. Lesen
  2. Ein Leipziger Ordnungsamtsmitarbeiter wird von seinem Vorgesetzten angezählt: Er habe in einer Straße Strafzettel verteilt, in der eigentlich weggeschaut werden soll. Wie kann das sein? Lesen
  3. Und: Auf einigen Straßen Leipzigs parken Autos verbotenerweise auf dem Gehweg, ohne dafür einen Strafzettel zu bekommen. Grund sind personelle Engpässe – und die Angst vor Klagen. Lesen
  4. „Es ist wie eine Sucht“ – Auch in Leipzig gibt es immer mehr Menschen, die Pfandflaschen sammeln, um an Geld zu kommen. Finanzielle Not ist allerdings nicht der einzige Grund für die Jagd nach verwertbarem Glas oder Blech. Lesen
  5. Friedhöfe sind nicht nur Orte zum Trauern und Gedenken. Viele Menschen kommen zum Spazierengehen, Fotografieren, Rumsitzen. Ein Besuch auf dem Leipziger Südfriedhof, den sich schon seine Planer genauso gedacht hatten: als einen Ort der Lebenden. Lesen

Wortmeldungen: Leipzig, Sachsen, der Osten

Zuletzt hat mich interessiert

Ein Mann kommt in eine Bar und weiß nicht, dass der Typ da am Tresen sein Leben verändern wird. So lässt sich der Plot von „Nebenan“ zusammenfassen, einem Ost-Berliner-Drama, das man auch Kammerspiel nennen darf, weil es sich eben fast ausschließlich in besagter Bar abspielt. Mit Daniel Brühl, Peter Kurth und der grandiosen Barkeeperin Rike Eckermann, geschrieben von Daniel Kehlmann. Der Film ist schon 2021 erschienen, ich empfehle ihn jetzt, weil er neuerdings auf Netflix zur Verfügung steht - oder, ohne Abo, bei Amazon Prime, Sky und Apple TV.

Vielen Dank fürs Lesen und bis in zwei Wochen,

Dein Josa

Was ist Heiterblick?

Eigentlich ein Leipziger Stadtteil, da oben im Nordosten. Dieser Newsletter handelt nicht von dem Stadtteil, er ist ein Leipzig-Newsletter. Aber ich möchte den Namen des Stadtteils neu beleben, daher borge ich ihn mir. Natürlich nicht, ohne vorher einmal nach Heiterblick gefahren zu sein – und seinen idyllischen Müllberg erklommen zu haben.

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