Exzellenz-Antrag

„Je ärmer, desto dicker“: Wieland Kiess über Leipziger Adipositas-Projekt

Wieland Kiess, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Leipzig.

Wieland Kiess, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Leipzig.

Leipzig. Die Universität Leipzig kann mit ihrem Wissenschaftscluster "Adipositas verstehen" im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb am Dienstag eine wichtige Hürde nehmen. Ein Wissenschaftlerteam verteidigt den Antrag in Bonn bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Wieland Kiess, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, stellt das Projekt am Abend im Paulinum interessierten Leipzigern vor.

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Was hängt von dem Tag ab?

Viele Millionen Euro langfristige Förderung und Prestige. Aber wie geht dieser Spruch? „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.“ Auf Förderungen trifft das auch zu. Schon die Tatsache, dass wir in die nächste Runde gekommen sind, ist jedoch ein Achtungserfolg: der Lohn für die viele Jahre anhaltende Schwerpunktbildung in Uniklinikum und medizinischer Fakultät und die Zusammenarbeit mit den Kultur-, Kommunikations- und Geisteswissenschaften.

Warum ist Übergewicht ein Thema für so viele Fachdisziplinen?

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Weil sie bei weitem nicht nur die Medizin betrifft. Adipositas ist komplex. Wo wohne ich? Wann esse ich? Wie schnell esse ich? Von was für Tellern esse ich? All das spielt eine Rolle, ob jemand dick wird oder schlank bleibt. Wir wissen, dass Schnellesser zunehmen und man von kleinen Tellern weniger zu sich nimmt. Jugendliche, die frühstücken, haben weniger Gewicht als ihre Freunde, die morgens ohne Essen das Haus verlassen, dann aber über den Tag verteilt irgendwelche Riegel snacken und darüber den Überblick verlieren.

Warum ist es so entscheidend, sich früh im Leben richtiges Essen anzugewöhnen?

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Eine langangelegte Studie aus Finnland hat ergeben, dass Drei- bis Fünfjährige, die in regelmäßigen Mahlzeiten Obst und Gemüse statt Fast Food und Süßigkeiten essen, mit 50 weniger dick sind, weniger Bluthochdruck und weniger Typ-2-Diabetis haben. Auch Süßgetränke gehören nicht in Kinderhände. Wasser statt Cola! Und es ist völlig falsch, Säuglinge mit gesüßter Folgemilch zu ernähren.

„Ich würde die Werbung für Süßgetränke verbieten“

Wie lassen sich junge Menschen zu gesunder Lebensweise motivieren?

Erstens in der Familie. Wenn der Vater vor dem Fernseher Bier trinkt, sich die Mutter nur bis zur Chipstüte bewegt, und keiner in der Familie kocht, wird es schwierig, dem Kind zu sagen, iss Obst und Gemüse. Zweitens kann die Gesellschaft was tun. Eine Zuckersteuer ist eine Idee, aber statt die Ärmsten der Armen mit einer Abgabe zu belasten, würde ich die Werbung verbieten. Wenn ich eine solche Pampe mit Comicfiguren oder Sport­idolen bewerbe, wollen Kinder das auch trinken.

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Dabei wäre es ja an sich nicht so verkehrt, Sportlern nachzueifern.

Absolut. Daher haben wir mit der Stadt Leipzig und der AOK das Projekt „Grünau bewegt sich“ initiiert. Wenn man aber in Sachsen momentan überlegt, ob man den Unterricht in Sport, Musik oder Kunst abschaffen soll, ist schon die Frage verkehrt. Die Kinder brauchen alle drei Fächer. Spaß und Kreativität verhindern Übergewicht. Wir sollten investieren, dass sie nicht auf der Straße, sondern in Grünräumen Fußball, Federball oder Fangen spielen können und unfallfrei mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule gelangen.

Warum ist das Projekt in Grünau angesiedelt?

Der Zusammenhang ist in Deutschland ganz einfach: je ärmer, desto dicker. Erstaunlicherweise ist das in anderen Ländern umgekehrt. In Brasilien, Arabien, auch in China sind die Reichen und Gebildeten adipös, weil Fast Food dort anders als bei uns eher teuer ist. Dagegen ernährt sich die ärmere, ländliche Bevölkerung in solchen Ländern meist traditionell mit viel Gemüse. In den USA wendet die durchschnittliche Mutter zwei Minuten auf, um das Abendessen zu „kochen“ – es in die Mikrowelle zu stecken. Das ist gruselig.

Gibt es keine gute Nachricht?

Doch! Seit einigen Jahren nimmt die Zahl adipöser Kinder in Deutschland nicht mehr zu. In Schweden, Frankreich, Australien und Kanada ebenso. Das zeigt, dass es einen Effekt hat, darüber zu forschen und darüber zu reden. Nur bei den Jugendlichen ist der Umschwung leider nicht angekommen. Deren Zahl steigt weiterhin.

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Was wird aus dem Adipositas-Projekt, wenn die DFG nach der heutigen Verteidigung dann im September den Daumen senkt?

Dann machen wir trotzdem weiter, aber das sollten wir den Förderern vielleicht lieber nicht sagen (lacht). Mit den Mitteln aus dem Exzellenz-Programm könnten wir freilich weit mehr bewegen. Wir könnten vor allem die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter ausbauen, um unsere präventiven Projekte voranzutreiben.

Wieland Kiess, Dienstag, 19 Uhr, Paulinum, Augustusplatz 10, Eintritt frei

Von Mathias Wöbking

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